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ASYL: Gekommen, um zu bleiben

Für ein besseres Leben waren sie monatelang alleine unterwegs: Morgen ziehen 70 minderjährige Asylsuchende in ein neues Zentrum in Kriens. Zwei erzählen, was von ihren Träumen übrig ist.
Christian Hodel
Meluki (17) aus Eritrea und Mesad (15, rechts im Bild) aus Afghanistan lernen gemeinsam Deutsch im Sonnenhof in Emmenbrücke. (Bild Dominik Wunderli)

Meluki (17) aus Eritrea und Mesad (15, rechts im Bild) aus Afghanistan lernen gemeinsam Deutsch im Sonnenhof in Emmenbrücke. (Bild Dominik Wunderli)

Christian Hodel

In der Statistik tauchen Meluki* und Mesad* als Zahlen auf, die von Woche zu Woche steigen. Sie sind zwei von 142 unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) im Kanton Luzern. Den Behörden bereiten die UMAs Probleme – weil sie noch nie so viele waren wie jetzt. Politikern und Bürgern machen sie zuweilen Angst. Die Krienser SVP etwa liess im Parlament die Schaffung einer Bürgerwehr prüfen, weil ab morgen 70 ausländische Kinder und Jugendliche in das einstige Hotel Pilatusblick einziehen. Sie befürchtete «Raubüberfälle, Messerstechereien, Drogenhandel oder Vergewaltigungen».

Der 17-jährige Eritreer Meluki und der 15-jährige Afghane Mesad verstehen diese Ausdrücke nicht, sie waren nie Thema im Deutschunterricht. Dafür wissen sie, was Wörter wie «Attentat» und «Bombe» bedeuten.

Der Vater ist tot oder verschollen

«In Afghanistan gibt es viel Streit», sagt Mesad und meint damit Krieg. Er erinnert sich: Es ist sieben oder acht Jahre her, dass bewaffnete Taliban in sein Dorf kamen. Der Vater stürmte aus dem Haus, Mesad sah ihn nie wieder.

Er, die Mutter und die drei Schwestern flüchteten zum Onkel, drei bis vier Autostunden von Kabul entfernt. Mesad arbeitete tagsüber auf dem Markt. Wenn er abends zurückging, schlug ihn der Onkel oft mit Peitschen und Holzstecken. Die Mutter und Schwestern kehrten wieder zurück ins Heimatdorf. Mesad, der einzige Sohn, beschaffte sich Geld von Verwandten, kam zu Fuss in den Iran und danach mit dem Auto und einem Schiff über die Türkei irgendwie in die Schweiz. Drei Monate war er unterwegs. Seit vier Monaten ist er im Sonnenhof in Emmenbrücke, morgen zügelt Mesad nach Kriens.

Zentrum ist übervoll

«Das neue Zentrum ist dringend nötig», sagt Patrick Klausberger, zuständig für die UMAs bei der Caritas und Leiter des neuen Zentrums. Bisher war ein Grossteil der Kinder und Jugendlichen im Sonnenhof in Emmenbrücke untergebracht, in einem speziellen Trakt für Minderjährige. Erwachsene Asylsuchende haben dort keinen Zutritt. Bis zu sechs Kinder teilen sich ein Zimmer, drei Kajütenbette und einen Schreibtisch.

Wo an der Türe TV-Raum draufsteht, sind jetzt übergangsweise auch Betten drin. Was im Sonnenhof mal als Aufenthaltsraum oder Schulzimmer konzipiert war, sind nun Schlafräume. Bis zu 100 UMAs leben hier. Von Woche zu Woche werden es mehr. «So eine hohe Belegung hat es noch nie gegeben», sagt Klausberger. Die meisten sind Buben und Eritreer. So wie Meluki, der vor 15 Monaten über Äthiopien, den Sudan, Libyen und Italien in das Empfangs- und Verfahrenszentrum Altstätten (SG) nach Emmen kam.

Der Sammelaktion entkommen

Eines Nachts im März 2013 packte der damals 15-Jährige eine Hose, ein T-Shirt, ein Handy und umgerechnet ein paar Franken in einen Rucksack. Er verliess das Bauerndorf nahe der äthiopischen Grenze. Seine Eltern wussten von nichts. Es dauerte acht Monate, bis sie wieder von Meluki hören sollten.

