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ASYLWESEN: Dem Gegenwind trotzt Silvia Bolliger mit Gelassenheit

Seit drei Monaten gibt es die Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen. Silvia Bolliger, die Chefin von 230 Mitarbeitern, erklärt, wo es noch nicht rundläuft. Und wie sie mit den Ängsten der Bevölkerung umgeht.
Roseline Troxler
Silvia Bolliger, Leiterin der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen, im Asylzentrum Hirschpark in Luzern. (Bild: Boris Bürgisser (27. März 2017))

Silvia Bolliger, Leiterin der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen, im Asylzentrum Hirschpark in Luzern. (Bild: Boris Bürgisser (27. März 2017))

Roseline Troxler

roseline.troxler@luzernerzeitung.ch

Draussen vor dem Hirschpark in Luzern spielen Kinder in der Nachmittagssonne, drinnen sitzen zwei Männer und machen die Eingangskontrolle. Wir befinden uns bei einer der grossen Asylunterkünfte im Kanton Luzern. 100 Asylbewerber sind hier momentan untergebracht. Silvia Bolliger hat den Hirschpark als Treffpunkt vorgeschlagen.

Seit Januar leitet die 54-Jährige die neu gegründete Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen. Diese wurde aufgrund des starken Stellenausbaus geschaffen und war Folge steigender Asylzahlen sowie der Übernahme des Betreuungsauftrags von Asylbewerbern und Flüchtlingen von der Caritas. Der Kanton führt diese zwei Bereiche nun in Eigenregie.

Aufbau bezeichnet sie als «enorm strenge Zeit»

Silvia Bolliger hat das Asylwesen nach dem abrupten Abgang von Ruedi Fahrni Ende Juli bereits interimistisch geführt. Früher war dieses nur als Abteilung und nicht als eigene Dienststelle organisiert. «Das war eine enorm strenge Zeit», sagt sie rückblickend. Die Übernahme der Betreuung durch die Caritas, hohe Asylzahlen sowie der Aufbau der Dienststelle – all das musste zeitgleich bewältigt werden. Heute hat die Dienststelle rund 230 Mitarbeiter.

Nun, drei Monate nachdem die Dienststelle aus der Taufe gehoben wurde, zieht Bolliger eine positive Bilanz. «Die Strukturen und das Kader stehen.» Eine besondere Herausforderung stelle der budgetlose Zustand des Kantons dar. Und wie alle Dienststellen spüre auch die ihrige den Spardruck.

Vergangenes Jahr war Silvia Bolliger auch abends oft unterwegs. Sie informierte die Bevölkerung über die Eröffnung diverser Asylunterkünfte und stand dabei oft im Gegenwind. «Die Leute haben ein Recht auf ihre Emotionen», sagt Bolliger zum Widerstand. Sie erwarte aber einen angemessenen Ton und Respekt. Die Kritik würde nicht an ihr abprallen, erzählt sie – doch sie versuche, ihr mit Gelassenheit zu begegnen. «Persönliche Angriffe habe ich bisher zum Glück nicht erlebt», erzählt die Horwerin. Gleichzeitig betont sie, dass das Asylwesen sowohl sehr politisch als auch emotional sei.

Die ehemalige persönliche Mitarbeiterin von Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf wirkt unnahbar und taff zugleich – eine Taktik? Bolliger verneint: «Vielleicht liegt es an meiner Grösse und meinem Auftreten, dass ich diesen Eindruck vermittle.» Ihr Führungsstil sehe jenem von männlichen Kollegen ähnlich, vermutet sie. Dennoch habe sie nicht das Gefühl, dass sie sich in dieser Position als Frau besonders behaupten müsse. «Mein Führungsstil entspricht meiner Persönlichkeit.»

Ihre Gelassenheit führt Bolliger auch auf ihre sportlichen Erfahrungen zurück, war sie doch vor gut dreissig Jahren Innerschweizer Rekordhalterin im 200-Meter-Lauf. Als einstige Leichtathletin sei sie es gewohnt, auf sich selbst gestellt zu sein und unter Druck Leistung abzurufen.

