St. Leodegar: Auch der Luzerner Stadtheilige wurde Opfer des Kapellbrückenbrands

Der 2. Oktober erinnert an den Luzerner Stadtheiligen Leodegar. Die meisten Gemälde des Leodegar-Zyklus sind 1993 auf der Kapellbrücke verbrannt. Doch einige Bilder sind auf der Brücke noch immer zu bestaunen. Sie sollten die Menschen damals zu Tugendhaftigkeit animieren.

Hugo Bischof
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Drei der vier mit dem Mord beauftragten Knechte knien vor Leodegar nieder und bitten ihn um Verzeihung. Der vierte schaut höhnisch auf sie hinunter. (Bilder: Stadtarchiv Luzern)

Drei der vier mit dem Mord beauftragten Knechte knien vor Leodegar nieder und bitten ihn um Verzeihung. Der vierte schaut höhnisch auf sie hinunter. (Bilder: Stadtarchiv Luzern)

Am 2. Oktober ist Leodegarstag in Luzern, Tag des Stadtpatrons. Und vor 25 Jahren, in der Nacht vom 17. auf den 18. August, brannte die Kapellbrücke. Was haben die beiden Ereignisse zusammen zu tun? Viel. Denn Leodegar wurde damals selber ein Opfer der Flammen. Präziser gesagt: Ein Grossteil der Bilder über sein Leben und Sterben, die in den Brückengiebeln hingen, wurde beim Brand vollständig zerstört. Doch der Reihe nach: «Lodi», wie ihn die Luzerner liebevoll nennen, lebte im 7. Jahrhundert im französischen Burgund und war dort unter anderem Bischof von Autun. Seine Geschichte ist vielerorts nachzulesen. Besonders ausführlich etwa auf der Website des aargauischen Dorfs Möhlin. Warum Möhlin? Weil Leodegar auch anderen Ortschaften als Patron dient.

Der rotgekleidete Mörder packt Leodegar von hinten und holt mit dem Schwert zur Enthauptung aus.

Der rotgekleidete Mörder packt Leodegar von hinten und holt mit dem Schwert zur Enthauptung aus.

Zunge herausgerissen und enthauptet

Leodegars Leben endete gewaltsam: Als er den Zorn der Obrigkeit auf sich zog, wurden ihm zunächst mit einem Bohrer die Augen ausgestochen und die Zunge herausgerissen. Dann wurde er inhaftiert und in Sarcing (heute St. Léger im Departement Pas-de-Calais) in der Normandie enthauptet – wahrscheinlich in den ersten Oktobertagen 679. Nach der Hinrichtung blieb gemäss der Legende sein Körper stehen  – eines der Wunder, dank denen Leodegar schliesslich heiliggesprochen wurde. Den Weg nach Luzern fand St. Leodegar im 9. Jahrhundert. Damals ging das 750 gegründete Benediktinerkloster im Hof in Luzern (am Ort der heutigen Hofkirche) in den Besitz des elsässischen Klosters Murbach über. Da Leodegar der Patron von Murbach war, lag es nahe, ihn zum zweiten Luzerner Stadtheiligen zu machen – neben St. Mauritius, ebenfalls ein Märtyrer, der im 3. Jahrhundert lebte.

Zurück zur Kapellbrücke: Der berühmte Bilderzyklus in deren Giebeln entstand im 17. Jahrhundert, auf Initiative des damaligen Luzerner Stadtschreibers Renward Cysat. Er erzählte auf ursprünglich 158 Gemälden die Geschichte Luzerns, der alten Eidgenossenschaft und der beiden Stadtpatrone Leodegar und Mauritius. Die Bilder sollten die Luzerner beim Gang über die Brücke zu tugendhaftem und christlichem Leben anregen. Von den 158 Bildern waren 40 dem Leben und Sterben des Heiligen Leodegar gewidmet. 29 davon wurden beim Brand 1993 zerstört. Elf konnten gerettet werden. Sechs davon hängen heute noch in den Giebeln der Kapellbrücke; die restlichen fünf sind im Kulturgüterschutzraum der Stadt Luzern eingelagert. Mickrige sechs Leodegar-Bilder können Passanten heute beim Gang über die Brücke also noch bestaunen – wenn sie denn wollen. Ob sie auch heute noch zur Tugendhaftigkeit anregen, muss jeder für sich selber beantworten.

Potenzielle Mörder baten Leodegar um Verzeihung

Gerade das Sterben Leodegars ist auf der Kapellbrücke noch immer gut sichtbar. Vor allem zwei Bilder illustrieren das dramatische Geschehen eindrücklich. Auf dem ersten breitet Leodegar die Arme zum Gebet aus. Er hat soeben den drei Knechten die Absolution erteilt, die ihn ermorden sollten, vor ihm aber auf die Knie gingen und ihn um Verzeihung baten. Die drei sind auf dem Weg zurück in eine im Hintergrund sichtbare Stadt. Von rechts packt der vierte Knecht Leodegar von hinten. Er ist in Rot, der Farbe des Henkers, gekleidet und holt mit dem Schwert zur Enthauptung aus. Das zweite Bild zeigt Leodegars Leichnam, der nach der Enthauptung stehen bleibt. Sein Haupt liegt zu seinen Füssen. Sein Mörder wird von einem geflügelten Teufel geholt. Die beiden Gemälde hängen im Bereich der letzten Kurve der Kapellbrücke vor dem Ausgang Richtung Luzerner Theater. Ein weiteres Bild, das die drei reuigen Knechte zeigt, wie sie vor Leodegar in die Knie sinken, wurde beim Brand 1993 zerstört.

Der Körper des heiligen Leodegar bleibt nach der Enthauptung stehen. Ein geflügelter Teufel holt seinen Mörder.

Der Körper des heiligen Leodegar bleibt nach der Enthauptung stehen. Ein geflügelter Teufel holt seinen Mörder.

Wer sich den ganzen Zyklus zu Gemüte führen will, muss ihn anderswo suchen. Etwa in den zwei Bänden von Heinz Horats hervorragendem Buch «Die Bilder der Kapellbrücke in Luzern». Es enthält alle Kapellbrücke-Bilder, nicht nur den Leodegar-Zyklus, in guter fotografischer Qualität. Möglich wurde dies, da alle Bilder wenige Jahre vor dem Brand professionell fotografiert worden waren – ein glücklicher Zufall.

Virtueller Rundgang durch die Bilderzyklen

Eine andere Möglichkeit ist es, die Kapellbrücke-Bilder auf den interaktiven E-Books zu betrachten, die Heinz Schürmann und Klemens Vogel realisierten. Mit den Multi-Touch-Büchern kann man die Bilder virtuell bei einem Gang üer die Kapellbrücke oder auch bequem zuhause betrachten. Vorlagen für diese Bilder sind die Kopien aller Gemälde, die der Mäzen Jost Schumacher 2008 herstellen liess.

Heinz Horat: Die Bilder der Kapellbrücke; Verlag Hier und Jetzt, 2015, 564 Seiten, 69 Franken.

Heinz Schürmann/Klemens Vogel: Giebelbilder der Kapellbrücke Luzern; Buch 1 (Luzerner/Schweizer Geschichte), Buch 2 (St. Leodegar und St. Mauritius); iBooks, Apple. Buch 1 Fr. 18.-., Buch 2 Fr. 15.-.


Geschäfte in der Stadt Luzern bleiben geschlossen

Der 2. Oktober ist in der Stadt Luzern ein Feiertag. Somit sind am Dienstag alle Geschäfte in der Stadt Luzern den ganzen Tag geschlossen. Ausnahmen sind speziell auf den Tourismus ausgerichtete Verkaufsgeschäfte. Um 11 Uhr findet in der Hofkirche ein Festgottesdienst statt. Die Predigt hält Bischof Felix Gmür. Es werden Werke von Giovanni Pierluigi da Palestrina, Claudio Monteverdi, Giovanni Gabrieli und Heinrich Schütz zu hören sein. Ausführende sind der Stifts-Chor St. Leodegar, die Cappella der Hofkirche sowie Solisten unter der Leitung von Ludwig Wicki. Der Festgottesdienst ist auch Teil des 1250-Jahre-Jubiläums des Stifts St. Leodegar. (hb)