ASYL: Räume für Deutschkurse fehlen

Deutschlektionen für Flüchtlinge: Ein Blick hinter die Kulissen im Zentrum Sonnenhof zeigt, dass das auch eine Art Lebenskunde ist.

Yasmin Kunz
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Obligatorischer Deutschunterricht im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke. Lehrer Urs Jans übt mit dem Schülern die Jahreszeiten und Monate. (Bild Dominik Wunderli)

Obligatorischer Deutschunterricht im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke. Lehrer Urs Jans übt mit dem Schülern die Jahreszeiten und Monate. (Bild Dominik Wunderli)

Yasmin Kunz

«Was ist heute für ein Tag?» – «Donnerstag», antworten die 15 Asylbewerber im Chor. «Was war gestern?», fragt Urs Jans, Deutschlehrer im Asylzentrum Sonnenhof in Emmenbrücke. «Mittwoch», kommt die Antwort prompt. Seit Anfang Januar besuchen zwei Klassen à 15 Asylbewerber den Deutschkurs beim ehemaligen Primarlehrer Urs Jans. Dreimal die Woche – jeweils drei Stunden am Morgen und drei am Nachmittag – büffeln die 20- bis 40-Jährigen aus Ländern wie Somalia, Sri Lanka, Eritrea, Afghanistan oder Syrien die Grundlagen der deutschen Sprache.

Die Mühen mit dem «ä»

Der 63-jährige Urs Jans aus Rothenburg hat für den Unterricht den schönsten Raum im Haus ausgesucht. «Es ist wichtig, eine gute Atmosphäre zu schaffen, wo man konzentriert und in Ruhe lernen kann.» Wie zu Primarlehrerzeiten richtete er das Zimmer ein. Ganz hinten hängen die Fotos aller Schüler, daneben eine Schweizer Karte, auf dem Lehrerpult steht ein Osternest mit Schokoeiern. Und an der Wandtafel hängen farbige Blätter mit den aufgeschriebenen Monatsnamen. Diese werden auch sogleich repetiert. Jans spricht vor: «Januar, Februar, März …» Die Schüler sprechen nach. Bis auf «März» ist die Aussprache der Schüler lobenswert. Das «ä», dessen Aussprache die meisten in ihrer Landessprache nicht kennen, macht anfangs noch Mühe. Nach mehrmaligem Wiederholen tönt das «a» mit Pünktchen schon fast wie ein «ä». Während der Deutschstunde fällt immer wieder auf, wie motiviert die Schüler mitmachen. Jans muss sie hin und wieder zur Ruhe ermahnen, weil alle gleichzeitig und teils etwas vorschnell antworten wollen.

Urs Jans leitet seit Dezember die Koordination des Deutschunterrichts für Asylsuchende im Kanton Luzern. Das derzeit grösste Problem in diesem Bereich sind fehlende Schulzimmer, erklärt er (siehe auch Kasten). An willigen und motivierten Lehrern würde es nicht mangeln. «Ich habe wöchentlich mindestens drei Anfragen von Lehrern, die gerne Asylbewerber unterrichten würden.»

«Beginne bei null»

Zurück zum Unterricht im Emmenbrücker Asylzentrum: Deutschlehrer Jans spricht und gestikuliert, und man merkt, dass er in seinem Element ist. Profitiert er von seiner langjährigen Erfahrung als Lehrer? «Das sind zwei unterschiedliche Welten. Im Asylzentrum beginne ich bei null. Ich unterrichte Schüler, die das lateinische Alphabet nicht kennen.» Diese Asylbewerber müssen vorerst unser Abc lernen und müssen wissen, in welche Richtung man bei uns liest und schreibt, bevor sie richtig loslegen können. «Manchmal komme ich mir vor wie ein 1.-Klasse-Lehrer», sagt Jans, der stets 5. und 6. Klassen unterrichtet hat. Zudem sei die Arbeit mit den Asylbewerbern auch eine Art Lebensunterricht. So klärt Jans auch darüber auf, dass wir hier täglich duschen, dass man sich bei einem Gespräch in die Augen schaut und dass Pünktlichkeit das A und O ist.

Sein oberstes Credo für den Unterricht lautet: In diesem Raum wird nur Deutsch gesprochen. Wer ihm zuschaut, weiss, wie viel das von ihm fordert. Er untermalt seine Worte mit Gesten, sagt einen Satz mehrmals, zeigt auf Objekte, schreibt wieder etwas an die Tafel oder versucht es mit einer Zeichnung.