«Ich hätte bald ins Militär gehen müssen», sagt Meluki. Sein Land ist seit dem Grenzkrieg mit Äthiopien, der 2000 endete, in einem Zustand der permanenten Generalmobilmachung. Die Offiziere der Armee sind für ihre Willkür berüchtigt. Der Dienst ist für alle Männer Pflicht, dauert offiziell 18 Monate. Tatsächlich aber gibt es Rekruten, die über ein Jahrzehnt in der Armee gehalten werden, ohne Begründung.

In Melukis Dorf fuhren eines Tages Jeeps vor, die Soldaten waren bewaffnet und kontrollierten Buben. Wer keine Schülerkarte vorweisen konnte und genug alt war, wurde mitgenommen. Meluki entkam der Sammelaktion des Militärs, doch er wusste: Irgendwann kommen sie wieder und dann würde es ihn treffen. Weil er nur im Sommer zur Schule geht, hat auch Meluki keine Schülerkarte. Im Winter schürft er Gold und Silber in einer Miene. Sein Vater ist Ziegenhirte, die Familie braucht das Geld. Meluki sagt: «Ich will nicht Gold sammeln oder Soldat sein, sondern Automechaniker werden.»

Viel leere Zeit für Asylsuchende

«Welche Lehre ist gut?», fragt Mesad. Er möchte Architekt werden. «Dann könntest du zuerst eine Hochbauzeichnerlehre machen, und später müsstest du dann studieren gehen», antwortet Patrick Klausberger. Damit sich sein Traum erfüllt, muss Mesad aber vor allem eins: Die Sprache lernen.

Drei mal 90 Minuten Deutschunterricht hat Mesad pro Woche – und gleich viele Lektionen Mathematik. Der Rest ist freie Zeit. Für viele auch leere Zeit. Die Betreuer können nicht jeden jede Minute beschäftigen – 350 Stellenprozente teilen sie sich für die gut 100 UMAs. «Eigentlich ist das zu wenig», sagt Klausberger. Er hoffe, dass man mit dem Zentrum in Kriens den Kindern gerechter werde. Es brauche feste Strukturen und geregelte Tagesabläufe in einer Asylunterkunft für Minderjährige.

Perspektive geben

«Viele Kinder befinden sich zwischen Traum und Trauma», sagt Jenny Bolliger von der Caritas Luzern, die sich um die Asylgesuche der UMAs im Kanton kümmert und deren Vertrauensperson ist. Und viele hatten jahrelang keine festen Tagesstrukturen. Einfach sei es nicht mit den Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Kulturkreisen. Und es gebe solche, die weniger gerne lernen und sich weniger anstrengen, als Meluki und Mesad. Und ja, es gebe auch Jugendliche, die kleinere Delikte wie Diebstahl begehen oder Alkohol konsumieren. So wie das auch bei gleichaltrigen Schweizern vorkommen könne. Aber letztlich seien es einfach Kinder und Jugendliche, die ihre Zukunft vor sich haben, sagt Bolliger. «Wir versuchen ihnen, so gut wie möglich eine Perspektive zu geben.»

Mesad spielt seit kurzem bei einem Fussballverein im Mittelfeld. «Ich habe hier Freunde kennen gelernt, auch solche aus der Schweiz», sagt er. 14 Franken hat er pro Tag zur Verfügung. Neben der wirtschaftlichen Sozialhilfe (8 Franken plus 3.50 Franken Sackgeld) verdient er 2.50 Franken dazu, weil er auf seiner Etage Putzchef ist. Jeden Abend gibt er seinen Mitbewohnern Besen und Reinigungsmittel und kontrolliert, dass sie Duschen, WC und Küche reinigen. Machen sie das Ämtchen nicht, wird Geld gestrichen. Auch wer nach 22 Uhr nicht im Zimmer ist, bekommt 2 Franken Abzug. «Es braucht Kontrollen und Regeln», sagt Klausberger.

Meluki übt gerade das Rollschuhfahren. «Wenn kein Schulunterricht ist, ist mir oft langweilig», sagt er. Dann denkt er an seine Familie in Eritrea. Ob er jemals zurückkehren wird? «Ich will bleiben, hier ist es gut», sagt Meluki. Er habe zwar noch keine Freunde, aber «vielleicht kann ich bald auf die normale Schule gehen. Und dann eine Ausbildung machen.»

*Namen von der Redaktion geändert

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