Armut
Endlich wieder einmal warm kochen: Luzerner Verein macht's möglich

Seit dem ersten Shutdown unterstützt der Verein Alleinerziehende Mütter und Väter Luzern Einelternfamilien, deren Budgets wegen Covid-19 schmaler geworden sind, mit Nahrungsmitteln. Jede Woche kann eine gefüllte Tasche abgeholt werden.

Nathalie Ehrenzweig
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Die Stressfaktoren, die seit letztem Frühling allen mehr oder weniger zusetzen – weniger Lohn, mehr Betreuungsarbeit mit den Kindern, teilweise Mehrausgaben – treffen in besonderem Masse Alleinerziehende, die es schon vor den Pandemie-Massnahmen nicht einfach hatten. «Kaum war das Land im Shutdown, hörten wir schon erste Hilferufe», erinnert sich Roger Baumeler, Präsident des Vereins Alleinerziehende Mütter und Väter Luzern. Die Budgets derer, die schon ohne Corona sehr wenig haben, wurden noch knapper. «Manchmal hat eine Familie 50 Franken mehr als das Minimum, damit sie von Zusatzleistungen profitieren könnten, und sind so zum Teil schlechter gestellt als die, die etwas weniger haben», bedauert er.

In Zusammenarbeit mit der Aktion «E Guete» der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) Stans bekam der Verein die Chance, gespendetes Essen verschenken zu können. «Ohne Unterbruch verteilen wir seither wöchentlich eine Tasche mit Nahrungsmitteln an Alleinerziehende. Darin befindet sich so quasi ein Wocheneinkauf, den wir, wenn nötig, noch etwas ergänzen», freut sich der Vereinspräsident.

Vereinspräsident Roger Baumeler bei der Essensabgabe auf dem Parkplatz beim Shoppingcenter Schönbühl in Luzern.

Vereinspräsident Roger Baumeler bei der Essensabgabe auf dem Parkplatz beim Shoppingcenter Schönbühl in Luzern.

Bild: Pius Amrein (Luzern, 12. März 2021)

Die Alleinerziehenden seien besonders auf diese Hilfe angewiesen, weil sie öfter einen Niedriglohnjob oder Teilzeitjobs haben und durch die Kürzungen nicht mehr genug zum Leben hätten. Baumeler erzählt:

«Es gab solche, die beim Abholen geweint haben, weil sie das erste Mal nach längerer Zeit wieder warm kochen konnten.»

Armut ist schambehaftet

Laut einer Studie der Uni Bern gab es in der Schweiz 2013 ungefähr 203'000 Einelternfamilien. 80 Prozent davon sind Mütter, die mit ihren Kindern leben. Während die klassische vierköpfige Familie – Mutter, Vater, zwei Kinder – als Familienform das geringste Armutsrisiko aufweist, haben die Einelternfamilien das höchste Armutsrisiko.

Roger Baumeler, Präsident Verein Alleinerziehende Mütter und Väter Luzern.

Roger Baumeler, Präsident Verein Alleinerziehende Mütter und Väter Luzern.

Bild: Pius Amrein (Luzern, 12. März 2021)

Roger Baumeler kennt die meisten der im Schnitt 20 Alleinerziehenden, die sich für eine Nahrungsmitteltasche anmelden. «Es braucht eine gewisse Überwindung, Hilfe anzunehmen. Wir kontrollieren hier niemanden, wir vertrauen ihnen. Niemand kommt hier Essen holen, der es nicht braucht», ist er überzeugt.

Überwinden musste sich auch Petra Müller*: «Als ich das erste Mal auf den Parkplatz fuhr, um die Tasche abzuholen, habe ich mir schon überlegt, ob ich wirklich aussteigen soll und ob mich wohl jemand sieht. Es ist schambehaftet», sagt sie.

Mit ihrer 50-Prozent-Stelle und den Alimenten für die zwei Kinder reicht das Geld immer grad für den Monat. «Etwas zur Seite legen, wenn zum Beispiel eines der Kinder mal Fussballschuhe braucht, liegt nicht drin», erzählt sie. Roger Baumeler habe sie dazu bewogen, sie solle doch auch vorbeikommen und sich eine Tasche holen.

Wertvolle Beziehungen entstehen

«Seit Ende Mai bin ich so alle zwei Wochen dort. Die Lebensmittel helfen mir sehr und stellen eine Möglichkeit dar, zu sparen. Es hat zum Beispiel Brot, dass ich einfrieren kann, Gemüse, das wir dämpfen, Konfigläser oder Salatsauce», und die Erleichterung ist in ihrer Stimme zu hören. Petra Müller hat festgestellt, dass sie aufgrund der Massnahmen Mehrausgaben hatte:

«Die Kinder mussten vermehrt drin beschäftigt werden, da haben wir uns mal ein zusätzliches Gesellschaftsspiel gekauft.»

So sehr sie beim ersten Mal überlegt hat, nicht auszusteigen, so froh ist sie heute um den Austausch untereinander, wenn sie die Tasche holt. «Ich glaube fast, das ist auch ein Grund, wieso die Leute herkommen. Man kann sich untereinander unterstützen, reden. Wir sitzen alle im gleichen Boot», betont die zweifache Mutter. Gegenüber den Kindern sei sie transparent: «Sie müssen verstehen, wieso wir uns vieles nicht leisten können, was ihre Freunde können. Aber Kinder gehen damit sehr natürlich um. Schämen tun wir Erwachsenen uns.»

Jeden Freitag verteilt das Team des Vereins auf dem Parkplatz des Schönbühl-Centers die Lebensmitteltaschen an diejenigen, die sich im Laufe der Woche dafür angemeldet haben. Und dabei werden die Hilfsbedürftigen und der Verein, der vor drei Jahren gegründet wurde, nicht nur von der Freien Evangelischen Gemeinschaft Stans unterstützt. Auch andere Geld- und Sachspenden wurden entgegengenommen. Dank dem Verein konnten die Alleinerziehenden an Weihnachten sogar ein Schinkli im Teig machen. «Wir werden die Aktion so lange wie nötig und möglich weiterführen. Das ist abhängig einerseits natürlich vom Bedarf aufgrund der Coronasituation und andererseits der Unterstützung durch die Spender», sagt Roger Baumeler.

*Name der Redaktion bekannt.
Weitere Informationen: www.alleinerziehende-luzern.ch

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