Bedroht, beraubt und vergewaltigt?

Ein Mann soll der Ex-Freundin übel mitgespielt haben. Die Anklage fordert dreieinhalb Jahre, die Verteidigung Freispruch.

Roger Rüegger
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Die Freundschaft zweier Leute ging am 14. Dezember 2018 vollends in die Brüche. Ein Portugiese (27) wird beschuldigt, seine Ex-Freundin in deren Wohnung zweimal vergewaltigt zu haben. Beide schilderten am Luzerner Kriminalgericht am Dienstag, was sich zugetragen hatte. Der Mann als Beschuldigter, die Frau als Auskunftsperson mit Opferstellung und Privatklägerin.

Während sie erzählte, der Mann habe ihr an jenem Dezembertag im Treppenhaus aufgelauert und sie gewaltsam in die Wohnung gestossen, handelte seine Geschichte von einem freundschaftlichen Wiedersehen. Er habe vor dem Haus gewartet. Die Frau habe ihn mit Lichthupe begrüsst, danach hätten sie die Wohnung gemeinsam betreten. In der Küche hätten sie sich unterhalten. Die Landsleute lernten sich kennen, weil der Vater des Beschuldigten während einer Saisonstelle bei der Frau als Untermieter wohnte. Nach seiner Heimreise zog der Beschuldigte ein. «Wir führten eine normale Beziehung, hatten aber von Anfang an Probleme mit Geld. Zudem war er impulsiv», so die Frau. Aus einem anderen Grund habe sie bereits im Sommer 2018 die Polizei angerufen, die Anzeige aber zurückgezogen. Im November beendete sie die Beziehung.

Gepackt und ins Schlafzimmer gesperrt

Laut Luzerner Staatsanwaltschaft machte der Beschuldigte der Frau am 14. Dezember Vorwürfe. Sie habe sein Leben ruiniert. Er drohte, sich dafür an ihr nahestehenden Personen zu rächen. Zudem habe er geäussert, dass er sie in einem Lokal einschliessen möchte, damit sie nur für ihn da sein würde. «Er ist psychisch krank», meinte die Privatklägerin. Er habe ihr gesagt, dass er sie «noch einmal ficken» wolle. Daraufhin habe er sie gepackt und ins Schlafzimmer gezerrt. «Ich wusste, wie er war. Stärker als ich und aggressiv. Ich fragte ihn: Willst du wirklich, dass dies meine Erinnerung an dich ist?» Sie habe die Beine zusammengepresst. Er habe ihr ein Kissen auf Mund und Nase gedrückt, so habe sie ihn machen lassen.

Die Szene spielte sich laut dem Beschuldigten harmonischer ab. «Sie bot mir an, bei ihr zu übernachten. Wir gingen ins Bett und hatten normalen Geschlechtsverkehr, wie immer.» Die Privatklägerin begab sich danach ins Bad, um sich zu waschen, später ging sie in die Küche. Der Beschuldigte folgte ihr. Es kam zu einem längeren Gespräch. Dann nahm er laut Anklage ein Küchenmesser und kündigte an, sich das Leben zu nehmen. Später soll er ihr mit dem Messer gedroht haben und einen Wohnungsschlüssel sowie Geld gefordert haben. «Geld war für sie ein Thema. Es gab immer Streit», so der Beschuldigte. Die Frau gab ihm 140 Franken. Dabei merkte sie, dass ihre Bankkarte im Portemonnaie fehlte. Sie wurde wütend. Daraufhin soll der Beschuldigte sie wieder vergewaltigt haben.

«Ich hatte das Messer nie in der Hand!»

Nach Version des Mannes sind beide am Morgen normal aufgestanden. Sie habe ihm Bankkarte und PIN gegeben, worauf er 680 Franken von einem Automaten abgehoben habe. Das Geld habe sie ihm für Winterreifen geschuldet. Auf die Frage eines Richters, was er mit dem Messer vorgehabt habe, sagte der Beschuldigte: «Ich hatte das Messer nie in der Hand!»

Nachdem die Frau Anzeige eingereicht hatte, rief die Polizei den Beschuldigten an. Anstatt sich zu stellen, verreiste er nach Portugal, kehrte aber bald in die Region zurück. Am 20. Dezember 2018 wurde er festgenommen. Seither ist der Mann in Sicherheitshaft. Er findet, zu unrecht: «Warum sollte ich zurückkehren, wenn ich die Frau vergewaltigt haben soll?»

Der Staatsanwalt beantwortete die Frage so: «Aus Überheblichkeit. Er glaubte, es laufe so wie im Juli 2018, als die Anzeige zurückgezogen wurde.» Er beantragte eine Freiheitsstrafe von 3,5 Jahren sowie 10 Jahre Landesverweis. Die Vertreterin der Privatklägerin wollte eine Freiheitsstrafe von 4,5 Jahren und ein Kontaktverbot von 5 Jahren.

Der Verteidiger verlangte für seinen Mandanten einen vollumfänglichen Freispruch und dass dieser aus der Haft entlassen wird. «Es gab keine Vergewaltigung und es hat auch keine Bedrohung stattgefunden. Dafür gibt es keine Beweise, daher gilt: im Zweifel für den Angeklagten. Daran müssen Sie sich halten», mahnte er die Richter.