Auf den Spuren von «Hüzün» in Istanbul

Istanbuluzern schickt zwei Stipendiaten in die Stadt am Bosporus: Selin Dettwiler und Michael Baumann verbinden Lyrik und Film.

Pirmin Bossart
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Sie haben sich viel vorgenommen, aber wollen nichts erzwingen, wenn sie die nächsten zehn Wochen in Istanbul leben und arbeiten. Selin Dettwiler und Michael Baumann sind die neuen Träger des Kulturstipendiums Armin Meienberg, das vom Verein Istanbuluzern jedes Jahr vergeben wird (siehe Box). Der erste Stipendiat war 2017 der freischaffende Fotograf Fabian Biaiso, der in Istanbul als sensibler Fotoreporter dokumentierte, «was ist». 2018 kam der türkische Architekt und Illustrator Onur Artay mit seinem Konzept «Future Shelters» nach Luzern.

Selin und Michael sind beim Gespräch wenige Tage vor der Abreise voller Vorfreude. Ihre Augen leuchten. Man spürt das Kribbeln und Gefühle von Respekt und Zuversicht. Sie haben einiges gelesen, organisiert, recherchiert. Jetzt gilt es, die letzten Sachen zu packen. Das technische Equipment mit der Filmausrüstung soll möglichst klein bleiben. In erster Linie wollen sie sich auf die Stadt, ihre Menschen und dieses bestimmte Lebensgefühl einlassen. Und mit Material für einen Film und eine Publikation heimkehren.

Stimmung einer Stadt einfangen

Selin Dettwiler und Michael Baumann überzeugten die Jury des Stipendiums mit ihrem Projekt «Hüzün». Es ist ein Begriff, an dem schon viele Geister herumsinniert haben. Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk hat in seinem Buch «Istanbul» versucht, mit «Hüzün» die Grundstimmung oder die Seele dieser Stadt einzufangen.

Polaroid-Aufnahme von Michael Baumann und Selin Dettwiler. (Bild: Levi und Sid Fuchs)

Polaroid-Aufnahme von Michael Baumann und Selin Dettwiler. (Bild: Levi und Sid Fuchs)

Die Bedeutung von «Hüzün» schillert zwischen Gefühlen von Sehnsucht, Wehmut, Nostalgie, Melancholie und meint damit eine ähnliche Gemütshaltung, wie sie mit «saudade» im portugiesischen Kulturraum verbreitet ist. «In Österreich gibt es mit ‹Fadesse› einen Begriff, der in die gleiche Richtung zielt», sagt Selin Dettwiler und fügt hinzu, dass sie Hüzün auch als eine Haltung verstehe, als eine Lebensanschauung, welche Müssiggang zulässt und einen Funken Humor in sich trägt.

Komplexe Definition von «Hüzün»

Eine eigene Definition von «Hüzün» hatte Armin Meienberg verfasst, auf den das Kulturstipendium von Istanbuluzern zurückgeht. «Hüzün» dürfe man nicht mit Melancholie verwechseln, notierte er, um mit untergründigem Humor weiterzufahren: «Die Melancholie ist Firlefanz dagegen. ‹Hüzün› ist eine Seelenwurzelbehandlung der tiefgründigen Art.» Sie beginne mit der Erkenntnis, dass die Welt schlimmer sei, als man glaube. «Man verbrüdert sich also mit der Ausweglosigkeit.» Um das Ganze noch etwas komplexer zu machen: Für die Sufis, die mystischen Vertreter im Islam, ist «Hüzun» die spirituelle Qual, die man empfindet, wenn man nicht nah genug bei Gott ist.

Diesem Gefühl, das mit einer Abwesenheit von etwas zu tun hat und eine unbestimmte Sehnsucht erzeugt, wollen Dettwiler und Baumann auf die Spur gehen. Beide bringen ihre eigene Perspektive mit: Dettwiler hat an der Hochschule Luzern Design & Kunst Video studiert und seither mehrere Filme geschnitten. Ihr Metier ist das bewegte Bild. Michael Baumann arbeitet nach einem Kunststudium als Architekt und hat ein grosses Herz für Lyrik, die er auch selber schreibt. Sein Metier ist das Wort.

Während Dettwiler, deren Mutter eine türkische Kurdin ist, wiederholt die Türkei und Istanbul besucht hat, lernte Baumann Istanbul das erste Mal vor zwei Jahren kennen. «Mich hat berührt, wie die Bevölkerung, von Jung bis Alt, eine Affinität für Lyrik hat. Viele können Gedichte rezitieren.» Hierzulande fühle man sich als Lyriker eher als marginale Figur, aber in Istanbul seien Dichter viel vertrauter, sagt Baumann. «Diese Erfahrung hat mich motiviert, mit Selin dieses Projekt anzugehen.»

Möglichst offen bleiben

Während zehn Wochen wollen sie sich nun auf die Stadt einlassen, bestimmte Gebiete näher kennen lernen, Menschen treffen, sich in Bibliotheken einnisten, Filme anschauen, sich vom Unvorhergesehenen inspirieren lassen und sich so mit ihren eigenen und persönlichen Zugängen der Bedeutung von «Hüzün» annähern. In ihrem Dossier hatten sie einen detaillierten Tages- und Wochenplan für ihre geplanten Unternehmungen eingereicht. «Das ist für uns immer noch ein Raster, aber wir werden lockerer darangehen und mehr Möglichkeiten und Zufälle zulassen», sagen die beiden.

Das Motiv «Hüzün» sehen sie als einen Fokus, der es ihnen erlaubt, in die Stadt und ihre Kultur einzutauchen. «Was auf diesem Weg alles passiert, ist offen. Es kann im Extremfall auch sein, dass am Ende das Wort ‹Hüzün› gar nicht mehr vorkommt.» Die Art und Weise, wie das Istanbul-Stipendium ausgeschrieben sei und was von einem erwartet werde, gebe dieser Freiheit viel Raum, sagt Baumann. «Das ist bemerkenswert und in dieser Art bei Kulturstipendien eher eine Ausnahme.»