Autistischer Schüler: So kämpft ein Luzerner um Bildung für seinen Sohn

Wie geht der Kanton Luzern mit Kindern um, die eine autistische Störung haben? Eine Familie und ein Politiker wollen Klarheit.

Alexander von Däniken
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Das Schicksal eines 13-Jährigen beschäftigt Luzerner Dienststellen und Schulen: Er hat die Autismus-Spektrum-Störung. (Symbolbild: Boris Bürgisser)

Das Schicksal eines 13-Jährigen beschäftigt Luzerner Dienststellen und Schulen: Er hat die Autismus-Spektrum-Störung. (Symbolbild: Boris Bürgisser)

«Normale» Kinder kommen in die Regelschule, verhaltensauffällige oder lernschwache Kinder in die Sonderschule: So klar die Bildungsdoktrin früher war, so unklar ist sie heute. Einerseits gilt auch im Kanton Luzern der integrative Ansatz, wonach wenn möglich alle Kinder die Regelschule besuchen – falls nötig mit individueller Unterstützung. Andererseits sind geistige und soziale Beeinträchtigungen viel besser erforscht.

Beispiel Autismus-Spektrum-Störung: Darin sind verschiedene Formen von Autismus zusammengefasst. Zum Beispiel das Asperger-Syndrom, welches bei der Klimaschützerin Greta Thunberg diagnostiziert wurde. Auch im Kanton Luzern leben Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung. Wo und wie sie in die Schule gehen, ist allerdings alles andere als klar.

Kantonsrat stellt Regierung Fragen

Der Stadtluzerner SP-Kantonsrat Urban Sager hat darum eine Anfrage eingereicht. Er will vom Regierungsrat unter anderem wissen, wie viele Kinder und Jugendliche mit dieser Störung integrativ oder separativ in Sonderschulen unterrichtet werden. Und ob genügend fachlich ausgebildetes Lehrpersonal vorhanden ist.

Sager begründet den Vorstoss damit, dass er Kenntnis von einem spezifischen Fall habe:

«Für das betroffene Kind und seine Eltern ist das sehr belastend, aber auch für die Dienststelle Volksschulbildung ist die Situation mit den vorhandenen Ressourcen und den aktuellen Strukturen schwierig.»

Darum will Sager nicht nur wissen, wie der Kanton damit umgeht, sondern auch, wie die Nachbarkantone, Zürich und St. Gallen Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung unterrichten.

Regelschule, Sonderschule, Heimunterricht

Der von Urban Sager angesprochene Einzelfall handelt von einem 13-jährigen Knaben. Dessen Vater will aufgrund des grossen bisherigen Medieninteresses anonym bleiben, «weil wir zu Hause möglichst viel Ruhe brauchen». Ruhe, die sein Sohn auch in der Schule mehr braucht als andere Kinder.

Der Sohn hat eine Autismus-Spektrum-Störung. Er braucht auch in der Schule enge Bezugspersonen und störungsfreien Unterricht. Der Vater berichtet:

«Er gibt auch allen Blumen Namen, ist aber als Sek-B-Schüler nicht weniger intelligent als seine Klassenkameraden.»

In der Primarschule funktionierte der Unterricht in der normalen Klasse mit integrativer Sonderschulung sehr gut.

Für die Sekundarschule wurde das Kind anfangs dieses Jahres ins Schul- und Wohnzentrum nach Schachen überwiesen; eine Sonderschule für normalbegabte und lernbehinderte Kinder und Jugendliche. Dort gibt es eine Werkstatt für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung. Was die Eltern aber nicht wussten: Die Werkstatt gibt es bis jetzt nur bis zur sechsten Klasse. Die Sonderschule bemühte sich um eine neue Lösung, teilte den hochsensiblen Buben in eine Klasse mit verhaltensauffälligen Schülern ein. Dort wurde er immer unglücklicher. «Einmal sagte er, dass wegen seiner Mitschüler eine Lektion 30 Mal unterbrochen werden musste», so der Vater.

Die Eltern zogen die Reissleine. Wochenlang wurde der Sohn zu Hause vom Vater unterrichtet. Monatelang korrespondierte der Vater mit Schulleitungen, Dienststellenleitungen, Fachstellen und Politikern. Der Vater lobt die Bemühungen der Schulen, lässt aber an den Dienststellen kein gutes Haar: «Es muss doch eine Möglichkeit geben, dass mein Sohn in einer ruhigen Umgebung zur Schule gehen kann.» In zwei Wochen soll der Sohn in Schachen separat unterrichtet werden. Dafür sucht die Schule aber noch eine geeignete Lehrperson.