Gastkommentar

Baukultur als Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung

Autor Dieter Geissbühler schreibt in seinem Gastbeitrag über das Bauen der Zukunft.

Dieter Geissbühler*
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Dieter Geissbühler, Dozent an der Hochschule Luzern.

Dieter Geissbühler, Dozent an der Hochschule Luzern.

Bild: PD

Ist die Rede von «Baukultur», geht es nicht nur um einzelne Gebäude, sondern um alle menschlichen Tätigkeiten, die den Lebensraum verändern. Das reicht von der offenen Landschaft bis zum einzelnen Bauwerk – und vor allem geht es auch um das Dazwischen. Deshalb lohnt es sich, die «Strategie Baukultur», die der Bundesrat im Februar verabschiedet hat, genauer anzuschauen. Auch wenn der Titel trocken klingt – im Grundsatzpapier mit dem Aktionsplan bis 2023 geht es um viel.

Die Strategie bringt drängende Fragen des Klimawandels, der Energiewende, der Siedlungsentwicklung nach innen und des demografischen Wandels in einen komplexen Diskurs ein, in dem die künftige Ausrichtung des Bauens definiert werden soll. Klimawandel und Energiefragen sind deshalb ein wichtiger Bestandteil, weil das Bauen in der Schweiz ein grosser Ressourcenverbraucher ist. Entsprechend gross ist auch die Hebelwirkung der vorgesehenen Massnahmen.

Traditionen und Zeitgeist prägen Bauweise

Der Lebensraum Schweiz ist weitgehend «gebauter Raum» – die menschliche Kontrolle und Gestaltung reicht bis hoch in die nur scheinbar noch natürlichen Alpen. Hinzu kommt, dass das Gebaute abhängig ist von anderen Phänomenen der Landschaft. Dazu gehören dynamische Aspekte, die sich laufend ändern, wie das Wetter, aber auch eher träge Phänomene wie unsere durch Tradition und Zeitgeist geprägte Lebensweise. Auch wirtschaftliche – oder aktuell – medizinische Aspekte bestimmen diese «Landschaft».

«Hohe bauliche Qualität schafft in Bezug auf den Lebensraum einen Mehrwert und ist damit mittelbar von volkswirtschaftlicher Relevanz», steht in der Strategie. Die zentralen Punkte lauten dabei:

  1. Der Umgang mit historischem Bestand und zeitgenössischem Schaffen bilden eine Einheit.
  2. Alle raumwirksamen Tätigkeiten, vom handwerklichen Detail bis zur Planung landschaftsprägender Infrastrukturbauten, sind Ausdruck von Baukultur.
  3. Baukultur betrifft nicht nur den Lebensraum, sondern auch die Prozesse seiner Gestaltung.

Diese drei Säulen definieren den Rahmen, der künftig die Auseinandersetzung mit dem Bauen in unserer Gesellschaft als Ganzes prägen sollen. Das heisst: Jedes neue Bauwerk muss sich der Geschichte seines Kontextes annehmen, nicht nur das schutz- oder erhaltungswürdige. Gleichzeitig müssen neue so gut wie geschützte Bauwerke aber auch die heute zentrale Forderung nach Nachhaltigkeit einbeziehen.

Umsetzung der Strategie ist anspruchsvoll

Das klingt einfach, erweist sich in der heutigen wirtschaftlichen und politischen Realität aber als äussert anspruchsvoll. Die dazu notwendigen Auseinandersetzungen sind komplex und damit zeitintensiv. Das läuft den gängigen Forderungen, vor allem von Investoren- und Planerseite, nach möglichst schlanken und schnellen Prozessen entgegen. Und es bedeutet, dass die aktuell wieder ausgiebig diskutierten Effizienzsteigerungen im Bauen nicht das Mass aller Dinge sind, sondern dass der hohen Baukultur ein mindestens ebenso grosser Stellenwert beigemessen wird. Zuletzt ist der Aufruf zu einer hohen Baukultur auch ein Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Bauwerken.

Die gerade in Luzern wieder aufgeflammte Diskussion über die Verantwortung für den Unterhalt von Bauten durch die Grundeigentümer ist letztlich nicht nur eine juristische, sondern auch eine moralische Frage. Hier beginnt die intensive, aber dringend notwendige Arbeit an der hohen Baukultur für uns alle. Denn es geht nicht um etwas, das schön zu haben ist, sondern um etwas, das die Qualität unseres Lebensraumes massgebend prägt. Ein erster Schritt ist die Lektüre der auch grafisch gut aufgemachten Publikation: Strategie Baukultur – Interdepartemen­tale Strategie zur Förderung der Baukultur. Zu finden ist sie auch online beim Bundesamt für Kultur.

*Hinweis: Dieter Geissbühler ist Dozent am Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern.