Reportage

Aus dem WK wurde ein Ernsteinsatz: So bewahren Luzerner Zivilschützer in der Corona-Krise kühlen Kopf

Im Kampf gegen das Coronavirus ist der kantonale Führungsstab der Taktgeber. Zu Besuch im Kommandoposten in Nottwil.

Evelyne Fischer
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Im normalen Leben sind sie in der Gastronomie tätig, arbeiten im Büro oder auf dem Bau. Nun tragen die Männer dieselbe grün-orange Uniform, haben denselben fensterlosen Werkplatz: den Stützpunkt des kantonalen Führungsstabs in Nottwil, eine Schutzanlage beim Zentrum Sagi. Rund 30 Zivilschützer gehen hier ein und aus. Viele von ihnen sind vor drei Wochen in einen Wiederholungskurs eingerückt, geworden ist daraus ein Ernsteinsatz. Seither beginnt jeder Tag gleich: mit Fiebermessen und Desinfizieren bei der Schleuse.

Fiebermessen ist Pflicht bei jeder Person, die die Zivilschutzanlage betreten will.

Fiebermessen ist Pflicht bei jeder Person, die die Zivilschutzanlage betreten will.

Bilder: Patrick Hürlimann (19. März 2020)

Unter ihnen ist Sandro Calmonte, 30, Gebäudetechnikingenieur aus Schenkon. Er nimmt Anrufe entgegen, die via Hotline 041 939 20 70 eintreffen. «Als das Verbot für Grossanlässe in Kraft trat, meldeten sich viele Veranstalter. Nun sind es Gärtnereien oder Restaurants, die wissen wollen, wie sie ihre Ware noch verkaufen können», sagt Calmonte. Schlupflöcher seien ein Thema. Darf ein Blumenladen Sträusse im Selfservice mit einem Kässeli verkaufen? Nein. «Vieles klärt sich nach einem Gespräch, manche Anfragen erfordern Rückrufe», sagt Calmonte.

«Wir merken, dass die Hotline enorm wichtig ist, insbesondere für Senioren.»

Hier spüre man Verunsicherung. Etwa bei jener älteren Dame, die in der Nähe einer Baustelle lebt und mit ihren Hund Gassi gehen muss. «Wir rieten ihr, das Haus mittags zu verlassen, wenn die Arbeiter in der Pause sind. Das hat sie beruhigt.»

Blick in die Hotline-Zentrale: Sandro Calmonte (sitzend, in orange) und weitere Zivilschützer beantworten Telefonanfragen.

Blick in die Hotline-Zentrale: Sandro Calmonte (sitzend, in orange) und weitere Zivilschützer beantworten Telefonanfragen.

Viele Zivilschützer melden sich freiwillig zum Dienst

Daniel Enzler, Leiter der Abteilung Zivilschutz.

Daniel Enzler, Leiter der Abteilung Zivilschutz.

Szenenwechsel. Im Telematik-Raum koordinieren Zivilschützer Unterstützungsanträge. Darunter etwa ein Heim, das Personal braucht, weil sich Angestellte in Quarantäne befinden. Oder der Lebensmittelhändler, der Chauffeure benötigt. «Das ist das Einflugloch unserer Organisation», sagt Daniel Enzler, 54, Familienvater aus Unterägeri, seit 2016 Leiter der Abteilung Zivilschutz. «Hier treffen auch Angebote von Firmen ein, die Masken oder Desinfektionsmittel liefern können oder Manpower zur Verfügung stellen.» Die Solidarität sei gross.

«In der Regel häufen sich bei uns Gesuche um Dienstverschiebung, nun melden sich viele freiwillig. Auch, weil zahlreiche Firmen ihren Betrieb runterfahren müssen.»

Als Enzler im Januar von den ersten Infizierten in Wuhan gehört hatte, überprüfte er das betriebliche Pandemie-Material der Abteilung. «In der Hoffnung, es werde nicht gebraucht.»

2500 Zivilschützer zählt Luzern

Insgesamt zählt Luzern rund 2500 Eingeteilte aus sechs Zivilschutz-Regionen. «Sie könnten alle ein Aufgebot erhalten», sagt Enzler. Im Einsatz in Nottwil stehen derzeit Mitglieder der kantonalen Formation sowie der Zivilschutzorganisationen Emme, Pilatus und Region Sursee. Für die Beurteilung und Visualisierung der Lage könne er auf «Cracks» zählen, so Enzler.

