Behinderte feiern königlich Fasnacht

Die Stiftung Rodtegg für Körperbehinderte in Luzern hat ihre eigene Zunft. Bei der Wahl der Fasnachtschefs wird mit allen Mitteln gekämpft.

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Die «Rodtegglis» Laura Ming und Daniel Rickenbacher mit Rodtegg-Zunftmeisterin Antonia Henzirohs. (Bild: Boris Bürgisser/Neue LZ)

Die «Rodtegglis» Laura Ming und Daniel Rickenbacher mit Rodtegg-Zunftmeisterin Antonia Henzirohs. (Bild: Boris Bürgisser/Neue LZ)

Der rote Teppich ist ausgerollt, die goldenen Krönchen und Kugeln an der Decke glänzen, an der Kulisse mit dem prächtigen Märchenschloss fehlt nur noch der letzte Schliff. Morgen Abend steigt in der Luzerner Stiftung Rodtegg für Körperbehinderte einer der alljährlichen Jahreshöhepunkte: der Maskenball, heuer unter dem Motto «Schlossball». Der Ball ist öffentlich, er beginnt morgen um 18.30 Uhr. Neben diversen Darbietungen von Mitarbeitern und Kindern der Stiftung wird auch die Guuggenmusig Cocoschüttler auftreten.

Eigene Zunft und Guuggenmusig

Fasnacht wird grossgeschrieben in der Stiftung Rodtegg. Seit 32 Jahren gibt es die stiftungseigene Zunft, und ausserdem die Guuggenmusig Rodtegg-Geischter, der neben Mitarbeitern auch Kinder und Jugendliche mit einer körperlichen Behinderung angehören. Der Zunftmeister oder die Zunftmeisterin organisiert gemeinsam mit dem Fasnachts-OK und den beiden so genannten «Rodtegglis», einem körperlich behinderten Mädchen und einem Jungen, den Maskenball mit jeweils rund 200 Besuchern. Dieser wird über Spenden sowie den Verkauf einer Plakette und einer Fasnachtszeitung finanziert.

«Unsere Zunft ist eine ernste Angelegenheit», sagt die aktuelle Zunftmeisterin Antonia Henzirohs, die als Logopädin in der Stiftung Rodtegg arbeitet. «In den Wochen vor dem Ball gibt es einen regelrechten Wahlkampf. Da werden überall Wahlplakate aufgehängt und kleine Bestechungsgeschenke wie Schokolade oder Guetzli verteilt.» Denn am Abend des Balls werden jeweils der Zunftmeister und die «Rodtegglis» für das nächste Jahr gewählt – und vor allem die roten «Rodteggli»-Narrenkappen sind heiss begehrt. Auch das aktuelle «Rodteggli»-Pärchen hat sich einiges einfallen lassen, um gewählt zu werden. Sie seien mit farbigen Perücken herumgefahren, hätten Plakate gebastelt, im Schulgebäude Guuggenmusiglieder abgespielt und Apfelsaft verteilt, erzählt Laura Ming (17). «Es war ein sehr strenger Wahlkampf», erinnert sich Daniel Rickenbacher (17). «Aber wir haben haushoch gewonnen», so Laura. Die anderen Kinder hätten versucht, ihnen ihr Maskenball-Motto zu entlocken – aber vergeblich. «Mir hat gerade das Geheimnisvoll-Tun so gut gefallen», lacht Laura. Daniel hat es genossen, im Vordergrund zu stehen.

Auto im Lift und Piranhas in Küche

«Im Vergleich zu früheren Jahren ist der Wahlkampf braver geworden», sagt Antonia Henzirohs. «Wir müssten mal wieder etwas Verrückteres machen.» Etwa so, wie ein Mitarbeiter vor einigen Jahren, der mit einem roten Fiat Punto ins Schulgebäude fuhr, das Auto dort wendete und es rückwärts im Lift parkierte, nur um für seine Kollegin als Zunftmeisterin zu werben – leider erfolglos. Ein andermal versteckte derselbe Mitarbeiter in einem Kessel in der Küche zwei lebende Forellen. Dann bastelte er eine «blutende» Hand, die unter dem Deckel hervorguckte und einen Zettel hielt, auf dem stand: «Die Piranhas haben zugeschlagen!»

Mirjam Weiss-Gast

Hinweis
Auch andere Luzerner Behindertenorganisationen führen Fasnachtsanlässe durch. Eine Auswahl: Die Stiftung Brändi organisiert heute, morgen und am Freitag in ihren Wohnhäusern in Willisau, Horw und Sursee Fasnachtsabende. Die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern veranstaltet am Dienstag, 1. März, eine «Rathausenfasnacht».