ANalyse
Neuer Luzerner Bahnhof: Träumen erlaubt – aber jetzt braucht die Stadt Pragmatismus

Wie soll das Gebiet rund um den Luzerner Bahnhof 2040 aussehen? Nun kommen auch utopische Lösungen ins Spiel. Das muss nicht schlecht sein – trotzdem sollte sich die Stadt nun auf das Wesentliche konzentrieren. Denn Luzern muss auch in Bern Farbe bekennen.

Roman Hodel
Roman Hodel
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Ein paar wenige Velofahrer benützen die Zentralstrasse. Diese ist gesäumt von einem Grünstreifen, woraus imposante Bäume wachsen. Rechts davon ist ein weitläufiger Platz auszumachen, zu einem grossen Teil überdacht, dahinter steht der Westtrakt des Luzerner Bahnhofs. Unter dem Dach hält gerade ein Bus, Passagiere steigen um auf eine S-Bahn:

Team Güller Güller, Atelier Brunecky, Zürich

So stellt sich ein Team bei der von der Stadt Luzern in Auftrag gegebenen Testplanung Durchgangsbahnhof den künftigen Bahnhofplatz West vor. Er könnte zusammen mit dem künftigen Bahnhofplatz Ost den bestehenden Bahnhofplatz im Norden entlasten.

So weit, so gut. Auf der Visualisierung herrscht allerdings Lockdown-Atmosphäre. Die wenigen Pendler dürften kaum jenem Personenaufkommen entsprechen, mit welchem die Planer am Bahnhof Luzern ab 2040 rechnen. Ebenfalls unwahrscheinlich ist, dass die Zentralstrasse zu einer autolosen Promenade mit üppig bewachsenem Dschungel mutiert. Und: Selbst wenn die Gleise 1 und 2 dereinst rückgebaut werden sollten, so bleibt der Platz hier wohl knapp für eine grosszügige Bushaltestelle.

Der künftige Bahnhofplatz in Luzern?

Der künftige Bahnhofplatz in Luzern?

Visualisierung: Team Güller Güller, Atelier Brunecky

«So wie auf den Visualisierungen wird es kaum herauskommen, aber die Ideen sind vielversprechend», sagte Deborah Arnold, Co-Leiterin Stadtplanung, letzte Woche vor den Medien. Gleichwohl gibt diese Visualisierung einen möglichen Lösungsansatz wieder. Unausgereift zwar, doch dies soll und muss in dieser Phase der Planung möglich sein. Die Verantwortlichen der Stadt Luzern betonten an der Präsentation der Testplanungsergebnisse, dass es sich erst um Empfehlungen handelt und um ein Ausloten der Möglichkeiten.

Wichtig ist nun, dass sich möglichst viele Betroffene in die Diskussion einschalten. Bis Ende April hat jede(r) die Möglichkeit, digital mitzuwirken. Diese Chance sollten wir alle nutzen.

Soll die Personenunterführung Süd zur Ladenpassage werden – oder ist eine solche Konkurrenz zu den Läden in den umliegenden Quartieren nicht wünschenswert? Muss der heutige Bahnhofplatz wirklich zur Hälfte eine Fussgängerzone werden – oder reicht der daneben liegende Europaplatz aus? Gehört die Veloverbindung zwischen Hirschmatt- und Tribschenquartier lieber über oder unter die Gleise? Es gibt zig Fragen, die sich Anwohner, Gewerbler, Pendler stellen. Denn das Gebiet rund um den Bahnhof wird sich wegen des Durchgangsbahnhofs massiv verändern.

Anschauungsunterricht gibt's in Zürich. Der dortige Hauptbahnhof wurde 1990 und 2014 um je einen unterirdischen Durchgangsbahnhof erweitert.

Auf beiden Seiten des oberirdischen Gleisfeldes sind neue Zugänge und Plätze entstanden – etwa bei der Europaallee mit Anbindung ans Tram- und Busnetz. Diese sorgten für neue, mittlerweile stark frequentierte Fussgängerverbindungen. Zumindest so ähnlich könnte ein neuer Zugang und Platz in Luzern ausfallen, etwa auf der Seite Ost (Bürgenstrasse). Allerdings: Die neuen Zugänge und all die neuen Büro- und Wohnhäuser haben in Zürich auch den Druck auf die umliegenden Quartiere erhöht: steigende Mieten, mehr Konkurrenz fürs Gewerbe, Luxussanierungen.

Luzern kann davon lernen – und dank der Testplanung frühzeitig Weichen stellen.

Denn jeder Player hat andere Prioritäten. Klar, die Stadt möchte einen Bahnhof und Quartiere, die leben, keine reine Verkehrsmaschine. Letzteres will der Kanton zwar auch nicht, aber ihm ist wichtig, dass alle Verkehrsteilnehmenden ihren Platz erhalten, dass die Bedürfnisse der ganzen Region berücksichtigt werden – nicht nur jene der Stadt. Und natürlich ist da die SBB, die es bestens verstehen, ihre Grundstücke an allerbester Lage quasi zu vergolden.

Kompromisse werden nötig sein. Auch die Stadt tut gut daran, möglichst bald das Notwendige vom Wünschbaren zu trennen. Denn oberstes Ziel muss das gemeinsame Ziehen am selben Strick sein. Nur wer in Bern geeint auftritt, kann im Bundesparlament dereinst das nötige Geld für die Umsetzung des Megaprojekts Durchgangsbahnhof abholen.

Fatal wäre, wenn sich beispielsweise Kanton und Stadt bezüglich Verkehrsregime in den Haaren lägen.

Wenn in Bern der Eindruck entstünde, die Luzerner wüssten selber nicht, was sie wollen. So würde man anderen Regionen in die Hände spielen, die wie etwa Basel ebenfalls grosse ÖV-Ausbauprojekte in petto haben.