ARBEITSMARKT: Kanton soll über 50-Jährige fördern

Immer mehr über 50-Jährige verlieren den Job und finden kaum einen neuen. Nun wird Kritik an den Behörden laut. Diese würden das Problem verkennen.

Guy Studer
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Ein Mann bei der Stellensuche. (Bild: Keystone)

Ein Mann bei der Stellensuche. (Bild: Keystone)

Im August 2011 ist Silvia Anderhub mit ihrer eigenen Firma im Bereich Rohstoffhandel Konkurs gegangen. Trotz guter Ausbildung hat die 52-jährige Import-Export-Fachfrau bis heute keine neue Stelle gefunden. Dies, obwohl sie rund 200 Bewerbungen versandt hat und 15 Mal für ein Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. «Ich stehe zwischen Stuhl und Bank», sagt die Luzernerin, «und hoffe, sobald wie möglich wieder eine Stelle zu finden und auf eigenen Beinen zu stehen.» Sie empfinde oft Trauer, «manchmal auch Wut».

Häufiger von Entlassung betroffen

Wie Silvia Anderhub geht es vielen Stellensuchenden über 50. Sie haben bei der Arbeitssuche schlechte Karten. Nun dürfte sich die Situation noch weiter verschärfen. Denn in letzter Zeit erhalten ältere Arbeitnehmer zusätzlich immer öfter die Kündigung. Dies sagt Pascal Scheiwiller, Managing Director von Lee Hecht Harrison (LHH), dem weltweit grössten Anbieter beruflicher Neuorientierung, in der «NZZ am Sonntag». 2012 hätten 41 Prozent der Kündigungen Arbeitskräfte über 50 betroffen, während diese Altersgruppe anteilsmässig nur 30 Prozent ausmache.

Die Problematik ist auch in Luzern bekannt. «Wir befinden uns im Stadium der Morgendämmerung in Bezug auf diese Entwicklung», sagt Heidi Joos, Geschäftsführerin des Luzerner Vereins 50plus out/in work, einer Anlaufstelle für Stellensuchende über 50. Joos hatte früher eine leitende Funktion bei den kantonalen Arbeitsmarktbehörden inne.

Sind Stellensuchende selber schuld?

Sie stört sich an einer Aussage von Kurt Simon, Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit, in einem Beitrag des SRF Regionaljournals. Er sagt dort, dass ältere Arbeitslose, die sich offen und flexibel zeigten, in der Regel vermittelt werden könnten. Joos: «Wenn er so etwas verlauten lässt, dann verkennt er die Realität der Arbeitswelt. Unflexibel ist meist der Arbeitsmarkt und nicht die Job­suchenden.»

Denn nur gerade ein Drittel der Unternehmen würden gemäss Umfragen noch ältere Mitarbeitende einstellen. «Bei vielen Arbeitgebern landen die Bewerbungen von Stellensuchenden über 50 direkt im Papierkorb.» Viele Arbeitgeber vermuteten bei Älteren mangelnde Arbeitsleistung, oder aber sie zeigten Angst vor hohen Lohn- und Lohnnebenkosten. Es gehe auch anders: Länder wie Norwegen oder Deutschland würden beweisen, dass sich die Erwerbsquote mit guter Öffentlichkeitsarbeit und Job-Integrationskonzepten klar verbessern liesse. «Voraussetzung dafür wäre eine vermehrte Zusammenarbeit der Arbeitsmarktbehörden mit den Unternehmen und den Verbänden», sagt Joos. Warte man noch länger zu, «wird die Anzahl älterer Sozialhilfebezüger in absehbarer Zeit steigen.»

«In der Tat sehr schwierig»

Gegenüber unserer Zeitung präzisiert Kurt Simon seine Aussage am Radio: «Ich möchte betonen, dass ich den Arbeitslosen nicht die Schuld gebe. Und es ist in der Tat sehr schwierig, über 50-Jährige zu vermitteln, da muss man sich nichts vormachen.» Was er habe sagen wollen sei, «dass es noch viel schwieriger wird, wenn sich jemand bereits von vornherein aufgibt und die erwähnten Eigenschaften nicht vorweist.»

Den Vorwurf, zu wenig für die Inte­gration zu tun, weist er weit von sich: «Was Frau Joos sagt, das stimmt in keiner Art und Weise. Wir haben sehr geeignete Massnahmen, auch für ältere Stellenlose.» Selbstverständlich könne man immer mehr machen. «Bei uns muss ein Berater rund 110 Arbeitslose betreuen, da fehlt die Zeit für tägliche Gespräche.» Deshalb würden zusätzliche und wichtige Aufgaben aber auch an externe Firmen ausgelagert.

Weiteren Handlungsbedarf sieht Heidi Joos bei den Abgaben an die Berufliche Vorsorge (BVG), wo sie die heutige Gesetzgebung anprangert. «Dieses Gesetz diskriminiert ältere Arbeitnehmer.» Die Beiträge von Arbeitnehmer wie Arbeitgeber an die zweite Säule steigen mit zunehmendem Alter des Arbeitnehmers, und zwar ab 35 (mindestens 10 Prozent des Lohnes), ab 45 (15 Prozent) und ab 55 Jahren (18 Prozent).

Kanton soll mitfinanzieren

Deshalb hat der Verein 50plus out/in work eine kantonale Petition eingereicht. Diese fordert die Luzerner Regierung auf, die Wiedereingliederung von Personen über 50 zu fördern. Als Vorbild dient der Kanton Neuenburg: Konkret soll der Kanton sich bei der Anstellung von Erwerbslosen dieser Alterskategorie an den Arbeitgeberbeiträgen zur beruflichen Vorsorge beteiligen, und zwar während 12 bis 24 Monaten und mit höchstens 520 Franken pro Monat. Mit anderen Worten: Der Kanton soll Pensionskassenbeiträge älterer Arbeitnehmer subventionieren, um diese für die Arbeitgeber attraktiver zu machen.

Die Stossrichtung der Petition begrüsst auch Kurt Simon: «Man müsste aufhören, Sozialleistungen über die Arbeit zu finanzieren und sie damit zu verteuern und ein System bei der zweiten Säule einführen, das die älteren Arbeitnehmer nicht benachteiligt.» Doch dies sei eine politische Frage.