Analyse
Rontalzentrum: Eine Nummer zu gross für das kleine Dorf

Die Dierikoner Stimmbürger haben den vier Wohntürmen neben der Mall of Switzerland eine deutliche Abfuhr erteilt. Das zeigt: Geldversprechen allein reichen nicht als Argument für Grossprojekte, die das Selbstverständnis einer Gemeinde empfindlich tangieren.

Simon Mathis
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Simon Mathis

Simon Mathis

Im Rontal wurde ein weiteres Grossprojekt mit städtischem Charakter bachab geschickt: Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von Dierikon erteilten dem Rontalzentrum an der Gemeindeversammlung vom Dienstag eine klare Absage. Die vier Wohntürme neben der Mall of Switzerland, die rund 350 Wohnungen und Platz für etwa 600 Zuzüger gebracht hätten, sind damit Geschichte.

Das Resultat ist Ausdruck der Wachstums-Skepsis, die auch im Nachbarort Ebikon spürbar ist. Dort hatten die Stimmbürger im vergangenen Februar das MParc-Projekt versenkt, das ähnliche Dimensionen aufwies: 340 Wohnungen waren dort geplant. Der grosse Unterschied: Ebikon hat knapp 14'000 Einwohner, Dierikon gerade mal 1500. Das Rontalzentrum hätte mit einem Schlag einen Bevölkerungszuwachs von über 30 Prozent bedeutet. Für viele barg das unvertretbare Risiken: Braucht es mehr Infrastruktur? Ist mit höheren Sozialhilfekosten zu rechnen? Und wie ist es mit dem Verkehr, der schon heute Probleme macht? Der Dierikoner Gemeinderat konnte diese und weitere Bedenken nicht zerstreuen; die Unsicherheit blieb bis zur richtungsweisenden Abstimmung bestehen.

Eine gewisse Mall-Müdigkeit war an der Gemeindeversammlung ebenfalls zu spüren. Die Dierikoner wollen offenbar keinen zweiten Bau in den Dimensionen der Mall of Switzerland. So sagte die CVP, das Projekt sei «eine Nummer zu gross», die FDP sprach gar von «Grössenwahn».

So hätte das Rontalzentrum neben der Mall of Switzerland aussehen können.

So hätte das Rontalzentrum neben der Mall of Switzerland aussehen können.

Visualisierung. PD

Das Rontalzentrum vermochte nicht zu überzeugen, Begeisterung war an der Gemeindeversammlung erst recht nicht zu spüren. Das zeigt: Ein Bauprojekt nur deshalb zu ermöglichen, weil es steigende Steuereinnahmen verspricht, ist als Begründung nur behelfsmässig. Gerade ein Projekt dieser Grösse muss von sich aus überzeugen, nicht nur durch Geldversprechen. Selbst die Warnung, andere Gemeinden könnten Dierikon abhängen, liess die Bevölkerung nicht gelten. Beispiele wie Kriens und Emmen zeigen zudem, dass mehr Wohnungen nicht zwingend mehr Steuereinnahmen bedeuten müssen.

Dabei gab es nicht nur finanzielle Argumente, die für das Rontalzentrumsprachen. Das Gebäude hätte eine grosszügige Grünzone mit sich gebracht, eine Fussgänger-Passerelle und kleine Geschäftsflächen. Aber davon sprach am Dienstag niemand. Die leidenschaftliche Debatte legt nahe, dass es den Dierikonern vor allem um ihre Selbstwahrnehmung als Gemeinde ging. Wenn man sich als Dorf versteht, sind Wohntürme natürlich fehl am Platz. Allerdings dürften selbst solche Bekenntnisse die Entwicklung des Rontals hin zum Städtischen kaum aufhalten. Der Kanton Luzern hat das Gebiet als einen der grossen Entwicklungsschwerpunkte bestimmt. Das kommt nicht von ungefähr, ist es doch verkehrstechnisch entlang der Achse Luzern-Zug-Zürich ideal gelegen.

Der Dierikoner Gemeinderat tut gut daran, jetzt die Gründe für diese Absage aufzuarbeiten. Wie soll das kleine Dorf im Entwicklungsgebiet in Zukunft nachhaltig wachsen? Auf diese Grundsatzfrage braucht es eine Antwort. Zwar ist die Exekutive auf die Anregungen der Bevölkerung eingegangen, aber sie hat die allgemeine Stimmungslage falsch eingeschätzt – obwohl sie stets betont, aufgrund der tiefen Einwohnerzahl nahe bei den Bürgern zu sein. Deshalb braucht es eine Bevölkerungsumfrage wie in Ebikon nach dem MParc-Aus. Denn die klare Absage zeigt: Der Gemeinderat hat die Anliegen der Dierikoner eben doch zu wenig verstanden.