ARMBRUSTSCHIESSEN: Wie Wilhelm Tell – nur präziser

Der 22-jährige Jonas Hansen zählt zu den hoffnungsvollsten Talenten in der Schweizer Armbrustszene. Von den Europameisterschaften 2014 in Frankfurt kehrt der Ettiswiler mit Silber heim.

Roland Bucher
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Frönt seit dem 11. Lebensjahr der Leidenschaft Armbrustschiessen: der heute 22-jährige Jonas Hansen aus Ettiswil. (Bild Philipp Schmidli)

Frönt seit dem 11. Lebensjahr der Leidenschaft Armbrustschiessen: der heute 22-jährige Jonas Hansen aus Ettiswil. (Bild Philipp Schmidli)

Wer Armbrust sagt, denkt an Wilhelm Tell, und die Geschichtsreise in die eidgenössische Frühzeit bringt Jonas Hansen nicht im Geringsten aus der Fassung: «Klar assoziiert man ihn mit unserer Sportart, klar sind der berühmteste Apfelschuss und der Gessler-Hut präsent.» Aber wenn man die Sache ganz realistisch anschaue, dann: «Was Wilhelm Tell gemacht hat, hat natürlich mit den total modernisierten Waffen von heute gar nichts mehr zu tun.» Kleines Beispiel gefällig, wie präzis und konzentriert der Student die Pfeile auf die Reise schickt: Im oft geschossenen Programm mit je 30 Schüssen stehend und kniend verbucht Jonas Hansen durchaus seine 570 von 600 möglichen Punkten – das bringt ihn im nationalen Ranking gut und gerne unter die ersten fünf.

Eine Portion Faszination

Die Waffe Tells, die wurde Jonas Hansen zwar nicht gerade in die Wiege gelegt, aber der Armbruststand quasi in der direkten Nachbarschaft seines Zuhauses – der habe schon eine gehörige Faszination ausgeübt. Um es im hansenschen Originalzitat zu sagen: «Wir Kinder hatten dort ein mega Gaudi.» Als Klein Jonas elf Jahre alt war, zog es dem gwundrigen angehenden Sportschützen definitiv den Ärmel rein: «Ich wusste, das ist meine Sportart. Ich spürte natürlich auch schnell, dass Armbrustschiessen nie die ausserordentliche Popularität des Fussballs, des Handballs oder des Schwingens erreichen würde – aber das war mir eigentlich ganz egal.»

«Dieses spezielle Flow-Gefühl»

Die sportliche Präzisionsarbeit zog den ehrgeizigen Jüngling immer stärker in den Bann: «Dieses Flow-Gefühl, diese absolute Zufriedenheit nach einem gelungenen Programm, das ist einfach einzigartig.» Der Wettkampf, der birgt Stresssituationen, da heisst es: Puls runterbringen, die Nervosität verscheuchen. Das Rezept von Jonas Hansen, der als Kind, so gesteht er, nicht eben bemerkenswerteste Freude zum Sport an den Tag legte: «Beim Joggen komme ich auf andere Gedanken, kann den Kopf durchlüften, Wettkämpfe visualisieren.» Das habe ihm auf dem Weg zum Spitzenschützen viel gebracht. Wer ihn im Armbruststand, wenn es gilt, höchste Konzentration aufrechtzuerhalten, genauer ins Blickfeld nimmt, der beobachtet, wie sich seine Lippen bewegen. «Ja, ich führe oft Selbstgespräche», lacht der Luzerner Hinterländer, «laut, halblaut, und da rede ich mir ein: Es gibt keinen Grund zur Nervosität, du hast die Sache voll im Griff.»

Währenddessen ein gleichaltriger und in seiner Sportart ähnlich begabter Fussballer im Monat auch mal in die Dimension eines hohen vierstelligen Monatslohn vordringt, ist der schnöde Mammon bei den Armbrustschützen kein Thema. Oder genauer gesagt, nur in der negativen Umkehrformel. Denn: Eine für höhere Ansprüche genügende Ausrüstung kostet schnell einmal 8000 Franken. «Meine Waffe ist rund 5500 Franken wert, dazu kommen Schuhe, Handschuhe, massgeschneiderte Schiesskleider.» Massgeschneidert? Das hat natürlich nichts mit einem Mode-Fimmel der Armbrustschützen zu tun, sondern dient dem Perfektionismus: «Wenn der Anzug passt, dann verleiht er dir beim Schiessen Stabilität bei der Körperhaltung. Das ist enorm wichtig.»

So präzis und erfolgreich Jonas Hansen in seiner Karriere auch immer schiessen wird: Geld gibt es praktisch keines zu verdienen, potenzielle Sponsoren wenden sich anderen, spektakuläreren und werbeträchtigeren Sportarten zu. «Aber wissen Sie was?», sagt Jonas Hansen: «Ich verbringe mit der Armbrustschiesserei so viel gute und spannende Zeit, dass es mir jeden dieser 8000 Franken wert ist.»

Heute ein Branchenleader

Die Karrieresprünge bei Jonas Hansen waren zuerst eher klein, später wurden die Fortschritte grösser, heute zählt er zu den Branchenleadern: «Ab diesem Moment, da du wirklich in die gehobenere Klasse aufrückst und der Wettkampf zur höchsten mentalen Herausforderung wird, macht es wirklich Spass. Ich kann es wirklich jedem empfehlen, bei uns mal vorbeizuschauen.»

Noch mindestens fünf Jahre

Nicht jeder wird natürlich das hohe Niveau des Jonas Hansen, dessen Urgrossvater seinerzeit aus Hamburg ins Tellenland emigrierte, erreichen. Demnächst rückt der Ettiswiler in die Open classe (Elite) auf, und auch dort will er zielstrebig markieren: «Mein sportliches Fernziel sind weitere Titelgewinne in der Kombination über 30 Meter.» Mindestens fünf Jahre noch wird er, um die Zukunftspläne ein bisschen salopp zu formulieren, im Armbrustschützenstand Selbstgespräche führen. Am besten halblaut, mit verdientem Eigenlob: «Jonas, gut gemacht.»

Jonas Hansen

Geboren: 26. Dezember 1992
Wohnort: Ettiswil
Beruf: Student, gelernter Applikationsentwickler
Vereine: ASG Brestenegg-Ettiswil, SSV Cham-Ennetsee
Trainer: Roland Marti
Erfolge: 2013: EM-Gold über 30 m kniend; SM-Gold über 30 m Kombination. – 2014: WM-Silber über 10m
Hobbys: Sportschiessen, Musik (passiv), Laufsport und Programmieren
Lebensmotto: Per aspera ad astra
Lieblingsessen: Pizza und Pasta