AUS DEM GERICHT: Sie kennen den Mann nicht, den sie Papa nennen sollen

Lena Berger
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Symbolbild.

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Die zwei Mädchen müssen die «Pippi Langstrumpf»-Filme schon Dutzende Male gesehen haben. Klar, das freche Mädchen mit den Sommersprossen und den roten Zöpfen ist die Heldin vieler Kinder. Doch das ist nicht der Grund, weshalb die Mutter ihren Töchtern die Filme immer und immer wieder abspielt.

Pippi, das stärkste Mädchen der Welt, lebt allein in der Villa Kunterbunt. Ihren Papa liebt sie abgöttisch – auch wenn er auf einer Südseeinsel lebt und sie sich selten sehen. «Ich will ihnen zeigen, dass es verschiedene Familien gibt und dass das in Ordnung ist», sagt die Mutter.

Sie muss sich vor einem Luzerner Bezirksgericht verantworten, weil die Behörden ihr genau diese tolerante Haltung nicht abnehmen. Sie soll ihrem Ex das Besuchsrecht verweigert und damit eine amtliche Verfügung missachtet haben.

Was in dieser Familie passiert ist und wie sich die Trennung der Eltern abgespielt hat, erfährt man im Gerichtssaal nicht. Fakt ist, dass die Kesb im Januar 2014 entschieden hatte, dass der Vater seine Töchter unter behördlicher Aufsicht sehen darf. Und dass das noch kein einziges Mal gelungen ist.

Wegen der ersten drei verpatzten Treffen fordert die Staatsanwaltschaft eine Busse von 400 Franken. Dass sie das bezahlen soll, leuchtet der Mutter nicht ein. «Ich fühle mich nicht schuldig», sagt sie dem Richter.

Sie habe ihre Töchter vor dem ersten Treffen sukzessive auf den Besuch bei der Fachstelle vorbereitet. Doch die Kleinen hätten sich verweigert, geweint und geschrien. Sie habe dann die Fachstelle angerufen. «Die Frau am Telefon hat gehört, was bei uns läuft – und sie hat den Besuch deshalb abgesagt.»

Die jüngere der beiden Mädchen war bei der Trennung der Eltern so jung, dass sie heute wohl nicht mal weiss, wer dieser Mann ist, den sie Papa nennen soll. Nach Aussagen der Mutter ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die Kleine zu einem Treffen mit dem Vater zu bewegen. «Um das zweite Treffen einhalten zu können, habe ich sie ins Auto tragen müssen.»

Beide Kinder hätten die ganze Fahrt über geschrien wie am Spiess, sie habe sich kaum auf die Strasse konzentrieren können. Als man dann da gewesen sei, hätten sie sich dagegen gewehrt auszusteigen. «Die ältere Tochter hat sogar in die Hosen gemacht, was seit Jahren nicht vorgekommen ist», so die Mutter. Immerhin ist sie schon im Schulalter.«Ich wollte wirklich, dass es klappt, aber meine Kinder hatten Angst.» Schliesslich hätten die Fachleute den Besuch abgebrochen. «Es hat wohl mit dem zu tun, was die Kinder erlebt haben. Weil sie mich lieben, kommen sie in einen Loyalitätskonflikt.»

Gemäss der Verteidigerin war die Elternbeziehung geprägt von Gewalt. «Die Mutter beeinflusst ihre Kinder nicht absichtlich. Subjektiv tut sie alles, was möglich ist, um die Besuche zu ermöglichen. Die Frage ist, was man einem Menschen zumuten kann.» Klar sei: Die Entfremdung sei nicht allein ihr anzulasten – und eine Verurteilung diene nicht dazu, sie zu überwinden.

Der Vater war bei der Verhandlung nicht dabei. Das Gericht kam aufgrund der Anklage und der Akte dennoch zum Schluss, dass die Mutter trotz allem die Pflicht gehabt hätte, die Kinder zu den Besuchen zu bringen. Der Richter verhängte eine Busse von 400 Franken, zudem muss sie Verfahrenskosten von 1000 Franken tragen.

Die Eltern bekommen jetzt fachliche Hilfe. Erst werden Einzelgespräche geführt, dann eine Annäherung versucht. Auch wenn es der Mutter schwerfällt, wie sie sagt. Das Ziel ist, dass die Kinder irgendwann verstehen, dass ihr Vater nicht auf einer weit entfernten Südseeinsel lebt. Sondern ganz in ihrer Nähe.

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Die «Zentralschweiz am Sonntag» berichtet in loser Folge über Verhandlungen an Gerichten.