«Bei uns ist noch jeder satt geworden»

Wenn schon Nachwuchs, dann richtig: Iris und Peter Stirnimann aus Neuenkirch haben zehn Kinder. Hier erklärt uns die Mutter, wie man eine solche Kinderschar im Griff hat.

Pirmin Bossart
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Ein Familienfoto auf dem Kletterturm im Garten: Laura, Oliver, Fanny und Lea sitzen oben in der hinteren Reihe. Und im Vordergrund (von links): Kuno, Vater Peter mit Cedric, Mutter Iris mit Ruby, Lukas, Lino und Sven. (Bild: Dominik Wunderli)

Ein Familienfoto auf dem Kletterturm im Garten: Laura, Oliver, Fanny und Lea sitzen oben in der hinteren Reihe. Und im Vordergrund (von links): Kuno, Vater Peter mit Cedric, Mutter Iris mit Ruby, Lukas, Lino und Sven. (Bild: Dominik Wunderli)

Auf dem grossen Tisch im Wohnzimmer liegt die frische Wäsche, säuberlich geordnet. Der Tisch ist voll belegt. «Das ist nur ein Bruchteil», sagt Iris Stirni­mann und lächelt. Sie wäscht jeden Tag. «Am Abend drei Maschinen, am Morgen nochmals zwei bis drei Maschinen.» Drei Waschmaschinen stehen im Keller. «Mit einer einzigen wäre ich überfordert. Das ginge viel zu lange.»

Iris Stirnimann (46) lebt mit ihrem Mann Peter (47) und zehn Kindern in Neuenkirch. Die Grossfamilie bewohnt ein geräumiges Einfamilienhaus, das auf mehreren Etagen angeordnet ist. «Jedes Kind hat ein eigenes Zimmer», sagt die Mutter. Das ist ein Faktor, der die Organisation und das Zusammenleben dieser Grossfamilie wesentlich erleichtert. «Nach dem Nachtessen und dem Duschen verschwinden die Kinder in ihre Zimmer. Dann will ich sie nicht mehr in der Stube sehen, und das wissen sie auch.»

Als erstes Kind wurde vor 26 Jahren Kuno geboren – da war Iris 20. Dann kamen Lukas (24), Fanny (19), Sven (15), Laura (13), Lea (12), Oliver (8), Lino (7), Ruby (5) und Cedric (1,5). Inzwischen wohnen die beiden ältesten vis-à-vis in separaten Wohnungen. Trotzdem gehen sie im Elternhaus ein und aus, ebenso ihre Freundinnen. Nächstens wird auch Patrick im Haus einziehen, der Freund von Fanny. «Es hat immer Leute. Deshalb koche ich jeweils genug, damit für alle Eventualitäten etwas da ist. Satt ist bei uns noch jeder geworden.»

Ferien liegen nicht drin

Peter Stirnimann, der Ehemann von Iris, ist Fahrlehrer. Er geht um 5 Uhr aus dem Haus und kehrt abends um 22 Uhr nach Hause. Auch am Samstag. «Wenn er abends nach Hause kommt, essen wir gemeinsam etwas und besprechen die Sachen, die anstehen. Wir telefonieren auch ausgiebig. Haben wir mal eine Extrastunde während der Woche, gehen wir gerne in die Raststätte auf einen Kaffee, wo wir uns ungestört unterhalten können.» Ferien liegen nicht gross drin. Es wäre schon logistisch fast nicht zu bewerkstelligen.

Während ihr Mann auswärts am Geldverdienen ist, managt Iris Stirnimann den Familienbetrieb zu Hause. «Wir funken einander nicht drein. So geht es am besten.» Täglich heisst es putzen, pausenlos aufräumen, waschen, kochen. «Dann ist das Bad mal wieder überschwemmt, oder es muss sonst eine Ausnahmesituation bewältigt werden. Man ist einfach ständig dran.» Nicht zu reden von der Kunst, auf lediglich vier Kochplatten für eine Grossfamilie immer rechtzeitig das Essen hervorzaubern zu können.

Wie schafft sie das alles? Iris Stirni­mann lächelt. «Man muss schnell sein und wenn immer möglich Sachen simultan erledigen, um unnötige Arbeitsgänge zu vermeiden.» Das geht so lange reibungslos, als die Hausfrau gesundheitlich nicht angeschlagen ist. Das brächte das System sofort ins Wanken.

Kürzlich hatte Iris Stirnimann eine Beinoperation, die zu einer Infektion führte. Eigentlich hätte sie noch zwei Tage im Spital bleiben sollen. Das ging nicht. «Ich hatte weder Lust noch Zeit. Wenn ich nicht hier bin, fällt der ganze Haushalt zusammen.» Zwar hat sie eine Putzfrau, die einmal in der Woche mithilft. Aber müsste eine auswärtige Person ein paar Tage den Haushalt führen und die Kinder betreuen, wäre diese schnell überfordert. «Sie wüsste nicht, wo beginnen. Es ist logistisch und vom emotionalen Pegel her schon sehr aufwendig.»

