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«Eichwäldli»-Bewohner gehen auf Konfrontation: Stadt Luzern hat eine neue Hausbesetzung

Der Mietvertrag der Eichwäldli-Bewohner ist abgelaufen. Am Donnerstagnachmittag verweigerten die Bewohner die Schlüsselübergabe. Baudirektorin Manuela Jost wird am Freitag persönlich mit ihnen sprechen.
Simon Mathis
Besetztes Haus am Murmattweg in Luzern. Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 02. Januar 2019)

Besetztes Haus am Murmattweg in Luzern. Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 02. Januar 2019)

Das Baby weiss nicht, was mit ihm geschieht – und doch ist es mittendrin, in der Luzerner Hausbesetzer-Szene. Es wird getragen von einer jungen Frau. Eine rote Strickjacke und eine blaue Wollmütze wärmen sie an diesem kalten Wintertag. Die Frau, die zu den Luzerner Eichwäldli-Bewohnern gehört, wirkt gelassen, obwohl ein unangenehmer Termin ansteht. Um 14 Uhr sollten die Bewohner ihre Schlüssel für die ehemalige Soldatenstube an die Stadt Luzern zurückgeben, weil der Mietvertrag Ende Dezember abgelaufen ist.

Doch wohin danach? Mit dieser Frage müssen sich die acht Personen befassen, die im Gebäude seit letztem Frühling eine alternative Wohnform erproben. Die Stadt Luzern will das Haus nämlich leer sehen. Es sei instabil, insbesondere grosse Menschentrauben seien zu gefährlich. Nur: Die Bewohner denken nicht daran, das Haus aufzugeben. Auf den ersten Blick scheint die Stimmung unter den Anwesenden im Eichwäldli fast ausgelassen.

Eine Aufforderung und eine Einladung

Dann klopft ein zweiköpfiges Filmteam an. Regisseur Aldo Gugolz («Rue de Blamage») ist hier, um das Projekt Eichwäldli zu dokumentieren. Er begleitet eine Diskussion der Bewohner mit der Kamera. Erstmals zeigt sich Nervosität. «Es geht uns nicht darum, irgendein Haus zu besetzen», sagt einer. «Es geht uns um viel mehr. Um ein Ideal. Um unsere Idee des Zusammenlebens. Auch in der Stadt Luzern soll es Platz für Lebensentwürfe geben, die ausserhalb des Kapitalismus angesiedelt sind.»

Immer mehr Leute trudeln im Eichwäldli ein, zuletzt sind es über 50. Um 12 Uhr wird das Buffet eröffnet: Blattsalat gibt es, Pastinaken-Suppe, Schwarzwäldertorte und vieles mehr. Diskussionen und Gelächter. Eine Stunde später treffen schliesslich die Vertreter der Verwaltung ein. Stadtbaumeister Marko Virant und Portfolio-Manager Hans Petermann betreten das grosse Wohnzimmer und werden an ein Tischchen am Ende des Raumes gesetzt.

Zwei Dokumente haben sie dabei. Das eine ist eine Aufforderung, das Gebäude zu verlassen. Das andere ist eine Einladung: Baudirektorin Manuela Jost will heute Freitag um 10 Uhr mit den Bewohnern ein informelles Gespräch führen. Die «Eichwäldli-Familie» erklärt sich dazu bereit. Aber sie verweigert die Schlüsselübergabe. Damit ist sie nun offiziell eine «Hausbesetzer-Familie».

«Wir sind erstaunt, nein schockiert darüber, dass Sie die Situation derart auf die leichte Schulter nehmen.»

Marko Virant, Stadtbaumeister

Stadtbaumeister Virant gibt sich diplomatisch. Er betont: «Dieser Entscheid hat mit Politik nichts zu tun.» Es gehe schlicht um Naturgesetze: Die Statik des Gebäudes sei in einem Besorgnis erregenden Zustand, die Stadt könne die Sicherheit nicht mehr garantieren. «Wir sind erstaunt, nein schockiert darüber, dass Sie die Situation derart auf die leichte Schulter nehmen», sagt Virant zu den vier Hausbesetzern am Tisch. «Als der zuständige Ingenieur erfuhr, wie viele Leute sich hier drin aufhalten, hat er fast eine Herzattacke bekommen.» Laut Messungen hat sich das Gebäude um mehr als 30 Millimeter in der Höhe verschoben.

Die Bewohner bezweifeln nicht, dass das Gebäude dringend sanierungsbedürftig ist. Trotzdem sind sie mit dem Vorgehen der Stadt nicht einverstanden: «Von fachkundigen Personen wurde uns bestätigt, dass das Haus mit einem geringen baulichen Aufwand für eine mittelfristige Nutzung saniert werden kann», sagt ein Bewohner. «Wir fordern von der Stadt, diese Möglichkeiten zu besprechen und gemeinsam eine Lösung zu finden.»

Weitere Nutzung ist «unverantwortlich»

Die Stadt habe sich um eine Lösung bemüht, erklärt Manuela Jost auf Anfrage unserer Zeitung. «Vertreter der Stadt waren mehrmals vor Ort und im Gespräch mit den Leuten. Ich stand telefonisch in Kontakt, war selbst im Dezember vor Ort und habe weitere Gespräche angeboten.» Der Dialog sei ihr wichtig. «Ich hoffe, dass sich die Bewohner ebenfalls dafür interessieren.»

Jost betont, dass eine Weiterführung der derzeitigen Nutzung unverantwortlich wäre. Alle unabhängigen Expertisen kämen zu diesem Schluss. Über die konkrete Nutzung des Gebäudes ist sich die Stadt noch nicht im Klaren. Eine Studie soll zeigen, ob sich das Eichwäldli mit vernünftigem Aufwand sanieren lässt. Die Ergebnisse werden im Frühjahr vorliegen. In der Zwischenzeit muss das Gebäude stabilisiert werden. Wenn die Hausbesetzer es nicht verlassen, entscheidet der Stadtrat über das weitere Vorgehen.

Hinweis: Die Hausbesetzer wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen.

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