Autorecycling XXL: Zu Besuch im Ersatzteillager in Werthenstein

Flavio und Marco Koch führen in dritter Generation die Autoverwertungsanlage Lustenberger AG in Werthenstein. Gerade das steigende Öko-Bewusstsein kurbelt ihr Geschäft an.

Urs-Ueli Schorno
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Flavio Koch führt zusammen mit seinem Bruder Marco die Autorecycling Lustenberger AG in Werthenstein in dritter Generation. (Bild: Pius Amrein, 23. Mai 2019)

Flavio Koch führt zusammen mit seinem Bruder Marco die Autorecycling Lustenberger AG in Werthenstein in dritter Generation. (Bild: Pius Amrein, 23. Mai 2019)

Die amerikanische Stretchlimousine, die man schon von der Strasse aus gut sehen kann, soll einst dem bekannten David Hasselhoff gehört haben. «So hat es mir der Verkäufer erzählt», sagt Flavio Koch und lacht. Ganz glauben kann er die Geschichte nicht, schliesslich gibt es keine Dokumente, die ein solches Besitzverhältnis beweisen würden.

«Aber es ist ein guter Werbegag.»

Flavio Koch führt gemeinsam mit seinem Bruder Marco die Autorecycling Lustenberger AG in der dritten Generation. Der Betrieb, heuer 70 Jahre alt, ist etwas ausserhalb des Dorfes von Werthenstein angesiedelt. «Am Standort gibt es ein paar Nachteile: So ist unser Internet nicht schnell genug.»

Marktplatz für Unfallfahrzeuge

Das Internet ist in den vergangenen Jahren auch beim Autorecycling unersetzlich geworden. Die meisten Fahrzeuge, die nach Werthenstein kommen, sind Unfallfahrzeuge. «Die Versicherungen bieten diese auf verschiedenen Online-Plattformen an. Bei einigen funktioniert dies wie eine Auktion auf Ricardo. Bei anderen bieten wir blind mit und bekommen den Zuschlag, wenn unser Gebot das höchste ist.» Die Fahrzeuge werden anschliessend angeliefert und auf ihren Zustand geprüft.

Auf eine bestimmte Marke hat sich die Lustenberger AG mit ihren 19 Mitarbeitern nicht spezialisiert. «Bei uns kommen viele Fahrzeuge der Amag-Gruppe rein, etwa VWs, Skodas oder Audis. Wir haben auch mehr Teile von Subaru als in anderen Gegenden der Schweiz», so Koch.

Jedes einzelne Stück mit Scancode versehen

Je nach Bedarf werden die Autos gleich von den brauchbaren Teilen befreit. Von einem ausrangierten Fahrzeug können bis zu 92 Prozent wiederverwertet werden. Flavio Koch sagt:

«Bei beliebten Modellen versuchen wir, Türen oder andere Teile in verschiedenen Farben auf Vorrat zu lagern.»

Jedes Teil wird mit einer Nummer und einem Scancode versehen. So lässt sich seine Herkunft jederzeit zurückverfolgen. Einmal gescannt, taucht es auch im System auf, das wie ein Online-Laden funktioniert. Hier können Mechaniker, Händler, aber auch Privatkunden einsehen, was an Teilen alles so erhältlich ist.

Mit dieser Software sind auch weitere Autoverwerter miteinander verbunden. Flavio Koch sagt: «Dem Kunden ist es letztlich egal, von wo die Teile kommen – er möchte sie einfach möglichst bequem bestellen können.»

Ihr Geschäft verläuft antizyklisch

Die häufigsten Abnehmer sind Garagisten und Carrosseriespengler. «Es kommen aber auch immer mehr Private», so Koch. Das Geschäft «Autoteilen aus zweiter Hand» verlaufe antizyklisch.

«Uns geht es am besten, wenn die Leute wieder auf ihr Portemonnaie schauen und statt eines neuen Stücks ein günstigeres Ersatzteil suchen.»

In letzter Zeit habe der Handel mit gebrauchten Teilen gerade ökologisch an Wichtigkeit gewonnen. «Die Fahrzeuge werden nicht mehr für die Ewigkeit gebaut, sondern haben eine Lebenserwartung von 10 bis 15 Jahren», führt Koch aus. Deshalb sei es umso wichtiger, noch funktionierende Teile und wertvolle Materialien wiederzuverwerten. Koch ist überzeugt: «Occasion-Ersatzteile sind nicht nur gut für das Portemonnaie, sondern auch für die Umwelt.»

Rezykliert werden nicht nur Motoren, Türen, Felgen, Kurbelwellen, Rückspiegel oder elektrische Teile. Selbst nach der klassischen «Verschrottung» in der Presse, die mit 200 Tonnen auf die komplett ausgeschlachtete Karosserie wirkt, trennen Metallentsorger die verschiedenen Rohstoffe nach Aluminium, Kupfer, Eisen und dem sogenannten «Resh», das Polsterreste, Kunst- und Schaumstoffe enthält, die sonst noch anfallen.

Elektrorecycling – die grosse Herausforderung

Das grosse Thema bei der Autoverwertung ist die Elektronik. Flavio Koch von der Autorecycling Lustenberger AG in Werthenstein hat sich kürzlich mit dem Verband Vasso getroffen, der Vereinigung der offiziellen Autosammelstellenhalter. Diesem sind etwa auch die Höltschi Autoteile AG in Altwis oder die Autoverwertung Leo Müller in Zell angegliedert. «Das Schwierige ist die Wiedergewinnung seltener Metalle, die in Platinen und Chips verbaut sind», sagt Flavio Koch. Innerhalb des Verbandes laufen Pilotprojekte, um den Rezyklierprozess effizienter zu machen. Die andere grosse Aufgabe sei es, Batterien von Elektrofahrzeugen in den Prozess einzubinden. «Die Hersteller haben viel Aufwand in leistungsfähigere Batterien und kostengünstige Fahrzeuge gesteckt – an die Wiederverwertung wurde aber kaum gedacht.»

Bereits wurden Schulungen durchgeführt, um Unfallautos sicher abzutransportieren oder im Falle eines Brandes zu löschen. Denn: Beim Transport der Batterien herrscht Explosionsgefahr. Es gilt daher, den Transport einer intakten Zelle entsprechend zu sichern. «Eine mit Löschgel ausgestattete Transportkiste kostet gegen 10'000 Franken. Ein einfacher Transport der Batterie kostet gegen 1000 Franken», sagt Koch. Da überlege es sich mancher zweimal. Es sei wie mit den Fahrzeugen: «Die grösste Konkurrenz ist das günstige Ausland. Was aber mit den Teilen passiert, die man dort hinbringt, ist kaum abschätzbar.»