Ansturm auf Geburtshaus in Oberkirch – weil das Luzerner Kantonsspital Besuche nach der Geburt verbietet

Das Luks verbietet Besuche nach der Geburt. Das sorgt bei schwangeren Frauen für emotionale Reaktionen, beim Geburtshaus für eine grosse Nachfrage und stellt Hebammen vor Herausforderungen.

Fabienne Mühlemann
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«Der Gedanke daran, dass ich nach der Geburt alleine bin, stimmt mich sehr traurig und ist mit Schmerzen verbunden.» Das sagt eine 32-jährige, hochschwangere Frau, als sie von den verschärften Massnahmen im Luzerner Kantonsspital wegen des Coronavirus hört. Seit Montag darf sich der Partner einer gebärenden Frau nur noch für die Geburt im Spital aufhalten. Nach der Verlegung in die Mutter-Kind-Abteilung ist kein Besuch mehr erlaubt, die Familienzimmer stehen nicht zur Verfügung. Eine ambulante Geburt ist für die 32-Jährige nicht möglich, weil sie das Kind mittels Kaiserschnitt zur Welt bringt. Daher ist sie für einige Tage auf die dortigen Räumlichkeiten angewiesen. Eine andere Frau, 30-jährig und ebenfalls im neunten Monat schwanger, pflichtet ihr bei: «Natürlich ist die Situation für alle herausfordernd. Aber mir, als erstmals gebärende Frau, macht das Bevorstehende einfach nur Angst.» Ausserdem verpasse der Vater damit die ersten Tage seines Kindes.

Das Luks versteht die Bedenken der Schwangeren. «Wir sind uns bewusst, dass dies eine einschneidende Massnahme ist. Wir werden diese aber möglichst einfühlsam und mit gesundem Menschenverstand umsetzen», sagt Markus Hodel, Chefarzt der Geburtshilfe. Ziel der Massnahme sei es, Patienten und Mitarbeitende vor dem Virus zu schützen und so das Ansteckungsrisiko zu minimieren. «Erste Erfahrungen zeigen, dass die Eltern dieses ausserordentliche Vorgehen verstehen. Frauen und Partner werden frühzeitig über den Ablauf informiert und auch individuell betreut», sagt Hodel. Er betont ausserdem, dass eine weitere Verschärfung – also dass der Vater nicht mehr bei der Geburt dabei sein darf – kein Thema sei.

So viele Anmeldungen auf einmal wie noch nie

Die neue Massnahme des Luks ist nicht nur für einige werdende Mütter beängstigend, sie hat auch Auswirkungen zum Beispiel auf das Geburtshaus Terra Alta in Oberkirch. «Die Telefone laufen heiss. Wir haben seit dem Besuchsverbot im Kantonsspital sehr viele Anfragen für das Familienwochenbett. Nun sind wir bereits bis Ende Mai auch für die Geburtsbegleitungen ausgebucht», sagt Leiterin Renate Ruckstuhl. Daher wurde nun im Terra Alta ein allgemeiner Anmeldestopp eingeführt, aber nur für Frauen mit Geburtstermin bis Ende Mai. Das sei in den letzten Jahren in einzelnen Monaten auch schon vorgekommen. Ruckstuhl sagt:

«Aber so viele Anmeldungen wie jetzt mussten wir noch nie stoppen.»

Ab Juni habe Terra Alta wieder Kapazitäten, zudem sei der Stand jederzeit auf der Homepage sichtbar. Im Terra Alta gibt es bis zu neun Familienzimmer, die täglich besetzt werden können.

Renate Ruckstuhl (vorne), Leiterin des Terra Alta und Jeannine Bossart, Leiterin Administration.

Renate Ruckstuhl (vorne), Leiterin des Terra Alta und Jeannine Bossart, Leiterin Administration.

