ARCHÄOLOGIE: Zäher Kampf um kulturelles Erbe

Ein emeritierter Professor hortet in Zurzach seit Jahren Dokumentationen von Ausgrabungen in 13 Kantonen. Jetzt reisst der Geduldfaden des Kantons Luzern.

Susanne Balli
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Der Luzerner Kantonsarchäologe Jürg Manser in der Johanniterkommende Hohenrain: Auch von hier durchgeführten Grabungen fehlen die Dokumentationen. (Bild: Eveline Beerkircher (1. März 2017))

Der Luzerner Kantonsarchäologe Jürg Manser in der Johanniterkommende Hohenrain: Auch von hier durchgeführten Grabungen fehlen die Dokumentationen. (Bild: Eveline Beerkircher (1. März 2017))

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Sind Dokumentationen über archäologische Grabungen geistiges Eigentum des Grabungsleiters, oder gehören sie den Auftraggebern? Über diese Grundsatzfrage streitet sich der Kanton Luzern seit Jahren mit dem heute 85-jährigen Hans Rudolf Sennhauser, emeritierter Professor für Kirchenarchäologie an der ETH und der Uni Zürich. Sie wird wohl vom Gericht geklärt werden müssen. Der Kanton bereite in der Sache derzeit die nächsten Schritte vor, sagt der Luzerner Kantonsarchäologe Jürg Manser.

Der in Bad Zurzach lebende Hans Rudolf Sennhauser gilt als Koryphäe für Kirchenarchäologie. Ab den späten 1950er-Jahren leitete er im Auftrag von Bund und Kantonen zahlreiche Kirchen- und Klosterausgrabungen. So auch in Luzern und weiteren Zentralschweizer Kantonen (siehe Kasten). Mindestens 57 Dokumentationen in Form von Zeichnungen, Fotografien und Plänen zu Grabungen in 13 Kantonen sind im Besitz Sennhausers; er weigert sich bis heute, diese den Kantonen auszuhändigen.

Gründung einer Stiftung führte zur Eskalation

2009 gründete Sennhauser die Stiftung für Forschung in Spät­antike und Mittelalter (FSMA), deren Präsident er ist, und brachte seine Forschungen in die Stiftung ein. Damit bleiben die Dokumentationen über die Lebenszeit Sennhausers hinaus in der Stiftung. Sie lagern in einem Riegelbau in Bad Zurzach. Für den Luzerner Kantonsarchäologen Jürg Manser ein Unding: «Die Dokumentationen in Sennhausers ‹Privatarchiv› sind in Gefahr. Das mittelalterliche Haus ist brandgefährdet und entspricht in keinster Weise den Sicherheitsstandards eines Archiv. Ein Funke würde genügen, und das gesamte kulturelle Gut, das dort aufbewahrt wird, ginge in Flammen auf.»

Mit der Gründung der Stiftung FSMA eskalierte der Streit zwischen Sennhauser und den betroffenen Kantonen. Die Konferenz der Kantonsarchäologen setzte darum 2009 eine von Manser geleitete Task-Force ein, welche die Ansprüche der Kantone auf ihr kulturelles Erbe geltend machen soll. «Für uns ist klar, die Dokumentationen sind Kulturgut der Kantone und nicht Eigentum von Hans Rudolf Sennhauser», sagt Manser. Zumal die Ausgrabungen mit öffentlichen Geldern finanziert worden seien.

Rechtlich gesehen scheint der Fall allerdings nicht ganz einfach: Während archäologische Fundstücke eindeutig den Kantonen gehören, ist dies bei Dokumen­tationen nicht so klar geregelt. «Dies ist ein Mangel des über 100-jährigen Zivilgesetzbuches, in dem leider nur von den Funden, nicht aber von den Dokumentationen die Rede ist», sagt Manser. Zwar habe Sennhauser den Kantonen sämtliche Funde zurückgegeben, sie seien aber ohne die Dokumentationen für die Forschung wenig wert. Zudem sei ein Grossteil davon noch nicht ausgewertet worden. «Die Dokumentationen sollen an einen sicheren Ort kommen. Wir haben Sennhauser den Vorschlag unterbreitet, sie in die Nationalbibliothek in Bern zu überführen. Er ist bisher nicht darauf eingegangen.» Läge die Lösung des Streits allenfalls in der Digitalisierung der Unterlagen? Um wissenschaftlich damit arbeiten zu können, wäre dies zwar nützlich, sagt Manser, «es käme aber teuer und könnte das Original keinesfalls ersetzen».

Nachdem erste Verhandlungen der Task-Force mit Sennhauser gescheitert waren, reichten die Kantone Luzern, Basel-Stadt und St. Gallen 2013 Klage ein. Die Klage des Kantons Luzern bezieht sich auf die Ausgrabungen in der Kirche St. Johannes in Hohenrain.

2015 erzielte Basel-Stadt einen Erfolg: Wichtige Dokumente archäologischer Grabungen im Basler Münster aus den Jahren 1966, 1973 und 1974 konnten nach Basel überführt werden. St. Gallen hingegen kämpft derzeit um die Herausgabe der Dokumentationen über den als Weltkulturerbe eingestuften Klosterbezirk St. Gallen. Weil sich St. Gallen und Luzern letztes Jahr mit Sennhauser einigen konnte, eine aussergerichtliche Lösung zu suchen, sistierten die beiden Kantone ihre Klagen, mit einer Frist bis Ende Januar 2017. Wie Martin P. Schindler, Leiter der St. Galler Kantonsarchäologie, auf Anfrage sagt, ist der Ausgang der Verhandlungen zwischen St. Gallen und Sennhauser noch offen.

«Es werden viele Klagen folgen»

Der Luzerner Kantonsarchäologe wartet bisher vergebens auf ein Signal Sennhausers. «Es ist eine unglaublich zähe Angelegenheit. Sennhauser hat die Frist verstreichen lassen, wir haben nichts gehört», sagt Jürg Manser. Wie die nächsten Schritte im Detail aussehen, will er derzeit nicht kommunizieren. Man wolle den Ausgang der Verhandlungen zwischen der Stiftung und St. Gallen abwarten. «Kommt es zu einer Wiederaufnahme der Klage, gewinnt Luzern seinen Prozess und zeigt sich die Stiftung weiterhin zu keinen Konzessionen bereit, so werden viele Klagen folgen.» Dies werde wohl nötig sein, weil jeder Fall der mehr als 50 betroffenen Grabungsstätten anders gelagert sei. Luzern spiele dabei ein wichtige Stellvertreterrolle, unterstützt durch die anderen Kantone. Manser: «Wir kämpfen für national eher wenig bekannte Kulturgüter und damit für all die kleinen betroffenen Objekte.»

Hans Rudolf Sennhauser ist zu einer Stellungnahme in unserer Zeitung nicht bereit. Man sei auf dem besten Weg, möchte aber nichts gefährden, teilt Katrin Roth, Vizepräsidentin des Stiftungsrates, mit. Gegenüber Radio SRF 2 nahm Sennhauser letzte Woche hingegen ausführlich Stellung. Die Dokumentationen in Zurzach würden ein für die Forschungsgeschichte interessantes Ensemble bilden. «Es wäre schade, dieses Ensemble auseinanderzureissen und in die Kantone zu verteilen», sagte er. Der Zweck seiner Stiftung bestehe in der Forschung, und die sei zurzeit am besten in Zurzach möglich.