BADESAISON: Der Luzerner «Bay-Watcher»

Erich Wyss (38) ist der Rettungsschwimmer schlechthin in der Zentralschweiz, fast alle Bademeister haben ihr Handwerk bei ihm gelernt. Ein Held will er nicht sein – und ist es dennoch. Ein wenig zumindest.

Interview Robert Bossart
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Auf der Luzerner Ufschötti hat Erich Wyss schon viele Stunden im Rettungsdienst verbracht - am gefährlichsten ist das Baden übrigens jetzt: «Die Schockreaktion ist bei Wassertemperaturen bis 15 Grad am intensivsten.» (Bild Manuela Jans)

Auf der Luzerner Ufschötti hat Erich Wyss schon viele Stunden im Rettungsdienst verbracht - am gefährlichsten ist das Baden übrigens jetzt: «Die Schockreaktion ist bei Wassertemperaturen bis 15 Grad am intensivsten.» (Bild Manuela Jans)

Warum wird man Rettungsschwimmer: wegen Pamela Anderson oder weil man ein Held sein will?

Erich Wyss: Beides trifft nicht zu. Es waren gesundheitliche Gründe. Mit zwölf bekam ich Rückenprobleme in Zusammenhang mit einem Wachstumsschub. Und so hörte ich mit Leichtathletik auf und begann zu schwimmen. Für mich als Wasserratte war das eine leichte Entscheidung. Und da ich bereits zu alt war für wettkampfmässiges Schwimmen, entschied ich mich fürs Rettungsschwimmen. Es hat mir von Anfang an den Ärmel reingenommen – bis heute.

Was macht denn so Freude am Rettungsschwimmen?

Wyss: Am Anfang war es ähnlich wie in der Pfadi das Zusammensein, die Lager, Trainings, Events und all diese Dinge. Das Interesse am «Retten» kam erst später.

Aber Hand aufs Herz: Wie viele Folgen der Serie «Baywatch» haben Sie gesehen?

Wyss: Viele, ich liebte die Serie und sass auch regelmässig vor dem Fernseher, wenn Pamela und Co. zu sehen waren.

Also doch. So gab es schon den Wunsch, auch mal so zu sein wie die Helden der Serie?

Wyss: Sicher hatte es in unseren Jugendjahren eine grosse Wirkung auf uns. Mir persönlich ging es von Anfang an darum, Leute zu retten, nicht um Heldentum.

Haben Sie schon Menschen aus dem Wasser gerettet?

Wyss: Ja, schon mehrmals.

Wie muss man sich das vorstellen?

Wyss: Wenn man Badeaufsicht hat, kann es vorkommen, dass man jemanden im Wasser sieht, der ruft und strampelt, also offenbar Hilfe benötigt. Es kann sein, dass jemand unterkühlt ist oder einen Krampf hat – oder etwas Schlimmeres.

Dann stürzen Sie sich ins Wasser und crawlen los?

Wyss: So ist es im Film. Im richtigen Leben, auf der Ufschötti zum Beispiel, informiert man zuerst den Kollegen, die Rettung erfolgt nach dem geringsten Risiko für alle Beteiligten. Das beginnt mit Zurufen, Zuwerfen eines Rettungsrings, Zufahren. Hinschwimmen kommt erst am Schluss, wenn alles andere erfolglos war.

Warum? Sind Sie wasserscheu?

Wyss: Nein (lacht), aber je nachdem ist es gefährlich, wenn man einem Ertrinkenden zu nahe kommt. Man wartet, bis die Person entkräftet versinkt.

Wie bitte? Sie lassen die Leute vor Ihren Augen ertrinken?

Wyss: Das tönt jetzt schon ein bisschen gemein (lacht). Nein: Wir versuchen zu beruhigen, damit sich eine allfällige Panik legen kann. Aber die Leute, die in Panik sind, anzufassen, kann sehr gefährlich werden. Sie schlagen unter Umständen um sich und können Rettungskräfte verletzen oder im schlimmsten Fall sogar mit in die Tiefe ziehen. Im Wasser gelten andere Gesetze. Unsere Aufgabe ist es, Menschen in Gefahr zu sichern, ohne uns dabei selbst zu gefährden.

Warten, bis eine Person reglos versinkt – besteht da nicht die Gefahr, dass sie tatsächlich ertrinkt?

Wyss: Nein, sobald sie aufhört, wild um sich zu schlagen, holen wir sie raus und führen auf festem Boden natürlich sofort die nötigen Sicherungsmassnahmen durch.

Kam auch schon jede Hilfe zu spät?

