Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Ambulant vor stationär: «Leere Spitalbetten müssen verschwinden»

Während die Kantone mit der Devise «ambulant vor stationär» viel Geld sparen, lassen sich bestimmte Eingriffe nicht mehr kostendeckend durchführen. Ein Branchengespräch in Luzern machte klar: Geht es nach Krankenkassen und Ärzten, muss die Finanzierung neu geregelt – und die Spitalinfrastruktur angepasst werden.
Evelyne Fischer
Arzt Josef E. Brandenberg (rechts) im Gespräch mit Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse und Moderator Hannes Blatter. (Bild: RVK/Monique Wittwer, Luzern, 29. Juni 2018)

Arzt Josef E. Brandenberg (rechts) im Gespräch mit Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse und Moderator Hannes Blatter. (Bild: RVK/Monique Wittwer, Luzern, 29. Juni 2018)

«Der jetzige Weg ist falsch. Man hat Listen eingeführt, ohne Fehlanreize zu eliminieren.» Die Aussage des Luzerner Arztes Josef E. Brandenberg, Präsident von FMCH – dem Dachverband von 16 chirurgisch und invasiv tätigen Fachgesellschaften – lässt keinen Zweifel daran: Die Diskussion über «ambulant vor stationär» ist noch längst nicht abgeschlossen. Per 1. Juli 2017 ist im Kanton Luzern die sogenannte 12er-Liste eingeführt worden. Die darauf verzeichneten Eingriffe werden seither nur noch vergütet, wenn sie ambulant erfolgt sind. Laut Kanton konnten dadurch in den ersten sechs Monaten 1,5 Millionen Franken eingespart werden. Denn: Während sich der Kanton zu 55 Prozent an stationären Behandlungen beteiligen muss, werden ambulante Kosten vollständig durch die Krankenversicherer – also über die Krankenkassenprämien – gedeckt.

Josef E. Brandenberg war wie Hanspeter Vogler, Leiter des Fachbereichs Gesundheit beim Luzerner Gesundheits- und Sozialdepartement, sowie Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse, zu Gast an der Delegiertenversammlung des RVK mit rund 45 Teilnehmern. Der Verband mit Sitz in Luzern bietet Dienstleistungen und Versicherungen für den Gesundheitsmarkt an und vertritt laut eigenen Angaben 25 Krankenkassen mit rund 680'000 Versicherten.

RVK tagte dieses Jahr im Hotel Astoria in Luzern. (Bild: RVK/Monique Wittwer, 29. Juni 2018)
Hanspeter Vogel, Leiter Fachbereich Gesundheit beim Kanton Luzern, im Gespräch mit Moderator Hannes Blatter. (Bild: RVK/Monique Wittwer, 29. Juni 2018)
Arzt Josef E. Brandenberg (rechts) im Gespräch mit Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse und Moderator Hannes Blatter. (Bild: RVK/Monique Wittwer, 29. Juni 2018)
Am Podium in Luzern diskutierten Experten über «ambulant vor stationär». (Bild: RVK/Monique Wittwer, 29. Juni 2018)
Am Podium in Luzern diskutierten Experten über «ambulant vor stationär». (Bild: RVK/Monique Wittwer, 29. Juni 2018)
Hanspeter Vogel, Leiter Fachbereich Gesundheit beim Kanton Luzern. (Bild: RVK/Monique Wittwer, Luzern, 29. Juni 2018)
Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse, während des Podiums in Luzern. (Bild: RVK/Monique Wittwer, 29. Juni 2018)
Am Podium in Luzern diskutierten Experten über «ambulant vor stationär». (Bild: RVK/Monique Wittwer, 29. Juni 2018)
Ohne stationäre Mandel-OP gäbe es seine Band heute nicht: Moderator Hannes Blatter. (Bild: RVK/Monique Wittwer, Luzern, 29. Juni 2018)
9 Bilder

Luzern: Impressionen vom Podiumsgespräch des RVK

Steuerzahler subventionieren stationäre Eingriffe

Wenig überraschend trat Hanspeter Vogler als klarer Verfechter der 12er-Liste an, die mittlerweile auf 18 Eingriffe angewachsen ist: «Heute sind nicht medizinische Gründe dafür ausschlaggebend, ob jemand ambulant oder stationär behandelt wird. Es sind finanzielle Anreize.» Anhand der Kniespiegelung rechnete er vor: Ambulant kostet diese 2350 Franken, stationär zahlen der Kanton und die Krankenversicherer 2725 respektive 2525 Franken an den Eingriff.

«Es kann doch nicht sein, dass der Steuerzahler einen lukrativen Zusatzversicherten subventioniert, nur damit dieser eine bessere Behandlung erhält.»

Hanspeter Vogler, Gesundheits- und Sozialdepartement

Je besser jemand versichert sei, desto eher werde stationär behandelt. Aber: «Es kann doch nicht sein, dass der Steuerzahler einen lukrativen Zusatzversicherten subventioniert, nur damit dieser eine bessere Behandlung erhält.»

