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Arbeitsloser sucht mit Leuchtplakat im Luzerner Bahnhof einen Job

Wer in der Sozialhilfe landet, hat es schwer, wieder in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Um in solchen Fällen zu helfen, engagieren die Gemeinden oft private Job-Coaches. Davon profitiert auch Clauco Fratini (48), der jetzt nach 350 erfolglosen Bewerbungen mit einer spektakulären Stellensuche-Aktion im Bahnhof Luzern für Aufsehen sorgt.
Hugo Bischof

«Ich heisse Clauco, bin 48-jährig und ... Ich suche einen Job!» Das steht in grossen roten Lettern auf einem Leuchtplakat im UG des Bahnhofs Luzern. Mit der aufsehenerregenden Aktion, bei der er zeitweise persönlich anwesend ist und mit Passanten spricht, macht Clauco Fratini aus Ebikon derzeit auf seine missliche Situation aufmerksam. Er ist einer der unzähligen erwerbslosen Sozialhilfeempfänger in der Schweiz, die in der offiziellen Arbeitslosen-Statistik gar nicht erst erscheinen. Fratini hat die aussergewöhnliche Stellensuchaktion zusammen mit Oreste Wernli von der Neustartcoach GmbH aufgegleist. Diese begleitet Stellensuchende bei der beruflichen Erst- und Wiedereingliederung. Den Auftrag dazu erhält sie von den entsprechenden Gemeinden.

Gemeinden sind zuständig für die berufliche Integration von Sozialhilfebeziehenden

«Im Kanton Luzern sind grundsätzlich die Gemeinden für die berufliche Integration von Sozialhilfebeziehenden zuständig», sagt Edith Lang, Dienststellenleiterin Soziales und Gesellschaft des Kantons Luzern. Informationen zur Praxis der Gemeinden hinsichtlich des Einsatzes von externen Job-Coaches lägen dem Kanton aber keine vor. Gemäss Oskar Mathis, Vorstandsmitglied des Verbands Luzerner Gemeinden (VLG) und Horwer Sozialvorsteher, hat man 2007 mit dieser Praxis begonnnen. Seitdem seien weitere Firmen entstanden, welche diese Dienstleistung anbieten. Die Gemeinde Horw arbeitet im Durchschnitt bei vier bis sechs Klienten pro Jahr mit externen Job-Coaches zusammen.

In Ebikon wurden im Jahr 2018 zehn Personen, darunter Clauco Fratini, auf diese Weise bei der Jobsuche unterstützt. «Nach unserer Wahrnehmung gelingt die Integration in den Arbeitsmarkt mithilfe der individuellen Unterstützung durch Job-Coaches relativ gut», sagt Susanne Gnekow, Leiterin Sozialdienste der Gemeinde Ebikon. «Eine definierte Erfolgsquote können wir allerdings nicht ausweisen, da sich die Ablösung häufig mit anderen Ablösungsgründen vermischt, zum Beispiel Wegzug aus der Gemeinde.» Fünfzehn Stellensuchende betreute die an der Sälistrasse in Luzern domizilierte Neustartcoach GmbH in den letzten fünf Jahren – teilweise über mehrere Jahre hinweg. «Etwa die Hälfte von ihnen haben wieder einen Job gefunden», sagt Oreste Wernli. Er ist einer der beiden Neustart-Coaches.

«Fehlende Arbeitsintegration ist oft Grund der sozialen Isolation»

«Die Förderung der Integration unserer Klienten ist ein zentraler gesetzlicher Auftrag in der wirtschaftlichen Sozialhilfe gemäss dem kantonalen Sozialhilfegesetz», betont Susanne Gnekow. Dabei könne die Arbeitsintegration häufig nicht klar von der sozialen Integration getrennt werden: «Die fehlende Arbeitsintegration ist oft Grund der sozialen Isolation. Umgekehrt müssen sozial isolierte Personen oft zuerst den Schritt über die soziale Integration nehmen, damit sie in die Lage kommen, sich in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.»

Laut Gnekow arbeitet die Gemeinde Ebikon bei der sozialen Integration und der Arbeitsintegration häufig mit Nonprofit-Organisationen wie Caritas, IG Arbeit und Schweizerisches Arbeiterhilfswerk (SAH) zusammen: «Ziel der Zusammenarbeit ist eine möglichst professionelle Integration, da die Anbieter in diesem Bereich spezialisiert sind.» Dass man zusätzlich private Job-Coaches beiziehe, habe verschiedene Gründe: «Häufig verfügen diese über ein grosses Beziehungsnetz oder können individueller und enger auf die spezifische und häufig komplexe Situation unserer Klienten eingehen.»

Da die Vermittlung in ein Integrationsprogramm mit Kosten verbunden sei, analysiere man vorab, «welches Programm auf die Bedürfnissen unseren Klienten zugeschnitten und ob die Massnahme zielführend und daher verhältnismässig ist», so Gnekow. Sowohl in Ebikon wie auch in Horw werden 3,5 Prozent der Gesamtausgaben der wirtschaftlichen Sozialhilfe, also rund 100 000 Franken, für die soziale und berufliche Integration aufgewendet.

Clauco Fratini bezieht seit gut fünf Jahren Sozialhilfe. Gemäss eigenen Angaben machte er eine Lehre in der Autobranche. Danach habe er diverse, teils mehrjährige Festanstellungen gehabt, die letzte 2008. Seit 2014 hat Fratini über 350 Bewerbungen verschickt – erfolglos, und das obwohl er gemäss seinem Coach «gesund, robust und motiviert ist» und über «reichlich Erfahrung als Chauffeur, im Werkdienst und als Lagermitarbeiter verfügt». Zwei Drittel der Bewerbungsdossiers seien ihm nicht einmal zurückgeschickt worden, sagt Fratini: «Ich weiss nicht, wo ich mich noch bewerben soll.»

«Stallgeruch Sozialhilfe»

Sein Problem sei, dass er aus der Sozialhilfe komme, sagt Fratini: «Es ist wie ein Stempel auf meiner Stirn: Achtung Sozial-Schmarotzer!» Dabei sehne er nichts so sehr herbei, «als endlich der Sozialhilfe entfliehen und wieder arbeiten zu können». Fratini könne sich schlecht verkaufen, sagt sein Coach Wernli. Auch er spricht vom «Stallgeruch Sozialhilfe – das riecht nicht besonders gut und ist vielen suspekt». Rund zwei Jahre lang kann jemand, der seine Stelle verliert, Taggelder beziehungsweise Leistungen der Arbeitslosenversicherung beziehen. «In dieser Phase sind seine Chancen, eine neue Anstellung zu finden, intakt», sagt Wernli. «Doch sobald er in die Sozialhilfe abrutscht, wird es schwierig.»

Ziel der Aktion im Bahnhof Luzern sei es einerseits, für Clauco Fratini eine Stelle zu finden, betont Wernli. «Gleichzeitig streben wir eine Sensibilisierung der Wirtschaft für Stellensuchende aus der Sozialhilfe an.» Die Idee zur Aktion sei «aus der schieren Not entstanden – es ist die letzte Karte aus unserem Register.» Ein plakativer Hilferuf sozusagen. Seine Aktion hat offenbar gefruchtet. «Ich habe schon unzählige positive Telefonate erhalten», sagt Clauco Fratini.

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