Wyss: Zum Glück habe ich das noch nie erlebt, aber brenzlige Situationen gab es einige. Etwa in Flüssen, wenn man nahe bei einem Wehr jemanden rausholen muss. Zudem war ich schon bei mehreren Reanimationen mit dabei – bis jetzt ist es immer gut rausgekommen.

Welches war Ihre bisher spektaku­lärste Rettung?

Wyss: Auf der Kapellbrücke hat einmal eine Gruppe Jugendlicher eine junge Frau aus Jux ins Wasser geworfen. Es war im November, und die Reuss hatte eine Temperatur von 4 Grad, zudem konnte sie schlecht schwimmen. Und das Wehr ist ja auch nicht weit weg. Ich war nicht im Einsatz, sondern stand zufällig da. Die Frau wäre wohl ertrunken ohne Hilfe. Also sprang ich ins Wasser und holte sie raus. Das war vor bald zwanzig Jahren, als ich noch ein junger Rettungsschwimmer war.

Ich nehme an, die Frau und ihre Familie sind Ihnen heute noch dankbar?

Wyss: Sie haben sich mit einer Einladung zum Essen bedankt.

Schwimmaufsicht ist ein Sommerjob, bei dem man kaum etwas verdient, die anderen Wassersicherheitsdienste an Ruderregatten, Seeüberquerungen, usw. machen Sie gratis. Warum dieses Engagement?

Wyss: Mir gefällt dieser edle Zug am Rettungsschwimmen. Wenn man von einem Seenachtsfest nach Hause kommt und es mich nicht gebraucht hat – dann bin ich zufrieden. Und wenn es uns mal braucht, dann weiss man, warum man all die Stunden dagestanden ist.

Die Badesaison ist noch jung, das Wasser noch kühl. Ab wann fühlen Sie sich wohl im Wasser?

Wyss: Wohl? Immer (lacht). 24 Grad sind mir am liebsten.

Ein «Gfrörli» sind Sie nicht, nehme ich an.

Wyss: Nein, ich gehe jederzeit ins Wasser.

Auch im Winter?

Wyss: Ja, bei 4 Grad ist es eine gewisse Herausforderung, aber ich gehe auch im Winter regelmässig schwimmen.

Warum?

Wyss: Es ist für mich eine Lebensversicherung. So bin ich immer bereit und auf den Kälteschock vorbereitet.

Quälen Sie sich gerne?

Wyss: Nein, aber ich bin gerne gefordert.

Auch in anderen Bereichen als im Wasser?

Wyss: Auch da, ja, wobei ich sagen muss, dass sich ein grosser Teil meines Lebens rund ums Rettungsschwimmen dreht. Andere arbeiten und haben die Fasnacht als Leidenschaft, bei mir sind es die Arbeit und das Wasser.

Jetzt im Sommer sitzen Rettungsschwimmer am Ufer – stundenlang. Sind Sie noch nie eingedöst?

Wyss: Wir sind ja immer zu zweit, von daher besteht diese Gefahr nicht. Zudem kann man ja jederzeit auch aufstehen und ein paar Schritte machen. Manchmal machen wir auch präventiv etwas, indem wir etwa Eltern darauf aufmerksam machen, dass sie ihre Kinder im Auge behalten. Ab und zu betreiben wir auch Krebsprävention und mahnen dazu, Sonnencreme aufzutragen (lacht).

Die Mischung zwischen Nichtstun und grosser Aufmerksamkeit – ein nicht ganz einfacher Job. Schwingt immer auch die Angst mit, doch einmal etwas zu übersehen?

Wyss: An einem heissen Tag sind es sehr viele Leute, die man im Auge haben muss. Wir versuchen da jeweils, die kritischen Personen – Kinder, Gruppen von Jugendlichen oder Betagte – im Visier zu haben. Und, ja, man darf am Schluss eines solchen Tages schon ein bisschen glücklich sein, wenn nichts passiert ist.

Was ist der häufigste Grund, weshalb Leute in Not geraten im Wasser?

Wyss: Unvorsichtigkeit und Fehleinschätzungen. Man unterschätzt leicht eine Situation oder überschätzt sich selbst: Man geht ins Wasser, ohne den Körper darauf vorzubereiten, springt hinein, obwohl man Tiefe und Untergrund nicht kennt. Man überschätzt die eigene Kondition. Auch Alkohol- und Drogeneinflüsse sind sehr gefährlich.

Viele Bademeister haben Rettungsschwimmen bei Ihnen gelernt. Was sind das für Menschen?

