AUFTRITT: Dieter Baumann: «Läufer haben durchaus Witz»

Der frühere Spitzenläufer Dieter Baumann (51) kommt als Kabarettist nach Sursee. 1992 gewann er Olympiagold über 5000 Meter. Der Deutsche engagierte sich für sauberen Sport – wurde aber im Jahr 2000 wegen der «Zahnpastaaffäre» gesperrt.

Interview Roger Rüegger
Drucken
Teilen
Dieter Baumann als Läufer auf der Bühne. (Bild: Ulrich  Metz  (Tübingen,  13. Dezember 2013))

Dieter Baumann als Läufer auf der Bühne. (Bild: Ulrich Metz (Tübingen, 13. Dezember 2013))

Interview Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Dieter Baumann, Sie waren ein Weltklasseläufer. In Sursee treten Sie mit einer Kabarettnummer auf. Sind Sie als Unterhalter auch Spitze?

Die Ortschaft heisst doch anders.

Meinen Sie vielleicht Sorsi?

Genau. So nannten die Leute, die mich engagierten, die Ortschaft.

Das ist Dialekt. Also, sind Sie auf der Bühne auch top?

Ich erzähle meine Geschichten und binde das Publikum mit ein. Die Vorstellungen sind mal Weltklasse, dann wieder Kreisklasse.

Das lässt hoffen. Läufer gelten ja eher als humorlose Typen.

Da gebe ich Ihnen Recht. Läufer sind verrückt und lachen nicht gern. Schon gar nicht über sich. Im Lauf der Jahre stellte ich aber fest, dass Läufer durchaus Witz haben, einen ganz kleinen, den man aber herauskitzeln kann.

Deshalb wurden Sie Komiker, Comedian oder Kabarettist … was sind Sie eigentlich?

Das frage ich mich selber. Ich mache keine Witze und habe nicht den Anspruch, dass das Publikum andauernd lacht. Ich rede über mein Leben und über tägliche Beobachtungen. Auch Sportpolitik bringe ich hervor. Ich will, dass die Leute nachdenken. Ein Kabarettist bin ich eigentlich nicht.

Ihre aktuelle Nummer heisst «Götter und Olympia». Sprechen Sie nur Sportler an?

Sicher ist der Grossteil des Publikums sportinteressiert. Aber meine Vorstellungen besuchen auch Paare, bei denen nicht beide sportlich sind. Die Geschichten sind für alle, wenn aber von Olympia die Rede ist, kommt der Sportler Baumann schon vor.

Sie beziehen die Besucher mit ein und sagen, dass keiner weiss, wohin die Reise geht. Ein gewagtes Unterfangen?

Ja, ich improvisiere, aber das ist spannend, und ich fühle mich dabei wohl und sicher. Es gibt nichts Schöneres, als auf der Bühne zu stehen und nicht genau zu wissen, was einen erwartet.

Sie fragen Ihr Publikum stets, wer regelmässig läuft beziehungsweise Sport macht. Ich fahre meistens mit dem Auto ins Fitnesscenter und spule am Laufband und auf dem Hometrainer Kilometer ab. Bin ich für Sie ein Sportler?

Absolut. Sie sind ein Profi. Kommen Sie an meine Vorstellung und erzählen Sie davon. Damit kann ich etwas anfangen. Es wird grossartig, wenn man mir Fragen über Fitnessstudios stellt. Aber keine Bange, ich lasse Sie leben.

Man kennt Sie als Olympiasieger über 5000 Meter. Ihr erstes Programm und auch ihre Vorträge beginnen mit einer Einspielung des Siegeslaufs in Barcelona. Wie ist dieser Moment noch in Ihren Gedanken?

Gar nicht. Ich würde nicht daran denken, wenn ich nicht ständig damit konfrontiert würde.

Sie sind durch die Lücke vorgestossen und liessen die Konkurrenz einfach stehen. Das schrien die Kommentatoren damals förmlich. Der Baumann hat die letzten 100 Meter in 11,9 Sekunden absolviert. Das kann man doch nicht vergessen?

Das Ideale im Wettkampf ist, wenn man sich nur auf das Rennen fokussiert. In den letzten 400 Metern visierte ich nur das Ziel an und vergass alles andere. Darum siegte ich.

Sie geben auch Motivationsvorträge. Erklären Sie den Leuten, wie man länger schnell rennt?

Nein. Es geht um Zielsetzungen. Wir absolvieren in unserem Lebenslauf jeden Tag viele Rennen. Die Ziele verändern sich aber. So wollte der junge Journalist früher die Welt erobern und ist heute zufrieden, wenn er sie etwas verändern könnte.

Ein Fachjournalist gab Ihnen den Spitznamen, «der weisse Kenianer von der Schwäbischen Alb». Was halten Sie davon?

Jaja. Schwimmer Michael Gross nannte man Albatros, wegen seiner enormen Spannweite. Der weisse Kenianer ist als Kompliment gedacht. Ich nehme das zur Kenntnis und wehre mich nicht. Kann ich sowieso nicht.

Wehren konnten Sie sich auch nicht, als Sie positiv auf Nandrolon getestet wurden. Sie waren der Anti-Doping-Kämpfer und gingen mit Sündern hart ins Gericht. Dann wurden in Ihrem Körper und in Ihrer Zahnpasta Spuren der verbotenen Sub­stanz gefunden. Neben Ihnen glaubten viele Dopingfachleute, dass die Zahnpasta manipuliert wurde. Bauen Sie das Thema auf der Bühne ein?

Natürlich. Ich habe mich zwar entschieden, nicht zurückzuschauen. Aber die Dopingsperre ist wie die Goldmedaille Teil meiner Biografie. Das, was ich jetzt mache, treibt mich an, nicht was vor über 20 Jahren vorgefallen ist.

Ihre Frau war immer Ihre Trainerin. Profitierte oder litt Ihre Beziehung unter diesen hohen Ansprüchen?

Das funktionierte super. Wir stritten uns nie. Es war nur als Team möglich, Aussergewöhnliches zu leisten. Das geht, wenn man ehrlich ist und den Zugang zueinander findet. Auf der Laufbahn und auf dem Trainingsplatz ist es wichtig, dass man vom Trainer oder Partner, der weiss, was gut für einen ist, Feedbacks erhält. Das sind Prozesse, die über Jahre hin zum Erfolg führen können.

Sie geben im Auftrag einer Krankenkasse auch Lauf­seminare. Mit dem Laufen können Sie wohl nicht aufhören?

Muss ich nicht. Ich sehe mich als Vorläufer und Lebensläufer. Ich habe das Glück, dass ich ein lebenslanger Athlet bin.

Was erwartet uns in Sorsi?

Das Stück ist gut. Das Publikum muss aber bereit sein, das Risiko des Ungewissen einzugehen. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Es gibt einen roten Faden – ich schätze, es wird Weltklasse.

Hinweis

«Götter und Olympia», 16. Februar, 20 Uhr im Stadttheater Sursee. Infos und Karten finden Sie hier: www.6weeks.ch/comedy-night

www. Die bisher erschienenen Beiträge dieser Serie finden Sie unter: luzernerzeitung.ch/dossier