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An Luzerner Schulen ist die Integrative Förderung nicht immer integrativ

Kinder mit Defiziten oder Begabungen brauchen zusätzliche Unterstützung. Diese soll gemäss Kanton möglichst im Klassenzimmer stattfinden. Doch die Praxis sieht anders aus, wie ein Bericht der Stadt Luzern zeigt.
Yasmin Kunz
Selbst wenn die Schüler die gleiche Klasse besuchen, weisen sie unterschiedliche Lernniveaus auf. (Symbolbild: Boris Bürgisser, 27. März 2018)

Selbst wenn die Schüler die gleiche Klasse besuchen, weisen sie unterschiedliche Lernniveaus auf. (Symbolbild: Boris Bürgisser, 27. März 2018)

Integrative Förderung (IF) an der Volksschule hat zum Ziel, dass Schülerinnen und Schüler individuell durch eine Fachperson unterstützt werden. Dieses Angebot gilt für Schüler mit Lernschwierigkeiten und für solche mit Begabungen. Im Zentrum der integrativen Förderung, die 2011 im Kanton Luzern flächendeckend eingeführt wurde, steht der Klassenunterricht.

So hält es die Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern fest. Alle im selben Klassenzimmer – dieser Grundsatz ist nicht immer realistisch. Das zeigt der neuste Bericht «Raumprogramm Volksschule» des Luzerner Stadtrats. Mit zunehmender Praxiserfahrung zeige sich, dass die Integrative Förderung hin und wieder in getrennten Räumen stattfindet. Also separativ statt integrativ.

Besteht hier also eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis? Für Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern, ist das kein Widerspruch:

«Bei einzelnen Schulhäusern mag das in der Praxis so sein, aber über den ganzen Kanton hinweg betrachtet, ist diese Feststellung nicht zutreffend.»

Gewiss sei der IF-Unterricht im Gruppenraum im «speziell definierten Einzelfall sinnvoll, sollte aber nicht die Regel sein». Auch in der Stadt Luzern sei das nur die Ausnahme und nicht der Regelfall, wie Vincent betont. Gleichzeitig sagt er: «Es braucht eine Variation der didaktischen Formen und dazu gehört auch der Unterricht im Gruppenraum.»

Gruppenraum als wichtige Ausweichmöglichkeit

Alex Messerli ist selber Primarlehrer in der Stadt Luzern und Präsident des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands. Er pflichtet Vincent bei:«Es gibt verschiedene Formen, wie IF unterrichtet werden kann. Teilweise geschieht es im Klassenzimmer, teilweise in Gruppenräumen.» Ziel sei es, die Kinder während der Anwesenheit der IF-Lehrperson effektiv und gezielt zu fördern. Abhängig sei die Form des IF-Unterrichts zudem vom Lerninhalt. Er macht ein Beispiel: «Erhalten die Schüler die Einführung in ein neues Thema, mag es sinnvoll sein, dies separat zu tun. Schon nur, weil es wegen der Akustik schwierig wird, zwei Gruppen im gleichen Schulzimmer in ein Thema einzuführen.» Zur Regel werden dürfe das aber nicht, betont er. Gleicher Meinung sind zwei Seklehrpersonen aus der Stadt Luzern (siehe Box am Ende des Textes).

Charles Vincent ortet dennoch Verbesserungspotenzial punkto integrativer Förderung. So sollen künftig die Aufgaben für IF-Lehrpersonen erweitert werden, indem sie beispielsweise auch Deutsch für Fremdsprachige (DaZ) unterrichten. Bis dato wird DaZ an vielen Schulen von Klassen- oder Fachlehrern übernommen. Vincent sagt:

«Damit wollen wir die Zahl von Pädagogen an einer Klasse reduzieren.»

Indem die IF-Lehrerin – meistens sind es Frauen – weitere Unterrichtsbereiche übernimmt, wird ihre Präsenz in der Klasse gestärkt. Das fördert folglich die Zusammenarbeit mit den Schülern sowie mit der zuständigen Klassenlehrperson. Weitere Entwicklungsmassnahmen werde man nach Abschluss der Evaluation IF/IS haben. Die Ergebnisse werden im Frühjahr 2020 erwartet.

