ASYL: Luzern erwartet Flüchtlingswelle

Tausende Asylsuchende machen sich auf den Weg über das Mittelmeer nach Europa. Der Kanton Luzern wappnet sich für eine starke Zunahme an Zuweisungen.

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Zwei Asylbewerber im Asylzentrum in Dagmersellen. (Bild: Philipp Schmidli)

Zwei Asylbewerber im Asylzentrum in Dagmersellen. (Bild: Philipp Schmidli)

Roseline Troxler

Die tragischen Schiffsunglücke dieser Tage auf dem Mittelmeer lassen er­ahnen, wie viele Menschen zurzeit die gefährliche Flucht nach Europa wagen. Und mehrere hunderttausend Flüchtlinge sollen an der afrikanischen Küste auf ihre Überfahrt warten.

Eintritte haben zugenommen

Ruedi Fahrni, Asyl- und Flüchtlingskoordinator des Kantons Luzern, sagt auf Anfrage: «Alle Zeichen sprechen dafür, dass die Anzahl Zuweisungen von Asylsuchenden in den nächsten Tagen und Wochen deutlich zunehmen wird.» Dies würden die neusten Zahlen der Bundeszentren zeigen. «Die Anzahl Eintritte ist in den letzten fünf Tagen stark angestiegen.»

Für den Asyl- und Flüchtlingskoordinator machen die jüngsten Ereignisse im Mittelmeer deutlich, wie viele Menschen sich derzeit auf der Überfahrt befinden. «Nach der Ankunft in Italien dauert es rund zwei bis drei Wochen, bis die Asylsuchenden in Nordeuropa ankommen.» Bereits bei den Zuweisungen für den Monat April geht Fahrni von einer Zunahme aus. «Im Mai wird sich der Anstieg wohl deutlich abzeichnen.»

Anstieg kommt früher als erwartet

Noch vor zwei Wochen hat der Kanton erwartet, dass die Entspannung im Asylwesen bis im Juni anhält. «Mit den neusten Zahlen des Bundes rechnen wir nun aber deutlich früher als zunächst angenommen mit einer starken Zunahme», sagt Fahrni. Er erwartet bis im Sommer zirka 1400 Gesuche. Nebst den Gesuchen spielen vor allem die Länge der Asylverfahren und die Personen, die eine Schutzgewährung erhalten, eine Rolle.

Mit einer Zunahme an Asylsuchenden nach dem Winter wurde gerechnet. Denn in den Wintermonaten begeben sich jeweils deutlich weniger Menschen auf die Flucht. «Das Mittelmeer kann in der kalten Jahreszeit mit Booten fast nicht überquert werden.» Zudem sei das Reisen in Nordeuropa im Winter schwierig, wenn man sich draussen aufhalten müsse. So habe sich die Lage im Asylwesen im Kanton Luzern im Winter denn auch «deutlich entspannt», wie Fahrni sagt. Er führt dies nebst der Jahreszeit auch auf die Öffnung von drei Notunterkünften im Kanton Luzern zurück. Seit Januar ist in der Zivilschutzanlage in Dagmersellen eine Asyl-Notunterkunft in Betrieb, in Luzern startete der Betrieb im Februar. Im ehemaligen Hotel Löwen in Ebikon und in der Zivilschutzanlage in Willisau gibt es seit März eine Notunterkunft. Die Anlagen bieten zusammen 220 Plätze.

In den Wintermonaten dieses Jahres gab es teils gar weniger Zuweisungen als im Vorjahr. Im März etwa lebten im Kanton Luzern 854 Asylsuchende. Im März 2014 lag die Zahl bei 867 Personen. Angestiegen ist dabei die Zahl der Asylsuchenden, die in Zentren statt in Wohnungen leben.

Noch gibt es Platz in den Zentren

Die Zentren sind zurzeit zu 70 bis 80 Prozent ausgelastet, wie es beim Kanton heisst. Zu den Zentren gehören nebst den Notunterkünften auch die kantonalen Asylzentren Sonnenhof in Emmenbrücke und Hirschpark in Luzern. Bei einer Auslastung von 100 Prozent würden 440 Plätze zur Verfügung stehen.

Fahrni sagt: «Um auf die angekündigte starke Zunahme Asylsuchender vorbereitet zu sein, haben wir die Auslastung der Zentren tief gehalten.» Dennoch braucht es weitere Plätze. «Wenn sich die Prognosen bestätigen, werden die Plätze im Kanton Luzern höchstens bis im Herbst dieses Jahres reichen, bis wir am Anschlag sind.» Aus diesem Grund ist der Kanton Luzern auf der Suche nach einem grösseren Zentrum. «Wir suchen eine Unterkunft mit mindestens hundert Plätzen», sagt Fahrni. Diese soll die Zeit überbrücken, bis das Zentrum Grosshof und die Mettmenegg in Fischbach eröffnet werden können. Bezüglich Zentrum Grosshof will der Kanton in den nächsten Tagen informieren. Mit der Mettmen­egg befasst sich zurzeit das Bundesgericht. Denn der Gemeinderat hat im März eine vom Kantonsgericht abgewiesene Beschwerde gegen das Asylzentrum weitergezogen. Grund: Die Mehrheit der Fischbacher ist gegen die Errichtung eines Asylzentrums in der Gemeinde.

Braucht es weitere Notunterkunft?

Was bis vor kurzem noch kein Thema war, wird nun wieder ins Auge gefasst. Die Öffnung einer weiteren Notunterkunft in einer Zivilschutzanlage. «Dies ist nicht auszuschliessen», erklärt Fahrni. Er betont aber, dass oberirdische Anlagen bevorzugt würden. Konkrete Gespräche mit Gemeinden finden laut Fahrni im Moment noch nicht statt.

Seit September macht der Kanton Luzern von seiner Möglichkeit Gebrauch, den Gemeinden Asylsuchende zuzuweisen. 67 Gemeinden haben damals einen Zuweisungsentscheid erhalten. Die Asylsuchenden wurden nach der Anzahl Einwohner verteilt. Ruedi Fahrni sagt heute: «Die 400 geforderten Plätze konnten gefunden werden. Dies war aber nur möglich mit der Eröffnung der drei Notunterkünfte.» Knapp zwanzig Gemeinden bieten noch immer zu wenig Plätze an. Welche dies sind, will der Kanton zurzeit nicht nennen. Immer noch würden Wohnungen gemeldet, wodurch sich das Verteilungsverhältnis immer mehr ausgleiche. Fahrni kündigt aber an: «In der nächsten Zeit werden die Gemeinden sicher nicht entlastet, wir brauchen noch mehr Plätze.»