AUSSTELLUNG: Riesenwal strandete offenbar doch beim Inseli

Die Geschichte des 55 Tonnen schweren toten Finnwals, der 1952 als Ausstellungsobjekt in Luzern strandete, wirft hohe Wellen.

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Schaulustige bestaunen den Finnwal 1952 in Zürich auf einem SBB-Transportwaggon auf dem Stumpengleis am Sihlquai. (Bild: Sammlung A. Heer)

Schaulustige bestaunen den Finnwal 1952 in Zürich auf einem SBB-Transportwaggon auf dem Stumpengleis am Sihlquai. (Bild: Sammlung A. Heer)

Viele Leserinnen und Leser, die den Wal damals als Kinder persönlich sahen, meldeten sich am Donnerstag bei uns. Alle sind sich einig: Der Riesenwal war tatsächlich in der Nähe des Inseli ausgestellt. In den Archiven fand sich bisher lediglich eine kleine Randnotiz, die auf die Attraktion am Inseli hinwies.

Der Transportwaggon mit dem Wal stand auf einem Stumpengleis im Güterbahnhof Ost – offenbar vis-à-vis der «Milchchuchi», der Kantine der SBB-Mitarbeiter. Der in Formalin präparierte Wal habe «fürchterlich gestunken», erinnern sich Leser. Er sei tagelang dort ausgestellt gewesen, und man habe Eintritt zahlen müssen. (hb)

Der ganze Artikel:

Als ein 55-Tonnen-Wal in Luzern strandete

Die «Magie des Kreatürlichen» und die «Grässlichkeit des Meeres» – in Luzern faszinierte vor 65 Jahren ein toter Ozeanriese die Massen.

Es klingt surreal: Im Frühling 1952 konnte man in Luzern einen echten, 23 Meter langen und 55 Tonnen schweren Finnwal bestaunen. Natürlich kam er nicht vom See her angeschwommen. Und natürlich hatte Luzern schon damals keinen Meeranstoss. Der Wal wurde mit einem Güterwagen nach Luzern transportiert. Er war tot, in Formalin präpariert und perfekt erhalten.

Wo genau landete der Koloss in Luzern? In der offiziellen Geschichtsschreibung der Stadt ist dazu nichts zu finden. Heinrich Hüsler (73), Luzerner Geschichtskenner und langjähriger «Määs»-Platzchef, hat im Stadtarchiv geforscht und ist dabei auf eine kleine Notiz gestossen. «Sie deutete zunächst darauf hin, dass der Wal auf dem Inseli ausgestellt war.» Nähere Recherchen führten jedoch an einen anderen Ort.

«Es hat furchtbar gestunken»

«Für den Transport des Wals brauchte es den damals grössten, stärksten Bahnwagen der SBB», sagt Hüsler. «Der hätte unmöglich zum Inseli gelangen können.» Der Güterwagen mit der speziellen Fracht sei in Tat und Wahrheit auf einem Stumpengleis bei der Haltestelle Würzenbach abgestellt gewesen. Wie viele Personen dorthin strömten, um den Wal zu bestaunen, ist nicht überliefert. «Ich gehe davon aus, dass es viele waren», so Hüsler. Er selber hat den Wal nicht gesehen. Er habe als Kind aber Leute davon reden hören. «Es hat furchtbar gestunken», habe ihm einer erzählt.

«Damals gab es noch kein TV und keine Handys, und die Leute befriedigten an solchen Veranstaltungen ihre Schaulust», sagt Hüsler. Er erinnert daran, dass auf der Luzerner Herbstmesse «Määs» bis in die 1960er-Jahre Attraktionen wie der «stärkste Mann der Welt», die «kleinste Frau» oder das «gefährlichste Raubtier» zu sehen waren.

Auf Tournee durch die Schweiz

Luzern war nur eine von vielen Stationen, die der riesige Wal damals auf einer eigentlichen Tour de Suisse absolvierte. Durch zeitgenössische Berichte belegt ist, dass er in Zürich, Winterthur, Rorschach und in St. Gallen gastierte. Auch in Zug war er zu sehen, beim Güterfreiverlad am Bahnhof. Dort dauerte die Ausstellung nur einen Tag. Von einer «Weltsensation» war die Rede, von «einem Tier so schwer wie 1000 Menschen».

Vom zehntägigen Aufenthalt in Zürich gibt es einen prachtvollen Bericht, der am 14. März 1952 in der «Neuen Zürcher Zeitung» erschien unter dem Kürzel «At.» – der damalige langjährige NZZ-Lokalredaktor Edwin Arnet. Unter diesem Link finden Sie den Bericht.

Das Herz allein wog 500 Kilo

Demnach handelte es sich bei dem ungeheuren Meerwesen um ein weibliches Exemplar, also eine Walin. Sie war am 17. September 1951 vor der Küste Norwegens erlegt worden. 1952 wurde das «mit 7000 Liter Formalin vollgepumpte Kadaverwesen» auf dem Stumpengeleise am Sihlquai hinter rot-weissen Vorhängen eines improvisierten Jahrmarktzeltes ausgestellt, heisst es im NZZ-Bericht. Es «lockte Tausende Schaulustige an». Das Herz allein wog 500 Kilo: «Wie muss dieses Bündel Herz pulsiert haben, als am 17. September 1951 das Tier, die Harpune im Leib und mit einem 300 Tonnen schweren Schilf im Schlepp, auf der Höhe von Cap Haroy mit 30 Kilometern pro Stunde das Meer durchpflügt hat!» Stehe man vor der toten Walin, so der NZZ-Autor in poetischer Euphorie, «denkt man nicht an Fleisch und nicht an Blut, sondern an schwarzen Stein». Lediglich um den offenen, zahnlosen Riesenrachen schwebe «die Magie des Kreatürlichen». Und wenn man beide Augen zudrücke, sehe man «die Weite des Ozeans, die herrliche Grässlichkeit des Meeres und die Riesenblöcke des Himmels».

Die Schwanzflosse hänge jetzt «unendlich welk herunter», schreibt Edwin Arnet weiter, «obgleich sie einmal die Kraft besessen hätte, mich, der ich jetzt ihr hartes Leder beklopfe, mit einem einzigen Wedelschlag vom Sihlquai entweder ins Jenseits oder zumindesten ans jenseitige Ufer der Sihl hinüberzubefördern».

Einst Werbung für den Walfang

«Mrs Haroy» wurde die Riesenwalin genannt, nach dem Fangort. Von einer «seltsamen Reisenden» war die Rede. In Zürich wurde sie kurzerhand in «Goldfisch» umgetauft. Offenbar waren solche Walschauen in Europa damals gang und gäbe. Zuerst fanden sie im Auftrag der norwegischen Walfänger statt, um Werbung für ihr blutiges Handwerk zu machen. Später prangerten Naturschützer damit die Waljagd an. Schliesslich dienten sie, wie damals 1952 auf der Fahrt durch die Schweiz, als Ausstellungsstück von Schaustellern.