Zivilschützer im Kommandoposten des kantonalen Führungsstabs in Nottwil.
6 Bilder
Die Telematik-Zentrale nimmt Unterstützungsanträge entgegen.
Um personelle Unterstützung bitten beispielsweise Altersheime, die Angestellte haben, die sich in Quarantäne befinden.
Bei der Eingangskontrolle wird das Fieber gemessen.
In der Hotline-Zentrale beantworten Zivilschützer Fragen aus der Bevölkerung zu den Corona-Massnahmen.

Zivilschützer im Kommandoposten des kantonalen Führungsstabs in Nottwil.

Bilder: Patrick Hürlimann, (19. März 2020)

Der Zivilschutz gehört nebst der Feuerwehr, der Polizei und dem Gesundheitswesen zu den wichtigsten Pfeilern, die den Schutz der Bevölkerung sicherstellen. Die Koordination erfolgt über den kantonalen Führungsstab und einen derzeit wichtigen Mann in Luzern: Vinzenz Graf, seit 2013 Stabschef des Organs.

Vinzenz Graf, Stabschef des kantonalen Führungsstabs.

Vinzenz Graf, Stabschef des kantonalen Führungsstabs.

Seit die Regierung am letzten Freitag die besondere Notlage ausgerufen hat, ist der kantonale Führungsstab mit der Krisenbewältigung beauftragt. Vinzenz Graf, 61, Familienvater, einst Realschullehrer, amtet seit 2008 als kantonaler Feuerwehrinspektor. Auch ohne Corona ist der Beromünsterer ständig auf Pikett. Wie schon vor einer Woche bei der entscheidenden Pressekonferenz strahlt Graf auch beim Besuch vor allem eines aus: Ruhe. «Die Lage ist ernst, aber Hektik ist nicht angebracht», sagt er. «Wir haben für diesen Fall trainiert. Innert zwei Stunden war die Infrastruktur betriebsbereit.»

Ansteckungskurve flach halten – auch im Kommandoposten

Vinzenz Graf und sein Team denken in Best- und Worst-Case-Szenarien, tagen vor Bildschirmen, Flipcharts und Whiteboards. «Die Lage ändert sich laufend. Das ist sehr anspruchsvoll», sagt er. Zeitliche Prognosen zur Corona-Krise macht Graf keine. «Oberstes Ziel ist und bleibt, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren und somit die Ansteckungskurve flach zu halten.»

Das gilt auch im Nottwiler Kommandoposten. Der Führungsstab kommuniziert oft via Skype, in der Hotline-Zentrale bleibt jeder zweite Platz leer. Social Distancing. Daniel Enzler lädt zum Mittagessen ein. Gerstensuppe, Randensalat, Älplermakronen, Lebkuchen, gekocht von Zivilschützern im Ausbildungszentrum Sempach. Zwei statt vier Leute sitzen an den Tischen. Die Sorge um die Gesundheit beschäftigt, auch Enzler, der Türen inzwischen routiniert mit dem Ellbogen öffnet. «Wir bauen derzeit Redundanzen auf», sagt er. Heisst: Für den Fall, dass er krankheitshalber ausfällt, wird ein Stellvertreter instruiert.

Medizinisches Fachpersonal ist gefragt

Vinzenz Graf sagt: «Der Führungsstab tut alles dafür, um den Regierungsrat, die Gemeinden und die Institutionen in der Krisenbewältigung zu unterstützen. Dafür leistet im Hintergrund ein Team aus Spezialisten professionelle Arbeit.» Nicht vergessen dürfe man aber auch alle Angestellten der kantonalen Verwaltung, die derzeit unter Hochdruck arbeiten würden. Und alle Freiwilligen, die man voraussichtlich ab nächster Woche einbinden will. «Medizinisches Fachpersonal ist gefragt, aber auch Menschen, die Fahrdienste übernehmen können.»

Auch der Stabschef lobt die grosse Solidaritätswelle, betont gleichzeitig mehrfach: «Es ist zwingend, die Verhaltensregeln des Bundes zu beachten.» Ob Jung oder Alt: Es gelte, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte zu vermeiden. Die Bevölkerung müsse jetzt alles tun, um die Verbreitung zu bremsen.

«Wir können diese Krise nur gemeinsam meistern.»

In einem Video vom 11. März zeigt der Kanton Luzern, wie der Zivilschutz – Hand in Hand mit der Task-Force Corona und weiteren Dienststellen – nach den ersten verhängten Massnahmen Fragen der Bevölkerung beantwortet:

Hinweis: Hotline für Fragen zu den Massnahmen: 041 939 20 70. Alle Infos: www.lu.ch. Medizinische Fragen sind an das BAG zu richten: 058 463 00 00.

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