Bei den Lehrern umstritten, bei den Eltern beliebt: Die integrierte Sek in der Stadt Luzern spaltet die Gemüter

Ein genauerer Blick in die Befragung der Stadtluzerner Schüler, Eltern und Lehrer zeigt, dass die Einschätzung über das Stammklassen-Modell durchaus differenziert ist.

Simon Mathis
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Die integrierte Sekundarschule in der Stadt Luzern sorgt zurzeit für Diskussionen. Eine Evaluation der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG) zeigt, dass viele Lehrpersonen unzufrieden mit dem Modell sind. Die Stadt Luzern führte die integrierte Sek im Schuljahr 2016/17 ein; seither werden die Schulklassen nicht mehr nach Niveaugruppen A, B und C getrennt, sondern in sogenannten «Stammklassen» unterrichtet. In Luzern gibt es diese Stammklassen auch in den Fächern Deutsch und Mathematik, nur in Französisch und Englisch werden Niveaugruppen gebildet. Damit geht die Stadt weiter als jede andere Gemeinde im Kanton Luzern.

Als erste Reaktion auf das durchzogene Fazit hat Bildungsdirektor und Stadtpräsident Beat Züsli (SP) angekündigt, die Lehrpersonen besser zu unterstützen. Auch eine Abkehr vom Stadtluzerner Sonderweg sei möglich, so Züsli. Am Modell selbst jedoch wolle man festhalten. Ein genauerer Blick auf die Evaluation zeigt, dass die Meinung unter den befragten Lehrpersonen, Eltern und Schülern durchaus differenziert ist.

Hier eine Auswahl aus den zentralen Erkenntnisse der Befragung von Stadtluzerner Lehrpersonen, Schüler und Eltern.

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Trotz Kritik: Viele Lehrer sehen das Potenzial

Die Kritik freilich lässt sich nicht beschönigen: 42 Prozent der Lehrpersonen stehen der integrierten Sek (eher) negativ gegenüber – und ganze 60 Prozent empfinden die Unterrichtsform als Belastung. Demgegenüber geben 95 Prozent der Lehrpersonen an, dass der Lernertrag in Niveaugruppen (eher) hoch sei. Kritik gibt’s für die schulinternen Weiterbildungen; diese seien (eher) nicht hilfreich, um im Stammklassenunterricht auf alle Lernbedürfnisse der Kinder einzugehen, finden zwei Drittel der Lehrpersonen. Daher fühlt sich ein Viertel der Lehrpersonen im Bereich der integrativen Didaktik nicht kompetent. Und ein Drittel der Lehrerschaft hält fest, dass kein Konsens darüber bestehe, was in Stammklassen eine gute Förderung sei.

Dementsprechend glauben zwei Drittel der Lehrer, ihre Schüler nicht optimal fördern zu können. Interessant dabei: Genau so viele – also zwei Drittel – sehen im Modell eine Chance für alle Schüler. Die Betonung liegt dabei sicherlich auf dem Wörtchen «Chance»: Offenbar lässt sich die Theorie nicht so leicht in die Praxis umsetzen. So glauben nur 30 Prozent der Lehrpersonen, dass sie kognitiv starke Schüler adäquat fördern können. Dafür berichten ehemalige C-Klassen-Lehrer, dass schwache Schüler vom Modell profitieren.

Schüler schauen eher aufs Fach

Die Schülerinnen und Schüler bewerten den Lernertrag nach anderen Massstäben als die Lehrpersonen, hält die PHSG fest. Für die Schülerschaft ist das Fach selbst entscheidend. In Englisch, Mathe und Deutsch sehen sie den Lernertrag positiv, in Französisch eher positiv.

Besonders bemerkenswert ist indes, dass die Eltern der integrierten Sek deutlich wohlgesonnener sind als die Lehrerschaft. 75 Prozent der Eltern stehen dem Modell (eher) positiv gegenüber. Noch mehr sind der Meinung, dass ihr Kind lerne, selbstständig zu arbeiten.