BALLWIL: «Was sind schon 100 Jahre?»

Die Geschichte des Kirchenchors ist durch manches Ereignis geprägt. Die Vereinschronik wird nun durch einen speziellen Anlass reicher.

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Der Kirchenchor bei der Probe am letzten Mittwoch. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Der Kirchenchor bei der Probe am letzten Mittwoch. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Roger Rüegger

«Sie sind es wert, gefeiert zu werden», schreibt Annemarie Schwegler, Präsidentin des Kirchenchores Ballwil, in der Jubiläumsschrift zum 100-Jahr-Jubiläum des Vereins. Gemeint sind die vielen Frauen und Männer, die sich für das Chorleben im Lauf der Jahre eingesetzt haben. Sie hätten sich bemüht um einen guten Chorklang, um Harmonie und Frieden. Bemerkenswert sei der Durchhaltewille, der auch in schwierigen Zeiten zum Weitergehen motiviert habe.

Dass ein Verein in der heutigen Zeit sein 100-jähriges Bestehen feiern kann, ist nicht selbstverständlich. Zumal der Kirchenchor Ballwil nicht nur harmonische Zeiten erlebte – was 1915 zu einem Unterbruch beziehungsweise einem Neuanfang führte.

Das Vereinsvermögen verprasst

Ein Kirchenchor existierte im Dorf jedoch schon seit mindestens 1875. Als Direktor Robert Jans damals zur Verstärkung des Chors, deren Frauenstimmen ausschliesslich von ledigen «Fräuleins» besetzt war, Mädchen ab 15 Jahren beizog, kam es zum Eklat. Die älteren Frauen goutierten dies nicht. Sie verweigerten den Mädchen und auch dem Leiter die Teilnahme am traditionellen Vereinsausflug. Sie aber reisten los und verprassten das Vereinsvermögen und vernichteten die Archivakten.

Am 11. Juli 1915 stellte der Verein seine Tätigkeit ein. Direktor Jans gründete jedoch bereits am 27. August den neuen Cäcilienverein. Er engagierte sich bis 1938 als Chorleiter. Diese Treue ist sinnbildlich für den Kirchenchor. Mehrere Frauen und Männer sind langjährige Mitglieder. Präsidentin Annemarie Schwegler ist seit 38 Jahren dabei. Laut dem Medienverantwortlichen Hans Moos, der seit 30 Jahren aktiv ist, kann Bass-Sänger Alois Odermatt auf 65 Jahre Chorzugehörigkeit zurück­blicken. Auch Direktoren blieben dem Chor lange erhalten. In den 100 Jahren zählte der Verein nur fünf Chorleiter. Drei von ihnen deckten zusammen 94 Jahre ab. Robert Jans (1915–38), Paul Lüthy (1938–54) und Josef Estermann. Letzterer demissionierte 2009 nach 55 Jahren und wurde zum Ehrendirigenten ernannt. Der aktuelle, Hannes Roesti (33), hat die Leitung des Chors vor einem Jahr übernommen. Sein Vorgänger Dominik Lukas Vogt war fünf Jahre tätig.

Über 100 Gottesdienste im Jahr

Die Geschehnisse des Vereins wurden stets schriftlich festgehalten. So ist zu erfahren, dass früher jeweils mehr als 100 Einsätze im Gottesdienst keine Seltenheit waren. Dieser Aufwand ist heute kaum mehr vorstellbar. Dafür freuen sich die Chormitglieder umso mehr auf den Festgottesdienst von morgen Sonntag, der um 10 Uhr in der Pfarrkirche gefeiert wird. Dieser findet fast auf den Tag hundert Jahre nach der denkwürdigen Neugründung statt. Dabei werden die 43 Chormitglieder von 50 Sängerinnen und Sängern und einem 26-köpfigen Orchester verstärkt. Als Chor 2015 führen sie Mozarts «Krönungsmesse» auf. Das Jubiläumswerk ist auf Initiative des Chorleiters entstanden. «Es ist für Laien sehr anspruchsvoll. Aber wir freuen uns alle auf 30 Minuten sehr gute Musik», so Roesti.

Präsidentin Annemarie Schwegler teilt diese Freude. Vor allem auch, weil sie auf der Suche nach Verstärkung für den Jubiläumsfestgottesdienst viel mehr Rückmeldungen erhielt, als sie sich erhoffte: «Die Bühnenbauer sagten mir, dass ich bei 70 Leuten den Riegel schieben solle. Aber wenn das Interesse so gross ist, kann ich nicht Nein sagen.» Bei der ersten Probe am letzten Mittwoch mit dem gesamten Orchester habe sie erst gesehen, welche Leute mit von der Partie seien. So stellte sie erfreut fest, dass der Dirigent der Musikgesellschaft die Kesselpauke spielt. «Bei so vielen Sängerinnen und Sängern verliert man leicht den Überblick», meint sie. Die Chronisten haben die Übersicht jedoch stets behalten, was die zahlreichen überlieferten Geschichten beweisen. Annemarie Schwegler beschreibt es wie folgt: «Was sind schon hundert Jahre? Gemessen am Alter der Erde sind sie ein Nichts.» Unabhängig davon ist der Chor ab Sonntag um eine schöne Geschichte reicher.

Der Kirchenchor 1938 mit Direktor Robert Jans (Mitte). (Bild: PD)

Der Kirchenchor 1938 mit Direktor Robert Jans (Mitte). (Bild: PD)