Bei Meron aus Eritrea ist die Integration geglückt – und doch ist ungewiss, ob er bleiben darf

Meron Tesfay (23) arbeitet seit rund einem Jahr für ein Catering in Meggen. Nun droht ihm die Wegweisung. Sein Chef Lucas Rosenblatt versteht das nicht – und kritisiert die aktuelle Praxis mit Asylbewerbern harsch.

Yasmin Kunz
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Meron Tesfay arbeitet seit mehr als einem Jahr für Lucas Rosenblatt, der in Meggen ein Catering führt. Ob er hier bleiben darf, ist ungewiss. Bild: Pius Amrein (Meggen, 6. Dezember 2018.)

Meron Tesfay arbeitet seit mehr als einem Jahr für Lucas Rosenblatt, der in Meggen ein Catering führt. Ob er hier bleiben darf, ist ungewiss. Bild: Pius Amrein (Meggen, 6. Dezember 2018.)

Eine Stange Kardy nach der anderen befreit Meron Tesfay von den Dornen. Anschliessend wird das Gemüse in Milch gelegt, damit es sich nicht braun verfärbt. Nach dem Kochen werden die geschnittenen Stangen in Gläser verpackt und dann für den Weihnachtsverkauf vorbereitet.

Meron, der beim Vornamen genannt werden möchte, macht das nicht zum ersten Mal, die Handgriffe sitzen, nebenher kann er locker plaudern. Lucas Rosenblatt (64), sein Chef, sagt: «Als wir zum ersten Mal diese Gemüse geschnitten und sich meine Hände braun verfärbt haben, witzelte Tesfay: Bald bist du mein Bruder.» Beide lachen bei dieser Erinnerung.

Seit 14 Monaten arbeitet der 23-jährige Meron aus Eritrea bei Lucas Rosenblatt in der Küche. Der Asylsuchende wäscht und schneidet nicht nur Gemüse, sondern begleitet Rosenblatt auch an Caterings, serviert im Lokal in Meggen, und er unterstützt ihn bei Kochkursen. «Meron ist für mich ein grosser Gewinn.»  

Alle Kunden fragen nach Meron

Rosenblatt wollte die Situation für Asylbewerber verbessern. Über die Gemeinde kam es zum Kontakt mit dem «Verein Zuflucht». Seither gehört Meron zum Team. Man spürt schnell: Die Chemie zwischen den beiden stimmt. Auch Rosenblatts Frau Bettina, die ebenfalls im Lokal arbeitet, hat Meron ins Herz geschlossen – und umgekehrt.

Der junge Mann mag seinen Job und Rosenblatt würde ihm ein exzellentes Zeugnis dafür ausstellen: zuverlässig, engagiert, motiviert und hilfsbereit. «Meron sieht die Arbeit, ohne dass ich ihn darauf hinweisen muss, und er kommt bei den Gästen sehr gut an. Alle fragen immer nach ihm.» Dass Meron einmal in Meggen Catering für eher gut betuchte Schweizer machen würde, liess sich in keiner Weise erahnen.

Der Eritreer hat nie gerne gekocht. «Das machte in meiner Heimat immer die Mutter», sagt er und schmunzelt. Seine Heimat ist Massawa in Eritrea, wo seine Mutter, sein Bruder und seine Schwester heute noch leben. Nach der Schulzeit wurde Meron vom Militär für den Dienst auf unbekannte Zeit aufgeboten. Wenn nichts vorfällt, darf man die Familie einmal im Jahr besuchen.

Er hält es nicht aus und haut ab. Man findet ihn, bringt ihn für kurze Zeit ins Gefängnis, dann wieder ins Militär. Meron flüchtet erneut. Diesmal zu Fuss nach Äthiopien. Von da aus weiter in den Sudan und nach Libyen, wo er in ein Gummiboot steigt und letztlich in Italien an Land geht. Meron fährt gleich weiter in die Schweiz. Die Flucht hat sich vor mehr als drei Jahren zugetragen.

Seit mehr als drei Jahren in der Warteschlaufe

Seither wartet der in Sursee wohnhafte Meron auf den Entscheid der Behörden. Die Unsicherheit mache ihn traurig, ohnmächtig und nervös. Das erkennt auch sein Chef. «Es gibt Tage, da ist er sehr bedrückt und in Gedanken versunken.» Für Meron ist klar: Es gibt kein Zurück. «In meiner Heimat muss ich ins Gefängnis.» Das gelte für alle Dienstverweigerer.

«In meiner Heimat muss ich ins Gefängnis.»
Meron Tesfay

Rosenblatt will ihn auch nicht verlieren. Nicht nur, weil er ein guter Mitarbeiter ist, sondern weil er ihn ins Herz geschlossen hat. Er findet es richtig, wenn Menschen wie Meron hier bleiben. «Er hat sich integriert und verdient seinen eigenen Lebensunterhalt. Man kann ihn nicht in ein repressives Land zurückschicken.»

Rosenblatt: «Er bezieht einen regulären Lohn»

Die Behörden können keinen Migranten in das abgeschottete Land am Horn von Afrika ausschaffen, weil Eritrea sich kategorisch gegen die zwangsweise Rücknahme seiner Bürger stellt. 2018 kehrten gemäss dem Staatssekretariat für Migration bis Ende Oktober sind total 52 Eritreer freiwillig in ihre Heimat zurück.

Für Rosenblatt steht fest: Meron kann so lange bei ihm arbeiten, wie er will. Das sagt er nicht aus eigenem Interesse, denn Meron ist für ihn keine billige Arbeitskraft. «Er hat einen Gesamtarbeitsvertrag und erhält einen regulären Lohn. Wie bei einem Schweizer eben.» Apropos Schweizer: «Auf Merons Job würde sich kein Schweizer melden. Für diese Arbeit sind sich viele zu schade. Wir sollten also froh sein, Menschen zu haben, die solche Tätigkeiten ausüben.» Das Gejammer über Fachkräftemangel sei unverständlich. «Es gibt genug Asylsuchende, die eine Arbeit suchen.» Meron pflichtet bei: «Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man nicht arbeiten darf.»

Meron will nicht untertauchen

Meron gefällt die Arbeit, Koch werden will er aber nicht. «Ich koche nicht so gerne und kann es auch nicht so gut.» Sein Traum ist es, einst als Sozialarbeiter zu arbeiten. 

Der Entscheid, der über seine Zukunft bestimmt, wird in den kommenden Tagen fallen. Das jedenfalls glaubt Meron. Grund zu dieser Annahme er, «weil kürzlich einige meiner Landsleute, die auch etwa von drei Jahren gekommen sind, einen negativen Entscheid erhalten haben.» Diese sind untergetaucht – für ihn ist das keine Option, wie er sagt.

Meron Tesfay, der sonst einen aufgeweckten, fröhlichen Eindruck macht, wird plötzlich ruhig. Er überlegt. Nach einer Pause blickt er zu seinem Chef und deren Frau und sagt: «Gell, ich bleibe hier.» Bettina und Lucas Rosenblatt nicken.