Nevethintha Tharmalingam (24) aus Sri Lanka wohnt seit rund zehn Monaten im Sonnenhof und besucht seit Januar den Kurs. Ihr Deutsch ist bereits so gut, dass eine einfache Konversation möglich ist. Sie erzählt, dass sie in ihrem Heimatland auf einer Bank arbeitete und allein in die Schweiz reiste. Das Erlernen der deutschen Sprache falle ihr leicht, sagt sie. «In Tamil, meiner Muttersprache, haben wir 247 verschiedene Buchstaben.» Sie schreibt etwas aufs Blatt. Ihre Schrift – mehr eine Zeichnung – hat keine Ähnlichkeit mit der unseren. Ihr Glück: «In Sri Lanka hatte ich Englisch und daher kenne ich das lateinische Alphabet.» Am liebsten hätte die junge Frau jeden Tag Unterricht bei Jans. «Es ist mir wichtig, diese Sprache zu lernen, weil ich in Zukunft in der Schweiz arbeiten möchte. Und es macht mir grosse Freude, jeden Tag neue Wörter zu entdecken.»

Syrer würde «gerne an die Uni»

Der Syrer Mohammed Ali (23) stimmt der Schulkollegin zu. Er kam mit seiner Frau vor sechs Monaten in die Schweiz und freut sich, dass er mit dem Deutschkurs eine Aufgabe hat. Der ehemalige Jus-Student will unbedingt in der Arbeitswelt Fuss fassen. «Darum muss und will ich Deutsch lernen», sagt er. Ob er jemals wieder Recht studieren möchte? «Zuerst will ich arbeiten und Geld verdienen – später würde ich gerne wieder an die Universität.» Jans verrät, dass dies seine beiden Musterschüler sind. «Sie stehen schon um 8.10 Uhr vor der Tür und warten sehnsüchtig, bis der Unterricht um 8.30 Uhr beginnt.» Jedes ihnen noch unbekannte Wort werde sogleich ins Notizheft geschrieben.

Lehrer und Seelsorger

Wenn man Jans heute mit den Schülern sieht, glaubt man kaum, dass er zu Beginn an diesem Job gezweifelt hat. «Man ist voreingenommen, ob man will oder nicht. Aber ich habe diese Menschen ins Herz geschlossen, und es tut mir weh, wenn sie dann plötzlich gehen müssen», sagt Jans. Er sei hier nicht nur Lehrer, sondern auch Seelsorger. «Diese jungen Menschen haben schon viel durchgemacht. Zwischendurch kommen die Erlebnisse wieder hoch – etwa dann, wenn über Emmen Übungsflüge der Luftwaffe durchgeführt werden.» Urs Jans bereut seine Entscheidung nicht. «Hier werde ich gebraucht und kann ich den jungen Menschen helfen.»

Bald auch in Notunterkünften

Der Kanton Luzern beschreitet mit den obligatorischen Deutschkursen, die es seit Anfang Jahr gibt, neue Wege, um die Integration von Flüchtlingen zu beschleunigen.  Die Kurse sind grundsätzlich für alle Bewohner der Luzerner Asylzentren Pflicht. Die anderen Zentralschweizer Kantone bieten noch keinen obligatorischen Deutschunterricht an.

Aktuell vier Klassen

Derzeit gibt es im Kanton Luzern mit zwölf Asylzentren vier Klassen à 15 Teilnehmer, die Deutsch lernen. Jetzt will man das Angebot sogar noch ausbauen, wie der Luzerner Asylkoordinator Ruedi Fahrni auf Anfrage sagt. «Bis im Mai wollen wir auf zwölf Klassen ausbauen.» Ende Jahr sind sogar zwanzig Klassen vorgesehen, sagt Fahrni. Aktuell teilen sich sechs Lehrer rund 300 Stellenprozent. Bei zwanzig Klassen müssten vier weitere Deutschlehrer rekrutiert werden. Laut Fahrni dürfte das aber kein Problem sein. «Wir haben genügend Anfragen von interessierten und qualifizierten Personen.»

Grössere Schwierigkeiten bereiten Ruedi Fahrni die fehlenden Räume. «In der Agglomeration Luzern benötigen wir vier zusätzliche Schulzimmer. Wie will man das Problem lösen? «Da wir die Schulräume nur tagsüber benötigen, könnten wir uns vorstellen, Räume mit Vereinen zu teilen, welche die Räume nur am Abend benötigen.» 

Wer Deutsch unterrichten will, braucht ein Lehrerdiplom oder eine Ausbildung zum Erwachsenenbildner. Zudem sind Erfahrungen im Unterrichten von Deutsch für Fremdsprachige Voraussetzung.

Meggen startet diesen Monat

Es ist wichtig, dass die Asylbewerber die deutsche Sprache lernen – und zwar nicht nur jene in den Zentren. Deshalb will der Kanton Luzern auch in den Notunterkünften Deutschkurse anbieten. «Noch diesen Monat starten wir in der Zivilschutzanlage in Meggen mit zwei Klassen», so Fahrni. Weitere Kurse in Notunterkünften würden derzeit noch geprüft. 

Bei den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden nehmen die über 16-Jährigen ebenfalls an den Deutschkursen teil. Oder sie besuchen anderen Angebote wie etwa die Alphabetisierungskurse der Caritas. Diejenigen, die das 16. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, besuchen den obligatorischen Schulunterricht.