ASYL: Mehr Platz für Junge mit Trauma

In Kriens öffnet bald ein Zentrum für minderjährige Asylsuchende. Damit begegnet der Kanton der Herausforderung, dass immer mehr auch unbegleitete, traumatisierte Kinder einreisen.

Guy Studer
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Im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke wird der Platz für minderjährige Asylsuchende eng. Jetzt reagiert der Kanton Luzern. (Bilder Dominik Wunderli)

Im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke wird der Platz für minderjährige Asylsuchende eng. Jetzt reagiert der Kanton Luzern. (Bilder Dominik Wunderli)

Guy Studer

Das ging schnell: Mitte September sagte der kantonale Asylkoordinator Ruedi Fahrni gegenüber unserer Zeitung, der Kanton plane ein Asylzentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende, sogenannte UMA (Ausgabe vom 16. September). Gestern hat der Kanton mitgeteilt, dass dieses bereits Mitte November eröffnet, befristet auf rund zwei Jahre. Dazu wird das ehemalige Hotel Pilatusblick im Krienser Schlund-Quartier umgenutzt. Es bietet Platz für 70 UMA, bauliche Anpassungen sind nicht nötig.

Im Herbst 2017 soll Schluss sein

Der Kanton Luzern mietet das seit einigen Jahren leer stehende Gebäude von einer Privatperson. «Der Mietvertrag ist so ausgestaltet, dass er endet, sobald das geplante Asylzentrum Grosshof in Kriens eröffnet», sagt Ruedi Fahrni auf Anfrage. Das kantonale Zentrum im Krienser Grosshof soll bekanntlich im Herbst 2017 aufgehen. Wie viel Miete der Kanton bezahlt, wird nicht kommuniziert. Die Planung für ein Zentrum ab Herbst 2017 sei bereits aufgegleist.

Grund für das Zentrum ist die markant steigende Anzahl an minderjährigen Asylsuchenden. Betrug ihre Zahl im Kanton Luzern Mitte August noch 95, sind es nun bereits 125, überwiegend junge Männer oder Buben. Der Grossteil der UMA stammt aus Eritrea. Junge Eritreer stellten im September 187 von 292 UMA-Asylgesuchen in der Schweiz. An zweiter Stelle kommen Afghanen mit 54 Gesuchen, gefolgt von Syrern (30).

Immer mehr Kinder

«Mit 8 Prozent ist der Anteil der UMA an der Gesamtzahl der Asylsuchenden überproportional hoch», sagt Fahrni weiter. Was ihn besonders erschreckt, ist die Tatsache, dass immer mehr 11- bis 12-Jährige darunter sind. «Kürzlich sind innert einer Woche gleich vier Kinder in diesem Alter gekommen – das hatten wir noch nie.» Darunter sei auch ein 11-jähriges Mädchen, «das macht mich sehr nachdenklich».

Constantin Hruschka von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe kann keinen pauschalen Grund für die Zunahme der UMA nennen. «Bei jenen aus Eritrea zeigt sich aber seit rund eineinhalb Jahren ein Trend zu mehr Asylgesuchen.» Diese hätten grundsätzlich mit dem drohenden Einzug in den Militärdienst zu tun. «Der Wehrdienst dauert formal zwar 18 Monate, kann aber willkürlich auf unbestimmte Zeit verlängert werden.» Viele junge Männer würden sich dem entziehen wollen. «Denn wer sich in irgendeiner Weise gegen das Militär stellt, gilt als Oppositioneller, dem Repressalien bis hin zu Folter drohen.»