Von Spezialräumen sollen alle Kinder profitieren

Zurück zur Volksschule Stadt Luzern: Dass IF hin und wieder in separaten Zimmern ausgeführt wird, habe wohl auch organisatorische Gründe, wie der Dienststellenleiter Charles Vincent vermutet. «Auf diese Weise braucht es weniger Absprachen während des Unterrichts mit der zuständigen Klassenlehrperson.» Dazu braucht es auch Gruppenräume. Die Stadt Luzern hält in ihrem Bericht fest, dass «pro sechs Abteilungen ein Raum für die Integrative Förderung in Gruppenzimmergrösse benötigt wird». Vincent bestätigt diese Formel. Er fügt aber an: «Die Notwendigkeit von Gruppenräumen nur mit dem IF-Unterricht zu begründen, greift zu kurz und zeugt von einem überholten Bild.»

Gruppenräume seien auch für einzelne Sequenzen im Halbklassenunterricht, Unterricht für DaZ oder für individuelles Arbeiten der Schüler da. Deshalb seien zumindest im Kindergarten, in der Basisstufe und in der Primarschule eher mehr Gruppenräume nötig als die Stadt offenbar plant. Insbesondere bei neu gebauten Schulhäusern werde darauf geachtet, dass pro Klasse beziehungsweise pro zwei Klassen ein Gruppenraum zur Verfügung steht.

Das sagen Seklehrer zur integrativen Förderung

In der Stadt Luzern wird – im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden – auch auf Sekundarstufe integrativ unterrichtet. Ein betroffener Seklehrer findet das IF-Modell «grundsätzlich sehr gut», wie er sagt. «Die schwächeren Schüler erhalten Unterstützung im Klassenzimmer. Dadurch sind sie nah am Geschehen dran und fühlen sich nicht ausgeschlossen», sagt der Pädagoge, der nicht namentlich erwähnt werden will. Schwierig werde es dann, «wenn die Schüler leistungsmässig nicht annähernd das Niveau der Mitschüler aufweisen». Und je weiter diese Schere aufgehe, desto mehr Unterstützung bräuchten die Lernenden. Heisst: Sie brauchen quasi eine Lehrperson, die ihnen von A bis Z alles erklärt. «Und das geht im regulären Setting, also im Klassenzimmer, schlecht. Grund dafür ist zum Beispiel die Akustik.» In solchen Fällen würde er auf einen separaten Raum zurückgreifen, damit die Konzentration der anderen Schüler nicht gestört werde.

Lehrer fordern mehr ausgebildete IF-Lehrpersonen

Dem schliesst sich eine Seklehrerin aus der Region Luzern an. Auch sie will anonym bleiben. «Wenn die Ablenkung für die anderen Schüler zu gross ist, dann ist der Gruppenraum der richtige Ort für die IF-Schüler.» Beide berichten, dass es ihnen wichtig ist, den IF-Unterricht so oft wie nur möglich im Klassenverband laufen zu lassen.

Der Lehrer bilanziert die IF so: «Das System ist grundsätzlich fantastisch, weil es versucht, allen Schülern gerecht zu werden und alle so gut wie möglich in den Klassenverband zu integrieren.» Doch dieses Modell gehe für ihn letztlich nicht auf, weil die Mittel fehlen. «Es gibt Schüler, die brauchen rundum Betreuung. Da reichen vier bis sechs Lektionen mit einer IF-Lehrperson nirgends hin.» Man könnte nun sagen, dafür sei der Lehrer zuständig, «aber das ist schlicht nicht machbar». Er habe aktuell eine Klasse mit drei Schülern, die IF benötigen. Nicht zu vergessen, die anderen 15 Schüler, die noch im Klassenzimmer sitzen. «Auch die sind unterschiedlich weit, was den Lernstoff betrifft.» So würde er schon nur für die regulären Schüler Material für drei verschiedene Niveaus vorbereiten.
Die Lehrerin ist gleicher Meinung und ergänzt: «Mit zusätzlichen Mitteln sind auch Räumlichkeiten, ausgebildete Fachkräfte (IF) und bessere Besoldung für den Mehraufwand gemeint.» Zudem wünschten sich beide Pädagogen, dass sich dieses Modell nicht nur auf die Fächer Mathe und Deutsch beschränkt. «Auch in anderen Fächern wie etwa Geografie oder Geschichte wäre eine integrative Förderung hilfreich und würde die Fachlehrperson entlasten.»

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