Bilder: Nadia Schärli, Oberkirch, 26. März 2020 

Der Grund für den Ansturm ist schnell gefunden: Im Geburtshaus können die Väter ihre Kinder und Frauen auch nach der Geburt noch besuchen. Dies werde voraussichtlich auch so bleiben, da keine Familien mit Symptomen oder Risikogruppen vor Ort seien. Die Partner dürfen aber nicht mehr im Familienzimmer des Geburtshauses übernachten. Auch Ruckstuhl hat Verständnis für die Sorgen der Schwangeren. «Selbstverständlich möchten sie die Partner im Wochenbett nah dabei haben, um gemeinsam diese intensive Zeit zu erleben. Eine emotionale Reaktion auf diese Meldung ist normal, auch weil sich eine Schwangere grundsätzlich in einer sensiblen Phase befindet.»

Es sei nun aber wichtig, dass sich das Virus nicht zu rasch verbreite. Unter dem Personal habe es bis jetzt glücklicherweise noch kaum Krankheitsfälle gegeben. «Trotzdem ist eine gewisse Verunsicherung und Anspannung spürbar, denn die Frau und das Paar brauchen während dieser Zeit und speziell während der Geburt weiterhin zwingend eine Hebammenbetreuung», sagt Ruckstuhl. Dass vom Geburtshaus Personal abgezogen wird, um Corona-Patienten zu betreuen, sei kein Thema. Man stehe aber mit dem Kantonsspital in Sursee in Kontakt und wolle sich gegenseitig mit Hebammen aushelfen, falls es an einem Standort zu Engpässen kommt. «Weiter haben wir von den Fachhochschulen zusätzliche Hebammen, die sich im letzten Ausbildungsjahr befinden, angefordert, um eine gewisse Personalreserve zu haben.» Hier spüre man eine grosse Solidarität, die Hilfsbereitschaft sei wunderbar, sagt Ruckstuhl.

Das Geburtshaus Terra Alta.

Das Geburtshaus Terra Alta.

Kritische Situation bei den Hebammen

Carmen Zimmermann, Co-Präsidentin der Sektion Zentralschweiz des Schweizerischen Hebammenverbands, sieht durch die Einschränkungen der Besuchsrechte im Luks eine grosse Herausforderung auf die freiberuflichen Hebammen zukommen. «Durch das Besuchsverbot wollen viele Frauen nach der Geburt möglichst schnell nach Hause zu ihren Liebsten», sagt Zimmermann. Für die Hebammen bedeute dies, dass mehr Frauen zuhause auf ihre Hilfe angewiesen sind und sie daher flexibel verfügbar sein müssen. «Das ist für uns eine kritische Situation», so die Co-Präsidentin. Denn für Hausbesuche bräuchten die Hebammen Schutzmaterial, hauptsächlich Hygienemasken, um das Neugeborene, die frischgebackene Mutter und sich selber zu schützen. «Der Bestand an Hygienemasken ist aber äusserst knapp», sagt Carmen Zimmermann. «Doch die Hebammen geben ihr Bestes, dass jede Frau und jedes Kind bestmöglich betreut wird.»

Der Hebammenverband weiss um die Ängste der werdenden Müttern. «Es herrscht eine grosse Verunsicherung bei den schwangeren Frauen», sagt Zimmermann.

«Die neuste Massnahme im Luks gefällt uns nicht, doch es gibt leider keinen anderen Weg.»

Es sei nun das Wichtigste, dass Ansteckungen durch das Coronavirus minimiert werden können.

Auslagerung der Geburtshilfe von Wolhusen nach Luzern

Im Rahmen des Ausbaus der Bettenkapazitäten an den Luzerner Spitälern wird ab dem 1. April die Geburtshilfe von Wolhusen in die Frauenklinik Luzern verlagert. Dadurch können Angestellte insbesondere aus der Anästhesie in Wolhusen für den weiteren Ausbau und Betrieb der Intensivbetten für schwerstkranke Corona-Patienten eingesetzt werden. Das gab das Luks am Mittwoch bekannt. Von der Auslagerung betroffen ist das geburtshilfliche stationäre Angebot, ambulante Schwangerschaftsuntersuchungen können weiterhin in Wolhusen vorgenommen werden. In Luzern werden zusätzliche Gebärzimmer bereitgestellt, die Frauenklinik wird mit Hebammen vom Standort Wolhusen unterstützt. Für Notfälle werden den Veränderungen durch eine entsprechende Koordination von Rettungseinheiten und Transportdiensten Rechnung getragen, schreibt das Luks. (fmü)

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