Integration wird grossgeschrieben

Die Erfahrung zeigt, dass UMA meist dauerhaft in der Schweiz bleiben. «Deshalb ist es extrem wichtig, alles zu unternehmen, damit sie sich gut entwickeln und im Arbeitsmarkt integriert werden können», sagt Fahrni. Berufsbeistände und Mitarbeiter mit sozialpädagogischem Hintergrund kümmern sich um die meist traumatisierten Jugendlichen und Kinder. Die unter 16-Jährigen unterstehen zudem der Schulpflicht und werden zentrumsintern unterrichtet. Ältere UMA erhalten in der Zentrumsschule Deutschunterricht und Allgemeinbildung. Bekannt ist bereits, dass ein UMA in einem Zentrum rund 40 000 Franken jährlich kostet, in Pflegefamilien gut und gerne das Doppelte (Ausgabe vom 16. September). Derzeit sind aber nur 60 UMA, also etwa die Hälfte im Kanton, im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke untergebracht. Sie leben dort in einem separaten Wohntrakt. Die andere Hälfte lebt sowohl bei Pflegefamilien, insbesondere die Jüngsten, als auch in Wohngemeinschaften. Der Trakt im Sonnenhof war ursprünglich für 30 Plätze ausgelegt, wurde inzwischen aber leicht ausgebaut. Künftig werden dort wieder 30 bis 40 vorwiegend über 16-Jährige leben. Jene, die nicht dort oder in Kriens unterkommen, werden weiter bei Pflegefamilien leben. «Wir wollen sie auch nicht aus ihrem Umfeld rausreissen», so Fahrni. Durch das neue Zentrum können Kosten reduziert werden. «Wir sparen diese aber nicht einfach ein», so Fahrni. Durch das immer jüngere Alter und die Traumatisierung sei eine bessere Betreuung als bisher dringend nötig.

Infoveranstaltung für Anwohner

Die ersten UMA werden am 16. November einziehen. Über das neue Zentrum im «Pilatusblick» wurden die Anwohner am Dienstag informiert. Am Montag, 9. November, findet zudem eine Informationsveranstaltung statt. Warum wurde nicht früher informiert? Fahrni begründet dies mit der hohen Dringlichkeit des Zentrums. «Zudem sind wir überzeugt, dass es bei der Bevölkerung gut aufgenommen wird, handelt es sich schliesslich um die Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die dringend einen Platz brauchen.»

Sidler: «Wollen nichts vorgaukeln»

Gemäss Lothar Sidler, Sozialvorsteher von Kriens, sei zwar eine frühere Information diskutiert worden. «Wir wollten der Bevölkerung aber nicht vorgaukeln, dass sie eine Mitsprache hätte.» Schliesslich habe der Kanton den Mietvertrag mit einem Privaten abgeschlossen, der Gemeinderat habe lediglich die juristischen Abklärungen betreffend Nutzungsänderung und Sicherheitskonzept geklärt. Hier bestehe gesetzlich kein Spielraum. An der Informationsveranstaltung werden unter anderem die Hausregeln erläutert. Sidler: «Wir haben die Möglichkeit, sogenannt sensible Zonen zu definieren, und werden diese mit dem Kanton bis zur Information noch festlegen.» Bereits jetzt könne gesagt werden, dass diese Schulanlagen während der Schulzeit betreffen sowie Gewerbeareale und Baustellen. «Diese Zonen dürfen die UMA nicht ohne Begleitung von Betreuungspersonen betreten.»

In ihrem gestrigen Newsletter zeigt sich die SVP Kriens über das geplante Asylzentrum irritiert. «Es ist eingetroffen, was schon lange gemunkelt wurde», schreibt Parteipräsident Peter Portmann. Er glaubt zudem nicht, dass das Zentrum 2017 schliessen werde.

Moschee in der Nachbarschaft

gus. In unmittelbarer Nähe zum «Pilatusblick» befindet sich die Moschee der Luzerner Dar-as-Salam-Gemeinschaft. Laut der Website www.religionenlu.ch treffen sich dort regelmässig rund 200 Gläubige zum Freitagsgebet. Wurde die Moschee in die Sicherheitsüberlegungen zum Asylzentrum mit einbezogen? Der Krienser Sozialvorsteher Lothar Sidler verneint: «Das war kein Diskussionspunkt.» Die Moschee werde aber sicherlich bei der Sicherheitsbeurteilung von Polizei und Gemeinde eine Rolle spielen. «Es ist auch denkbar, dass wir die Moschee zur sensiblen Zone erklären, damit die Asylsuchenden nur in Begleitung von Betreuungspersonen dorthin gehen dürfen.»

Im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke wird der Platz für minderjährige Asylsuchende eng. Jetzt reagiert der Kanton Luzern. (Bild Dominik Wunderli)

Im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke wird der Platz für minderjährige Asylsuchende eng. Jetzt reagiert der Kanton Luzern. (Bild Dominik Wunderli)