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ASYLWESEN: Zwei junge Afghanen haben eine neue Perspektive gefunden

Während in ihrem Heimatland Bomben hochgehen, wollen die vorläufig Aufgenommen Ali und Ibrahim in Luzern demnächst eine Lehre beginnen. Ein solcher Bildungsweg wäre in Afghanistan undenkbar.
Yasmin Kunz
Die Afghanen Ali und Ibrahim haben ihr Heimatland Richtung Luzern verlassen. Für beide gibt es keinen Weg zurück: Sie starten demnächst ins Berufsleben. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 26. Januar 2018))

Die Afghanen Ali und Ibrahim haben ihr Heimatland Richtung Luzern verlassen. Für beide gibt es keinen Weg zurück: Sie starten demnächst ins Berufsleben. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 26. Januar 2018))

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Für die beiden Teenager ist das Leben keine Einbahn mehr. Endlich haben sie wieder Perspektiven. Ali* und Ibrahim* haben ihre Heimat in Afghanistan als 14- respektive 15-jährige Jugendliche verlassen. Über den Landweg. Manchmal zu Fuss. Manchmal per Anhalter. Manchmal in Gruppen. Manchmal allein. «Wenn wir kein Geld hatten, uns einer Gruppe anzuschliessen, sind wir allein weitergegangen», sagen die beiden heute 17- und 18-Jährigen. Ihre erste Station auf der Flucht war der Iran. Anschliessend sind über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Österreich in die Schweiz gekommen. Mehr als zwei Monate war Ali unterwegs. Ibrahim hat im Iran einen mehrmonatigen Zwischenstopp eingelegt, um auf dem Bau Geld zu verdienen. Seine Flucht vom Iran in die Schweiz dauerte nach seinen Angaben rund einen Monat.

Beide haben zahlreiche Nächte im Wald verbracht. «Ja, die Angst war immer da», sagen sie. Mit welchem Ziel haben sie sich auf die Flucht begeben? «Europa», antworten sie unisono. Dass sie letztlich in der Schweiz Asyl beantragt haben, «ist ein schöner Zufall». Ali lebt nun seit zweieinhalb, Ibrahim seit zwei Jahren in der Schweiz. Beide möchten lieber anonym bleiben.

Zwölf Bewerbungen für eine Schnupperlehre

Kennen gelernt haben sich Ali und Ibrahim erst in Luzern. Heute wohnen sie in einer Wohngemeinschaft in Emmenbrücke. Mit einem weiteren Landsmann und einem Eritreer. «Das funktioniert gut, wir haben unseren Ämtliplan und kommen gut miteinander klar», sagt Ali. An die Flucht aus ihrer Heimat – einem Land, das immer wieder von Taliban-Angriffen heimgesucht wird – erinnern sie sich gut. Die Buben haben von ihren Familien Geld für die Flucht erhalten. Die Eltern hätten sie gedrängt, das Land zu verlassen, um ein Leben in Sicherheit zu führen. «In Afghanistan ist es gefährlich. Ausserdem hätten wir dort keinerlei Perspektiven gehabt», so der gesprächige Ali, der in Kabul aufgewachsen ist: «Entweder du gehst an die Universität, wirst Architekt oder Arzt, oder du suchst dir eine Arbeit auf einer Baustelle oder sonst wo.» Ein Bildungssystem wie hier in der Schweiz gebe es nicht «und das ist das, was ich in der Schweiz am meisten schätze». Ali und Ibrahim besuchen aktuell das 10. Schuljahr in Sursee. Ali, der mittlerweile sowohl unsere Schrift beherrscht als auch unsere Sprache nahezu fliessend spricht, hat grosse Zukunftspläne: Im Sommer startet er eine vierjährige Lehre als Elektroinstallateur. «Anschliessend möchte ich noch die Matura nachholen», betont der junge Mann. «Ich lerne sehr gerne.»

In Afghanistan konnte er den Unterricht nur bis zur sechsten Klasse besuchen. Später ging den Eltern, die in Kabul einen Lebensmittelladen besessen hatten, das Geld für die Bildung aus. So hat Ali im Familienbetrieb mitgeholfen und jeweils mit einer Schubkarre Lebensmittel transportiert. Auch für Ibrahim war die Schulkarriere nach der sechsten Klasse zu Ende. «Und die Mädchen dürfen bei uns gar nicht zur Schule», ergänzt Ali. Manchmal würden sie versuchen, sich in den Unterricht zu schmuggeln, weil sie auch lernen wollen. Fliegen sie auf, kriegen sie richtig Ärger, wissen die beiden Jugendlichen.

Ibrahim, der in der Region Jaghori auf dem Land aufgewachsen ist, hatte schon als Bub einen Traum: Er möchte gerne Polizist werden. In einem ersten Schritt will der etwas schüchterne junge Mann aber eine Lehre als Automobilmechaniker absolvieren. Bis dato hat es mit einer Lehrstelle für den kommenden Sommer noch nicht geklappt. «Ich habe etwa zwölf Bewerbungen für eine Schnupperlehre verschickt» – mit Erfolg. Ibrahim darf demnächst ein paar Tage Berufsluft schnuppern. Er hofft, dass er vielleicht in diesem Betrieb dann eine Lehrstelle bekommt. «Ich muss noch etwas besser Deutsch lernen», sagt er und sieht mangelnde Deutschkenntnisse als Grund für die vielen Absagen. Er stupst seinen Freund Ali und sagt: «Wir müssen mehr Deutsch sprechen.» Beide lachen.

An Neujahr ist das Heimweh besonders stark

Ein besonderer Tag wird für die beiden der 17. März. «Dann feiern die Afghanen Neujahr, nach dem Mondkalender. Das war in unserer Heimat immer ein schönes Fest, weil die gesamte Familie sich getroffen hat.» Sie erzählen, wie man an diesem Tag jeweils neue Kleider geschenkt bekam – «wir glauben mit neuen Kleidern ins neue Jahr zu starten, bringt Glück». Und es wurden zu diesem Fest immer sieben Früchte mit dem Anfangsbuchstaben «S» serviert – wie etwa Sib (zu Deutsch Apfel) und das Festtagsgericht Kabuli; ein Eintopf mit Reis, Fleisch und Karotten und Rosinen.

«Das ist alles sehr lecker», betonen sie mit glänzenden Augen. Das Heimweh sei immer da, vor allem würden ihnen die Familie und Freunde fehlen. Ali hat drei Schwestern und Ibrahim ist der Älteste von fünf. «Wir haben schon Kontakt, aber das Internet in Afghanistan funktioniert nicht immer.» Zudem könne Telefonieren oder das Versenden von Nachrichten das Heimweh nicht immer lindern. Dann versuchen sie sich abzulenken – bald auch mit der Fasnacht. «Dieses Brauchtum finden wir irgendwie lustig. In Afghanistan verkleiden sich die Menschen nicht zum Spass.» Sie würden sich jeweils die Umzüge ansehen und schmunzeln, wenn Pandabären, Piraten und Pokémons die Strassen entlang schlendern.

* Namen von der Redaktion geändert.

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