AUFFÜHRUNG: Das Kunstblut spritzt endlich wieder

Das Splätterlitheater wagt sich in seiner neuen Produktion an einen Klassiker aus der Feder Shakespeares. Das blutrünstige Original erfährt dabei viel absurden Horror und bissigen Humor.

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Nina Steinemann und Patric Gehrig beim blutigen Spektakel des Splätterlitheaters im Südpol. Bild: Boris Bürgisser (Kriens, 4. März 2017)

Nina Steinemann und Patric Gehrig beim blutigen Spektakel des Splätterlitheaters im Südpol. Bild: Boris Bürgisser (Kriens, 4. März 2017)

Wenn das Splätterlitheater zur Premiere lädt, folgt dem Ruf viel Stammpublikum. Unter den Zuschauern am Dienstagabend war niemand hell gekleidet, und die hinteren Reihen waren schneller gefüllt als die besten Plätze vorne. Man wusste offenbar: Das Kunstblut wird wieder spritzen.

Zum ersten Mal wagte sich das Ensemble an einen Shakes­peare-Klassiker. «Titus Andronicus» bot die Steilvorlage zur mittlerweile achten abendfüllenden Produktion. Das Original strotzt vor Racheakten, Blutvergiessen und Tötungen. Also eigentlich die ideale Handlung für das Splätterlitheater mit seinen Figuren und Handpuppen, die sich dem absurden Horror und dem mörderischen Wahnsinn verschreiben. Das Spiel wagt sich haarscharf an die Grenze des Erträglichen, und wenn sie mal überschritten wird, dann scheinbar zufällig und mit dem Resultat, dass die Zuschauer erst recht lustvoll aufkreischen und den «Wäh-Effekt» geniessen. Ein Beispiel gefällig? Wenn Lawinia, das hässlichste Mädchen im Dorf, den Kasperli in einer Notlage erpresst und sexuelle Gefälligkeiten verlangt, wirkt der Blick auf ihre mit Bremsspuren verzierte Unterhose herrlich verstörend.

Handpuppen übergeben an die Fantasie

«Titus – Metzgete in Anus­ bli­etsch­wil» heisst der vielversprechende Titel des neuen Stücks. Autor Dominik Busch verlagert den Shakespeare-Klassiker ins Hier und Heute, genauer in ein Schweizer Bergdorf voller korrupter, notgeiler Alphatiere, die sich von einer Prostituierten manipulieren lassen. Wobei das durchaus auch wörtlich zu verstehen und zu sehen ist. Aber keine Angst, da passiert kein Porno, sensationell gefertigte Handpuppen übergeben das Wesentliche der (schmutzigen) Fantasie.

Nina Steinemann, Patric Gehrig, Jürg Plüss und Nico Feer zeigen knapp 90 Minuten in ihrer ganz eigenen und einzigartigen Handschrift, was anarchisches Spiel und bissiger Humor mit vielen satirischen Einfällen ist. Wenn die E-Gitarre von Nico Feer mit düsteren Klängen die Inbetriebnahme der Häckselmaschine untermauert, ist ein kollektives verzücktes Aufseufzen wahrzunehmen. Endlich spritzt das Kunstblut über die Reihen. Die Sauerei nimmt Formen an.

Gregory Milius aus Rotkreuz sah sich erstmals ein Splätterlistück an und war begeistert: «Es gibt nichts Vergleichbares. Man muss sicher offen sein und schwarzen Humor haben. Die exzellenten Spieler schaffen es, die heutige Welt, die düster genug ist, satirisch darzustellen. Diese Mischung aus Tabubrüchen und Psychospiel lässt einen befreit auflachen!»

Die Glanzleistung aller auf und hinter der Bühne lässt aus dem Spiel ein Spektakel werden.

Yvonne Imbach

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Weitere Aufführungen: Heute, 10., und 11. März um 20 Uhr, 12. März um 18 Uhr. Südpol Luzern. Reservation: www.sudpol.ch