ASYLSUCHENDE: 17-Jährige dreht Dok-Film über unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden

Die 17-jährige Kantischülerin Aileen Fuchs drehte einen Dokumentarfilm über einen unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden. Der Film ermöglicht spannende, berührende Einblicke.

Hugo Bischof
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Aileen Fuchs mit dem schriftlichen Exposé zu ihrem Dokumentarfilm. (Bild: Benno Bühlmann (Luzern, 10. Dezember 2016))

Aileen Fuchs mit dem schriftlichen Exposé zu ihrem Dokumentarfilm. (Bild: Benno Bühlmann (Luzern, 10. Dezember 2016))

«Das Leben ist ein bisschen schwierig. Aber man kann es schaffen, allein zu leben.» So lautet der Titel eines Dokumentarfilms, den Aileen Fuchs aus Ebikon gedreht und als Maturaarbeit an der Kantonsschule Alpenquai Luzern eingereicht hat. Die 17-jährige Kantonsschülerin geht darin der Frage nach, wie unbegleitete minderjährige Asylsuchende, sogenannte UMA, im Kanton Luzern leben.

Protagonist des 20-minütigen Dokumentarfilms ist der 18-jährige Alexander H. aus Eritrea. Mit ihm hat Aileen geredet. Ihn stellt sie vor – in kurzen Szenen aus seinem Alltag, mit Ausschnitten aus einem Interview, das sie mit ihm führte. Leise, fast schüchtern erzählt Alexander von seinen Erlebnissen. Im Alter von 15 Jahren floh er, ohne seine Eltern, mit fünf Freunden aus seinem Heimatland in die Schweiz – «wegen Hunger, Durst und Krieg». Die Reise, die insgesamt sieben Monate dauerte, führte sie zunächst zu Fuss nach Äthiopien, dann weiter in den Sudan.

Im Holzschiff übers Mittelmeer

Zum Teil waren sie in einem Auto unterwegs, meist nur in der Nacht, da tagsüber patrouillierende Soldaten, Streit und Krieg eine ständige Gefahr darstellten. Oft hatten sie tagelang nichts zu essen und zu trinken. Vom Sudan gings weiter nach Libyen. Von dort überquerten sie das Mittelmeer mit einem Holzschiff. Nach einer langen Reise quer durch Italien erreichte Alexander im November 2014 die Schweiz. Von Chiasso wurde er in das Durchgangszentrum Sonnenhof in Emmenbrücke gebracht. Später kam er ins neu eröffnete Zuma Pilatusblick (Zentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende) in Kriens und besucht jetzt ein Sprachförderungs- und Jobtraining in Littau. Später möchte er Automechaniker werden.

Es ist ein ruhiger, schlichter Film mit vielen eindrücklichen, berührenden Szenen – etwa wenn Alexander vor dem Haus in Ebikon steht, wo er zurzeit in einer WG mit fünf anderen Eritreern lebt. «Wir spielen in unserer Freizeit oft gemeinsam Theater», erzählt er, während ein sanftes Lächeln über sein Gesicht huscht.

«Einmal in einer schönen, bunten Wohnung wohnen»

Sein grösster Wunsch? «Einmal in einer schönen, bunten Wohnung mit einem Garten wohnen!» Alexander hat zwei Schwestern, von denen eine heute ebenfalls im Zuma Kriens lebt. Die andere blieb mit ihrer Mutter in Eritrea zurück. Er würde sie gerne wiedersehen. Wo sein Vater ist, weiss er nicht.

Interessant ist im Film auch, zu sehen, wie ernsthaft und eifrig die jungen Asylsuchenden in der Schule Deutsch-Vokabeln lernen. Ihre Lehrerin kommt auch zu Wort und äussert sich sehr lobend über die Einsatzbereitschaft und auch die Dankbarkeit ihrer Schülerinnen und Schüler: «Niemand geht grusslos an mir vorbei; alle haben stets ein freundliches Lachen im Gesicht.»

Die 17-jährige Aileen Fuchs hat viele gleichaltrige Kolleginnen in der Schweiz. Was sind die Unterschiede zu den jungen Asylsuchenden? «Die Wünsche der UMA sind oft bescheidener», sagt Aileen. «Viele wünschen sich eine gute Ausbildung und dass sie später einen bestimmten Beruf ausüben dürfen. Diese Wünsche gibt es bei gleichaltrigen Schweizern auch, aber eher im Hintergrund. Schweizer Jugendliche wünschen sich meist materielle Dinge, da für sie die Ausbildung selbstverständlicher ist.»

Aileen Fuchs besuchte auch das Zentrum Pilatusblick, Kriens. «Dort gibt es eine Wand, an der Plakate der jungen Asylsuchenden hängen», erzählt sie. «Darauf zu sehen sind Fotos der Kinder und Wünsche oder was sie an der Schweiz schätzen. Ein Junge schrieb beispielsweise, dass er Doktor werden möchte. Ein Mädchen will Tänzerin werden. Ein weiterer Junge meinte, ihm gefalle an der Schweiz, dass es hier regnet und alles so grün ist.»

Plädoyer für Offenheit und Menschlichkeit

Im Zentrum Pilatusblick wohnen derzeit rund 70 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Der grösste Teil von ihnen stammt aus Eritrea; danach folgen Afghanistan, Syrien und Somalia. Jüngere UMA leben in Pflegefamilien und besuchen mit gleichaltrigen Schweizer Kindern die öffentlichen Schulen. Aileen Fuchs’ Film ist ein gelungenes Plädoyer dafür, sich mit den Nöten, Ängsten und Wünschen junger Asylsuchender auseinanderzusetzen und ihnen mit Offenheit und Neugier zu begegnen. Was sind ihre eigenen beruflichen Pläne? Filmemacherin? «Nein», sagt sie, «ich werde wohl Wirtschaft studieren.» Aber klar, filmen werde sie in ihrer Freizeit weiterhin.

Hinweis

Der Film wird heute zwischen 12.30 und 13 Uhr nochmals gezeigt: Kantonsschule Alpenquai Luzern, Konferenzraum V1.24.


Hugo Bischof
hugo.bischof@luzernerzeitung.ch