Kolumne
Analoges Schaulaufen: Vom Delegationsmarathon am Vereinskonzert

In der aktuellen Kolumne «Landauf, landab» betreibt Redaktorin Evelyne Fischer Aufklärungsarbeit für Städter. Heutiges Thema: Delegationskarten.

Evelyne Fischer
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Einladung zur Weihnachtsausstellung meiner Schwester in einem Sarner Blumenladen? «Zusagen.» Konzert einer Schulkollegin im Somehuus Sursee? «Interessiert.» Jazzabend in der Stadtmühle Willisau? Hm, Terminkollision. «Ignorieren.» Klick für Klick reagiere ich auf jede Einladung, die via Facebook auf dem Handy landet. Und erfahre mit jeder Zusage, wer sich da sonst noch blicken lässt. Digitales Sehen-und-Gesehen-werden.

Das analoge Schaulaufen nennt sich Delegationskarte. Ein Land-Unikum. Als mein Chor jüngst im Wiggertal konzertierte, begrüsste unsere Präsidentin die anwesenden Vereinsdelegierten. Altebasso-Chor Nebikon, Kirchenchor Nebikon, Trachtenchor Nebikon, Füürwehrchörli Nebikon, Seniorenchörli Nebikon, Canto Insieme Buttisholz, Canto Willisau, Projektchor Willisau ... unwissende Städter dürften sich an dieser Stelle fragen: Sind die freiwillig da oder haben sie eine vereinsinterne Wette verloren? Führt jemand Buch, ob der jeweilige Gegenbesuch eingelöst wird? Will man auf elegante Art und Weise die Konkurrenz aushorchen? Gar potenzielle Sänger abwerben? Oder geht es einzig darum, den Saal zu füllen?

Antworten will ich hier keine liefern, dafür aber eine Anekdote: Mein Jassclub (der notabene einzig aus vier Frauen besteht) machte sich in den Anfängen einen Spass daraus, seine Anwesenheit an Vereinskonzerten oder Turnshows mit einer selber gebastelten Delegationskarte kundzutun. Schon bloss des grossartigen Raunen wegens, das beim Verlesen der unbekannten Auswärtigen des Jassclubs Il Fuorn durch die Reihen ging – womit ich uns hiermit outen würde.

Hinweis: Am Freitag äussern sich jeweils Gastkolumnisten und Redaktoren unserer Zeitung zu einem frei gewählten Thema.