Sie sass für die CVP im Horwer Einwohnerrat

Die Dienststellenleiterin ist in Horw aufgewachsen. Und die zweifache Mutter blieb der Gemeinde bis heute treu. Die gelernte Kauffrau hat später ein Nachdiplomstudium in NPO-Management (Non-Profit-Organisation) absolviert. Danach hatte sie mehrere Leitungsfunktionen inne, etwa bei der Spitex Horw. Während zehn Jahren sass sie für die CVP im Einwohnerrat. 2003 kandidierte Bolliger für den Gemeinderat, verpasste den Sprung in die Exekutive allerdings.

In Kontakt mit Asylthemen kam sie erstmals vor fünf Jahren. Seither arbeitet sie für den Kanton. Als persönliche Mitarbeiterin hat ihr Guido Graf das politische Dossier für das Asylwesen übertragen. Später war sie Leiterin Kommunikation und Stellvertreterin des Departementssekretärs.

Obwohl sie sich nun ausschliesslich mit Asylthemen befasst, vermisse sie die vorherige Vielfalt nicht. Denn sie erzählt: «Das Asyl- und Flüchtlingswesen ist enorm breit – es geht ums Wohnen, Arbeiten, um die Integration, um Finanzen, Freiwilligenarbeit oder um den Sozialdienst.» Künftig wolle sie öfter die Zentren und Notunterkünfte besuchen. «Das kam durch den Aufbau der Dienststelle zu kurz.» Potenzial sieht sie auch bei der Kommunikation. Von den Gemeinden, die Asylplätze zur Verfügung stellen mussten, gab es teils harsche Kritik, der Kanton lasse diese im Unwissen. Bolliger gesteht: «Die Kommunikation hat im letzten Jahr gelitten.»

Kanton will auf Hilfe der Gemeinden verzichten

Der Verteilschlüssel für die Gemeinden wurde Ende Jahr aufgehoben. Bolliger rechnet gemäss heutigem Wissensstand damit, dass es 2017 ohne Mithilfe der Gemeinden genug Asylplätze gibt. Der Kanton Luzern erwartet dieses Jahr gleich viele Asylbewerber wie 2016. Damals waren es schweizweit 27 000 Personen, dem Kanton wurden 1288 Bewerber zugewiesen. Doch Bolliger sagt: «Die Zahl schwankt stark – je nachdem, was in den Krisengebieten geschieht, wer die Wahlen in Deutschland und Frankreich gewinnt und ob die Balkanroute geschlossen bleibt.» Letztes Jahr habe sich der Kanton auf eine deutlich höhere Zahl eingestellt. «Das damals erstellte Notfallkonzept können wir bei Bedarf wieder aus der Schublade nehmen.»

Bis Ende Jahr will Bolliger den Aufbau der Dienststelle abschliessen. Durch die Übernahme der Asyl- und Flüchtlingsbetreuung von der Caritas beschäftigt der Kanton auch viele ehemalige Caritas-Mitarbeiter. Einige kritisieren die neue Führungskultur. Bolliger entgegnet: «Es gibt auch Mitarbeitende, denen gefällt es beim Kanton besser als bei der Caritas.» Sie räumt aber ein, dass es noch Zeit brauche, die beiden Kulturen zusammenzubringen.

Trotz der Arbeit, die noch ansteht, kann sich Bolliger im Vergleich zum Vorjahr etwas zurücklehnen. Ihr Arbeitsalltag bleibe aber unvorhersehbar. «Gibt es in einem Zentrum ein Sicherheitsproblem, gehe ich vor Ort.» Bei der Polizei stehe ihre Nummer ganz oben auf der Liste. «Ich bin immer auf Pikett, um bei Bedarf Sofortmassnahmen einleiten zu können.» Dies war etwa der Fall, als die Polizei vergangenen Donnerstag wegen eines Streits im Asylheim in Kriens ausrücken musste (wir berichteten).

Mühe, abzuschalten, habe sie glücklicherweise nicht. Da helfe auch Joggen oder Krafttraining. Dennoch hofft Silvia Bolliger, dass künftig wieder mehr Zeit für ihren Partner oder das Grosskind bleibt.

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