Wyss: Es sind oft sehr lebensfrohe und hilfsbereite Menschen. Das widerspricht vielleicht etwas dem Bild vom «bösen» Bademeister. Aber sie sorgen einfach für eine gewisse Ordnung, denn: Je grösser das Chaos, desto grösser die Gefahr, dass etwas passiert.

Welche Charaktereigenschaften eignen sich für einen Rettungsschwimmer?

Wyss: Fit muss man sein und aufmerksam. Und Zivilcourage ist auch nicht schlecht. Ansonsten kann Rettungsschwimmen für jedermann spannend sein. Bei uns in der SLRG schwimmen vom Ingenieur bis zur Werbefachfrau verschiedenste Persönlichkeiten mit. Das ist das Schöne daran, das Interessante.

Baden Sie gerne? Meist sind Sie dann, wenn Badewetter ist, am Arbeiten.

Wyss: Ich bin wie gesagt eine Wasserratte, ob im, auf oder unter dem Wasser. Ich tauche, rudere und schwimme gerne. In den Ferien bin ich deshalb gerne am Meer.

Sind Sie auch schon Haien begegnet?

Wyss: Ja, schon einige Male.

Und? Keine Angst vor diesen Tieren?

Wyss: Nein, ich hatte bisher sehr positive Erlebnisse. Es ist ein Wildtier, das man ziemlich gut mit einem Bär vergleichen kann. Wenn man sie in Ruhe lässt, lassen Sie dich in Ruhe. Als Taucher gehört man zudem eher nicht ins Beuteschema.

Wann ist es eigentlich am gefährlichsten im Wasser?

Wyss: Anfang Saison, also jetzt.

Weshalb?

Wyss: Die Leute sind noch nicht wirklich fit zum Schwimmen, zudem ist die Schockreaktion bei Wassertemperaturen bis 15 Grad am intensivsten. Und zurzeit haben wir etwa diesen Wert. Auch ist jetzt die Wassertemperatur noch sehr stark geschichtet: Oben ist es bereits relativ warm, aber schon wenige Zentimeter tiefer sieht es ganz anders aus.

Sie haben eine Partnerin und einen Sohn. Stört es diese nicht, wenn Sie immer bei schönem Wetter Ihren Dienst haben?

Wyss: Doch, doch, meine Partnerin beschwert sich ab und zu schon. Aber es ist ja nicht so, dass ich irgendeinen Unsinn mache. Mein Lebensrhythmus ist ohnehin nicht ganz alltäglich.

Wie sieht denn Ihr Alltag aus?

Wyss: Ich bin bei der Migros Dozent für Wellness- und Fitnessausbildner, zudem unterrichte ich Group-Fitness-Angebote wie Aquafit, Aerobic und Ähnliches. Und ich bin Kursorganisator. Das ergibt kein klares Wochenbild, häufig arbeite ich abends oder an Wochenenden. Für die SLRG investiere ich auch noch etwa einen Tag pro Woche. Frei habe ich meist unter der Woche am Morgen.

Unterwasserrugby machen Sie auch, was ich mir ziemlich anstrengend vorstelle.

Wyss: Es ist streng, ja. Aber wenn man entdeckt, wie faszinierend es ist, im dreidimensionalen Raum zu spielen, dann vergisst man das. So etwas gibt es sonst nur in Video-Games.

Gibt es auch noch anderes in Ihrem Leben?

Wyss: Klar, den Haushalt (lacht).

Den Haushalt. Andere Hobbys haben Sie nicht?

Wyss: Dafür fehlt mir einfach die Zeit.

Einen entspannten Fernsehabend gibt es zwischendurch auch mal?

Wyss: Fernseher habe ich keinen, aber die Füsse hochlagern, entspannen und chillen: Ja, das mache ich gerne. Ich kann durchaus einfach mal das Leben ge­niessen.

Schwächen haben Sie auch?

Wyss: Meine Schwäche ist, dass ich ein Wasserfreak bin.

Ach ja?

Wyss: Es beschäftigt mich 24 Stunden am Tag, da fehlt halt für anderes die Zeit. Hätte der Tag mehr Stunden, würde ich gerne noch mehr für die Familie investieren.

Luzern gilt als eher regenreiche Stadt. Wären Sie nicht lieber in Florida?

Wyss: Es gibt nichts Schöneres, als bei Regen zu schwimmen. Zudem haben wir ja keinen Monsunregen, er hört meist bald wieder auf.

Ihr schönster Platz in Luzern ist sicher irgendwo am See.

Wyss: Falsch geraten – es ist der Männli-Turm. Von da hat man einfach den traumhaftesten Blick auf Luzern. Dort bin ich sehr gerne.