ANDENKEN: Sepp Renggli war seiner Zeit weit voraus

Mit 90 Jahren ist der Krienser Josef «Sepp» Renggli gestern gestorben. Eine Würdigung für einen grossen Sportjournalisten.

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Eine grosse Nummer im Sportjournalismus: der gebürtige Krienser Sepp Renggli zu Hause im zürcherischen Ebmatingen, fotografiert im April 2014. (Bild: Manuela Jans)

Eine grosse Nummer im Sportjournalismus: der gebürtige Krienser Sepp Renggli zu Hause im zürcherischen Ebmatingen, fotografiert im April 2014. (Bild: Manuela Jans)

Klaus Zaugg

Sepp Renggli ist nicht mehr. Das kann doch nicht wahr sein. Denn mit ihm hat uns nicht nur ein wunderbarer Mensch verlassen. Es ist fast so, als gehe mit ihm der letzte Vertreter des wahren, des geistreichen, des kritischen, des leidenschaftlichen Sportjournalismus.

Er war beim Schweizer Radio ein Pionier, seiner Zeit weit voraus und verschaffte der Sportberichterstattung in leitender Funktion mit Sendungen wie «Sport und Musik» in den 1960er-Jahren die Sendezeit und die Bedeutung, die uns heute so selbstverständlich erscheint. Er war viel mehr als ein Sportreporter und Moderator. Er war einer der letzten «universellen» Reporter mit einem Wissen und Blick weit über den Sport hinaus auf wirtschaftliche, kulturelle und politische Entwicklungen seiner Zeit, und er erkannte die Wechselwirkung auf den Sport.

Seltene Gabe der Selbstironie

Sepp Renggli war ein Entertainer in Wort und Schrift, ein brillanter Kolumnist (u.a. für die «Weltwoche»), ein grandioser Geschichtenerzähler mit einem schier unermesslichen Wortschatz und feinem Humor, eine charismatische Persönlichkeit und mit der unter Journalisten eher seltenen Gabe der Ironie und der Selbstironie.

Köstlich, wie er schon auf ein verweigertes Interview mit der Bemerkung reagierte, es sei ja eigentlich besser, dass jemand, der nichts zu sagen habe, auch nicht rede. In der TV-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts wäre er ein Titan der Unterhaltungsindustrie geworden, eine Mischung aus Günther Jauch, Walter Scheibli und Roger Schawinski (aber mit Selbstironie).

Renggli gehörte zu den Granden seiner Epoche, ja, er war schon zu seinen Aktivzeiten eine Ikone des Sportjournalismus und zusammen mit Walter Lutz, dem Chefredaktor des «Sport», die prägende Persönlichkeit des Schweizer Sportjournalismus im vergangenen Jahrhundert. Und doch ohne alle Allüren und gegenüber jungen Kollegen hilfsbereit.

Unvergessen, wie er etwa noch Jahre später seine Reise zu den Olympischen Spielen in Melbourne 1956 schilderte. Die Reise zog sich damals noch über mehrere Tage hin, mit vielen Zwischenlandungen. Wegen des Ungarn-Aufstandes stand der Boykott der Spiele durch die Schweizer im Raum, und wenn die Schweizer in Melbourne nicht teilgenommen hätten, wäre auch der Reporter Sepp Renggli nicht nach Melbourne entsandt worden. Aber er musste abreisen, bevor der Boykottentscheid gefallen war, und der Radiodirektor stellte die Bedingung: Sollte der Entscheid während seiner Anreise fallen, so hätte Renggli sofort umzukehren.

Renggli ignoriert die Abmachung

Bei der Zwischenlandung und Übernachtung in Hongkong sei das Telegramm aus Zürich eingetroffen: Boykott beschlossen, sofort heimkehren. Er habe das Telegramm in den Papierkorb geworfen, sei weitergereist, und als die Anfrage kam, warum er jetzt in Melbourne sei, habe er gesagt, er habe nie ein Telegramm erhalten. Und berichtete über die Spiele.

Er hat diese letzten Tage der Romantik in der Sportberichterstattung ebenso geprägt wie er die zunehmende Kommerzialisierung des Sports und der Medien sehr wohl verstand.