ARBEITSGERICHT LUZERN: Schwangere wurde fristlos entlassen – und muss auch noch zahlen

Der Besitzer eines Luzerner Restaurants stellte seine Angestellte auf die Strasse, als sie schwanger wurde. Weil sie vor Gericht verlor, muss die frischgebackene Mutter nun noch 3300 Franken Anwaltskosten begleichen.
Lena Berger
A pregnant woman works at a lectern in an office in Zurich, on September 21, 2017. (KEYSTONE/GAETAN BALLY) Eine schwangere Frau arbeitet am Stehpult in einem Buero in Zuerich, am 21. September 2017. (KEYSTONE/GAETAN BALLY) (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

A pregnant woman works at a lectern in an office in Zurich, on September 21, 2017. (KEYSTONE/GAETAN BALLY) Eine schwangere Frau arbeitet am Stehpult in einem Buero in Zuerich, am 21. September 2017. (KEYSTONE/GAETAN BALLY) (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

«Ich will Gerechtigkeit», sagt die junge Frau. In ihren Augen blitzt der Zorn, als sie im Gerichtssaal ihrem ehemaligen Chef gegenübersteht. Der Besitzer eines Luzerner Restaurants hat sie auf die Strasse stellen lassen, als sie schwanger war. Angeblich aus wirtschaft­lichen Gründen, aber davon will die Betroffene nichts hören. Sie ist überzeugt: Er hat ihr fristlos gekündigt, weil sie mehrfach Blutungen hatte und nicht arbeiten gehen konnte.

Der Restaurantbesitzer wirkt irritiert über den Hass, der ihm entgegenschlägt. Er kennt die Frau kaum, sie hatte erst wenige Male in der Beiz gearbeitet. Eingestellt und später wieder entlassen hatte sie sein damaliger Geschäftsführer. «Ich fühle mich wie ein Verbrecher, bei dem, was sie sagt. Wir sind doch keine Unmenschen!», ruft er händeringend aus. Fakt sei, er habe nicht gewusst, dass die Mitarbeiterin schwanger war. Der Geschäftsführer habe ihm gesagt, er habe die Mitarbeiterin in der Probezeit entlassen, weil es zu der Zeit im Betrieb nicht gut gelaufen sei.

«Der Geschäftsführer lügt!», widerspricht die junge Mutter. Zur Kündigung sei es gekommen, als sie eine schwere Abfalltonne nicht habe raus­tragen können. «Ich habe ihm gesagt, dass ich schwanger bin. Da hat er mich hämisch gefragt, ob ich dieses Kind wirklich bekommen wolle, vielleicht sei eine Abtreibung besser», erzählt sie. «Ich habe ihm gesagt, ich wolle weiterarbeiten, weil ich alleinerziehende Mutter sei. Aber er hat eiskalt Nein gesagt, und ich musste sofort gehen.»

Der Restaurantbesitzer wirkt über das angebliche Verhalten des Geschäftsführers schockiert. In dem Moment schaltet sich sein Anwalt in die Diskussion ein. «Hier werden sehr schwere Vorwürfe erhoben. Dass zu einem Schwangerschaftsabbruch geraten wurde, ist bestritten», wirft er ein. Weiter ist nicht klar, wie viel die Frau damals überhaupt gearbeitet hat. Sie behauptet, es habe sich um eine 100-Prozent-Anstellung gehandelt. Gemäss den von ihr unterzeichneten Lohnabrechnungen waren es aber nur 27 Stunden in zwei Monaten. «Der Geschäftsführer hat gesagt, ich solle unterscheiben, damit er etwas vorweisen könne, wenn die Polizei das Restaurant kontrolliere. Es war aber immer abgemacht, dass ich 100 Prozent arbeite», erklärt sie.

Es steht damit Aussage gegen Aussage. Die Kellnerin hat keine Beweise. Solche aber bräuchte es, um eine Klage wegen diskriminierender Kündigung gutheissen zu können. Kommt hinzu: Eine Kündigung während der Probezeit ist zulässig, auch wenn jemand krank oder schwanger ist. Dennoch versucht die Richterin, zwischen den Parteien zu vermitteln. Sie wendet sich an den Restaurantbesitzer: «Sie sehen, sie hat eine schwere Zeit gehabt. Ich kann Sie zu nichts zwingen, aber vielleicht können Sie Ihrem guten Herz nachgeben und ihr ein Angebot machen.»

Tatsächlich hatte der Mann seiner ehemaligen Mitarbeiterin vor dem Gang vor Gericht 2000 Franken angeboten. «Die Frau war schwanger und ist fristlos entlassen worden», erzählt sein Anwalt. Das sei eine schwierige Situation gewesen, und sein Mandant habe das wieder gutmachen wollen. Die Frau habe jedoch abgelehnt. Sie fordert mehr als 16 000 Franken, was dem 50-fachen Monatslohn entspricht, den sie in der Beiz bewiesenermassen erhalten hatte.

Der Beizenbesitzer ist aufgrund dieser dreisten Forderung nicht bereit, ihr nochmals entgegenzukommen. Dies, obwohl sein Anwalt – selbst alleinerziehender Vater – vor lauter Mitgefühl sogar anerbietet, auf sein Honorar zu verzichten. Der Beizer will nicht, dass es Schule macht, wegen diskriminierender Kündigung zu klagen, wenn an den Vorwürfen nichts dran ist. Damit muss die Richterin entscheiden. Mangels an Beweisen lehnt sie die Klage der Kellnerin ab, wie aus dem Urteil hervorgeht. Die frisch­gebackene Mutter bekommt nicht nur keine Entschädigung, sie wird ihrem ehemaligen Arbeitgeber auch 3300 Franken Anwaltskosten zahlen müssen.

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

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