Im Kanton Luzern werden derzeit folgende Eingriffe in der Regel ambulant durchgeführt:

  • Herzkatheteruntersuchung
  • Karpaltunneloperation
  • Operation grauer Star
  • Herzschrittmacher
  • Eingriffe an Blutgefässen
  • Krampfaderoperation
  • Gaumen- und Rachenmandeln
  • Hämorrhoiden
  • Leistenbruchoperation
  • Eingriffe an der Gebärmutter
  • Eingriffe am Gebärmutterhals
  • Kniespiegelung
  • Eingriffe am Kniemeniskus
  • Steinzertrümmerung in Niere, Blase und Harnleiter
  • Operationen am Penis
  • Halluxoperationen
  • Implantatentfernungen
  • Herzkranzgefässerweiterungen

Handlungsbedarf sieht Vogler ferner beim Zeitpunkt des Spitaleintritts: Viele Patienten würden am Vortag einer Operation aufgeboten, obwohl dies nicht nötig wäre. Eine Analyse aus den Jahren 2015/16 habe gezeigt: Jährlich gibt es im Schnitt 1000 unnötige vorzeitige Eintritte. «Dies kostet uns 0,5 Millionen Franken.»

National Einsparungen von 90 Millionen Franken

In den drei Referaten und dem anschliessenden Podium unter der Leitung von Moderator Hannes Blatter kristallisierten sich zwei Brennpunkte heraus: Die Finanzierung der Leistungen muss neu geregelt und die Spitalinfrastruktur angepasst werden. Wie Verena Nold von Santésuisse vorrechnete, soll die Verlagerung von stationär zu ambulant national zu Einsparungen von 90 Millionen Franken führen. Gesamthaft verursachen stationäre Behandlungen Kosten von 12 Milliarden. «Die Wirkung der Liste geht somit im Rauschen unter.»

«Mit Pauschaltarifen für ambulante Eingriffe könnten Fehlanreize beseitigt werden.»

Verena Nold, Direktorin Krankenkassenverband Santésuisse

Zudem ist laut der Santésuisse-Direktorin nicht überall das Sparpotenzial gegeben: Die Herzkranzgefässerweiterung – auch auf der Luzerner Liste verzeichnet – kostet ambulant (12'590 Franken) gar mehr als stationär (9900). Für diesen «Systemfehler in der Finanzierung» gebe Santésuisse jährlich 38 Millionen Franken aus. Nold bilanzierte: «Es ist medizinisch sinnvoll, dass man ambulante Eingriffe fördert. Aber es braucht flankierende Massnahmen. Mit Pauschaltarifen für ambulante Eingriffe könnten Fehlanreize beseitigt werden.»

Spitalinfrastruktur braucht Anpassungen

Gleicher Meinung war Arzt Josef E. Brandenberg. Denn: Gewisse Eingriffe in der Hand- oder Augenchirurgie liessen sich heute nicht mehr kostendeckend durchführen. Er erläuterte zudem die Idee der «Produktionsstrasse»: Mit der Verlagerung in den ambulanten Bereich brauche es neue Warte- und Überwachungszonen im Spital. Für die Nachsorge sei ein gutes Spitex-Netz vonnöten, gerade für ältere Patienten. Es brauche auch ein Notruf-System, falls Komplikationen auftreten. Das führe zu Mehrkosten.

«Die entscheidende Frage ist: Was passiert mit den leeren Betten?» Erst wenn diese abgebaut würden, komme es effektiv zu Einsparungen. «Wenn man jetzt ambulant vor stationär operiert, fliegt man quasi mit einem Jumbojet von Zürich nach Genf. Ein Regionalflieger würde aber reichen.»

«Wenn man jetzt ambulant vor stationär operiert, fliegt man quasi mit einem Jumbojet von Zürich nach Genf. Ein Regionalflieger würde aber reichen.»

Josef E. Brandenberg, Arzt und Präsident FMCH

Brandenberg konterte ferner die Kritik von Vogler an den Spital-Eintritten am Vortag: Finde die Eintrittsvisite am Tag der Operation statt, führe dies häufig zu Problemen: Oft erscheine der Patient nicht mit nüchternem Magen zur Operation oder habe Medikamente eingenommen respektive versehentlich ausgesetzt. Zudem werde das Timing für den Eingriff aufwendiger: Die erste OP finde in der Regel zwischen 7.30 oder 8 Uhr statt, die letzte müsse vor 17 Uhr starten.

Ohne Mandel-OP im Spital keine «Jolly and the Flytrap»

«Hätte die Devise ‹ambulant vor stationär› bereits in meiner Kindheit gegolten, gäbe es meine Band heute wohl kaum.» Mit seinem sympathischen Einstieg hatte Hannes Blatter, Moderator des RVK-Podiums, die Aufmerksamkeit der rund 45 Delegierten gewonnen. Der gebürtige Engelberger Blatter bietet Politikberatungen an, ist daneben aber auch Bassist von «Jolly and the Flytrap». Die Geschichte mit der Mandel-OP ging so: Als Zehnjähriger musste sich Blatter diese entfernen lassen. Der Eingriff wird heute in der Regel ambulant durchgeführt, damals verbrachte er beinahe eine Woche im Spital. Immerhin: Mit Daniel im Bett daneben lernte er einen guten Freund kennen. Heute steht dieser als Schlagzeuger mit Blatter auf der Bühne. (fi)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.