Je später, desto balkanesker der Abend: Auf Zeitreise mit Stephan Eicher im Luzerner KKL

Im KKL zelebrierte der Chansonnier mit zahlreichen Musikerfreunden einen aussergewöhnlichen Konzertabend.

Stefan Welzel
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Stephan Eicher bot seinem Publikum im Luzerner Saal eine einzigartige Show.

Stephan Eicher bot seinem Publikum im Luzerner Saal eine einzigartige Show.

(Bild: Nadia Schärli, Luzern 27. Februar 2020)

Er beginnt nostalgisch, nachdenklich und mit einer kleinen Anekdote. Es wird nicht die einzige bleiben an diesem Abend und es zeigt sich: Stephan Eicher ist nicht nur ein begnadeter Musiker, sondern auch ein sehr talentierter Entertainer. Als solcher führte er am Donnerstag im KKL durch ein Konzert, das als «Stephan Eicher und Freunde» angekündigt war. Und sie kamen zahlreich, die Freunde. So, dass auf der Bühne zeitweise über 20 Musiker standen. Ein wahres Fest – eine einzigartige Revue und eine kleine Zeitreise.

Zurück zu Eichers Einstieg. Er erzählt, wie er als junger Mann seine Umgebung immer wieder mit dem einen Lied nervte, welches er dauernd spielte. Es war «d’Rosemarie ond I» von Polo Hofer. Das Stück inspirierte Eicher zu seinem ersten Auftritt – mit zarten 16 Jahren. Kurz darauf entfloh er seiner Heimat Bern in Richtung Frankreich. Der Rest ist Schweizer Musikgeschichte. Und genau dieser wird er in einem gelungenen Spannungsbogen und über drei Stunden reiner Spielzeit auch gerecht. Der Troubadour beglückt sein – vorderhand noch verhaltenes – Publikum mit Hofers Werk und darauf hin mit einer Solo-Synthie-Einlage und «Noise Boys» von 1980. Mehr cooler Retro geht nicht. Wir sind bezirzt.

Von melancholisch bis stürmisch

Peu à peu tritt nun seine Band auf die Bühne. Und mit der Alternativ-Rock-Musikerin Emily Zoe aus Lausanne der erste Gast. Es wird gitarrenlastiger, derber, lauter. Die Basler Trommeltruppe Stickstoff stösst bei Zoes «Tiger Song» dazu. Das klingt fulminant und ist bestens arrangiert. Und im Gegensatz zur lichttechnisch missratenen Show von Eicher im KKL vor nicht allzu langer Zeit, funktioniert nun auch das einwandfrei. Es ist eine perfekte Inszenierung mit einem gut aufgelegten Star im Zentrum des Geschehens. Nach Zoes Gastspiel kommen nun auch diejenigen im ausverkauften Luzerner Saal auf ihre Kosten, die den «typischen» Eicher sehen wollen. Denjenigen, welcher während dreier Jahrzehnte die Charts stürmte mit seiner Mischung aus Pop-Rock, Weltmusik, Gipsy-Sound und Singer-Songwriter. In den folgenden zwei Stunden gibt er sich mal melancholisch wie in «Weiss nid was es isch» oder «Gang nid eso», dann wieder wild und stürmisch in seinen Hits «Combien de temps» oder «Déjeuner en paix» (mit dem Indie-Trash-Punker Bonaparte).

Es würde den Rahmen sprengen, möchte man alle Finessen dieses betörenden Abends im Detail zitieren. Denn da steht unter anderem Sophie Hunger auf der Bühne und bezaubert mit einem Solo am Klavier. Davor tritt Martin Suter auf. An der Seite des Schriftstellers verbindet Eicher über 20 Minuten hinweg humoristische Eloquenz mit lyrischem Tiefgang. Das ist Unterhaltung pur, aber auf hohem Niveau.

Wir erhalten Einblicke in eine Männerfreundschaft, in der sie eine grosse Gemeinsamkeit verbindet: «Wir beide verstehen die Welt nicht», sagt Eicher mit viel Selbstironie. Mit Tinu Heinigers Sprechgesang geht es ab in die Berge, mit Dabu Fantastic in «Min Ort», wo es mehr Beizen als Menschen gibt. Und natürlich ist da auch noch Lokalmatadorin Heidi Happy, die mit Eicher auf Tournee ist und als Teil der Band fungiert, zwischendurch aber immer wieder prominent zur Gitarre greift und mit dem Meister im Duett singt.

Das Publikum erwacht erst so richtig mit Traktorkestar

Das alles ist wuchtig, emotionsgeladen und voller Spielfreude. Aber Eicher kann selbst da noch eine Schippe drauflegen. Und die kommt. Nach einer Pause von rund 45 Minuten geht es weiter mit dem Berner Balkan-Brass-Orchester Traktorkestar, welches mit Eicher 2019 das Album «Hüh» eingespielt hat. Nun brechen die Dämme. Liegt es am Bier, das die meisten Zuschauer inzwischen wohl genossen haben, oder am mitreissenden Sound von Traktorkestar, dass jetzt auch das Publikum so richtig mitgeht?

Ein kleiner Haken: Die instrumentale Gemengelage wird für die letzten rund anderthalb Stunden etwas unübersichtlich. Da stehen sie bald alle auf der Bühne. Gerappt wird auch noch. Nun, das verliert zwar zuweilen an Stringenz, tut dem Gelingen dieses aussergewöhnlichen Anlasses aber dennoch keinen Abbruch. Und je länger der Abend, desto «balkanesker» wird es. Das Ende: spät, nach 24 Uhr. Und ja: «Da fehlt noch einer», sagt Eicher schelmisch und stimmt «Hemmige» an. So findet der Abend sein pompöses und passendes Finale mit Mani Matters Klassiker. Schön war’s.

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