Ein Pool im Garten

Zum geräumigen Haus gehört ein grosszügiger Umschwung. Auf dem Rasen hat es Platz für einen kleinen Robinson-Spielplatz und einen Pool. Sie habe sich lange gegen einen Pool gewehrt, sagt Iris Stirnimann. Aber heute möchte sie nicht mehr darauf verzichten. «Früher gingen wir ab und zu in die Mooshüsli-Badi. Aber mit so vielen Kindern, Wünschen und Unpässlichkeiten war das enorm stressig. Jetzt verbringen wir die Sonntage im Sommer oft im Garten beim Baden und Grillen. Das ist viel entspannter.» Nur täten ihr, gesteht sie, die Nachbarn manchmal selber leid. «Wir sind eine lebhafte Familie. Das geht mit zehn Kindern oft laut zu und her.» Nicht nur ausser Haus, sondern auch im Haus. Zehn Kinder am Tisch, das darf man sich ruhig etwas chaotisch vorstellen. Vor allem die Buben hätten kaum ruhig sitzen können. «Wir haben verschiedene Sitzordnungen ausprobiert. Zunächst haben wir eine Bubenreihe und eine Mädchenreihe gemacht. Dann haben wir Buben und Mädchen gemischt, am Ende haben wir es sogar mit dem Los probiert. Kleber am Tisch sorgten dafür, dass jedes Kind wusste, wo es zu sitzen hatte.»

Iris Stirnimann lässt sich deswegen nicht die Laune verderben. Als Grossfamilie mit so vielen Kindern werde man sowieso schräg angeschaut. «Wenn wir einkaufen, fahren wir mindestens drei volle Einkaufswagen zur Kasse. Das gibt Blicke. Aber es ist mir egal, was die Leute denken. Warum soll mich das interessieren?»

Gewöhnt hat sie sich auch an die Vermutungen, dass man mit so vielen Kindern sicher eine Bauernfamilie oder zumindest tiefreligiös, wenn nicht gar in einer Sekte sei. Nichts von allem trifft zu. Die Familie ist konfessionslos, mit Religion hat sie gar nichts am Hut. «Kürzlich kam eine meiner Töchter von der Schule nach Hause und sagte, sie habe keine Ahnung, was da im Fach Religion und Ethik erzählt werde.»

Keine Zeit für Hobbys

Iris und Peter Stirnimann haben sich schon als Jugendliche kennen gelernt. «Es war an einem Altstadtfest, und es war Liebe auf den ersten Blick.» Und, fügt sie an: «Ich würde ihn gleich wieder heiraten.» Die Beziehung sei über all die Jahre gut geblieben. «Wir besprechen alles miteinander. Ich sage sofort, wenn mir etwas nicht passt. Wir ziehen am gleichen Strick, haben ähnliche Haltungen und einen ähnlichen Geschmack.»

Die Aufgabenteilung der beiden entspricht dem klassischen Rollenmodell mit klar definierten Zuständigkeitsbereichen. Jeder ist gefordert. Für Hobbys, Kaffeegeplauder mit Freundinnen oder Selbstverwirklichung gibt es keinen Platz. Iris Stirnimann, ursprünglich lernte sie Verkäuferin, hat damit keine Mühe. «Ich bin glücklich und zufrieden als Hausfrau. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt, weil ich nicht sogenannt berufstätig bin. Für mich stimmt es, wie es ist.»

Bleibt nur noch die scheue Frage: Warum so viele Kinder? Das sei einfach passiert, lächelt die Frau. Es sei für sie schon immer klar gewesen, dass sie mal «sicher fünf Kinder» haben wollte. Auch ihr Mann hegte diesen Wunsch. «Die Geburten sind stets problemlos verlaufen. Jedes Kind war gesund und pflegeleicht. Keines war ein Schreikind.» So kam es, dass die Frau jedes Mal, wenn sie wieder etwas Kapazitäten hatte, sagte: «So und jetzt hätte ich eigentlich wieder Zeit für ein Kind.»

Politiker locken die Familien mit Steuerabzügen

Erst im März noch hat es das Schweizer Stimmvolk abgelehnt, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Verfassung verankert werden soll. Trotzdem messen alle Parteien diesem Thema Gewicht bei.

Die SVP-Familieninitiative verlangt einen Steuerabzug für die Eigenbetreuung von Kindern. Das Begehren wurde im Nationalrat im April abgelehnt. Die Idee ist wenig tauglich, weil Abzüge bei der Bundessteuer nur einen kleinen Teil betreffen. Die Hälfte der Familien bezahlt bereits heute keine direkte Bundessteuer, neue Abzüge nützen also nur reichen Familien.

Die CVP will den maximalen Krippenabzug von 10 100 Franken allen Familien gewähren. Und mit einer Volksinitiative verlangt sie, dass Kinder- und Ausbildungszulagen nicht mehr versteuert werden müssen.
Die SP will 1,4 Milliarden Franken für höhere Kinder- und Ausbildungszulagen aufwerfen.

Der Entscheid, ein Kind zu bekommen, ist ein sehr persönlicher. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist er jedoch hoch relevant. Deshalb will sich der Staat auch in der Familienfrage engagieren. Für Lucrezia Meier-Schatz, Geschäftsführerin der Dachorganisation Pro Familia, ist klar, dass Frauen und Männer heute viele Optionen neben der Gründung einer Familie haben. Sie sind mit Fragen konfrontiert und wägen die Freude, das Glück mit Kindern aber auch mögliche Herausforderungen ab. Sie wünschen sich mehr Familienfreundlichkeit und Rahmenbedingungen um ihren Alltag mit Kindern und Beruf gestalten zu können.

Elternbetreuung im Alter

Ein Thema, das die Politik heute völlig vernachlässigt, ist aus Sicht von Meier-Schatz die Rolle der Familien in späteren Lebensphasen, viele übernehmen als pflegende Angehörige die Betreuung der älteren Generation. Die Folge ist eine verminderte Erwerbstätigkeit mit langfristigen Folgen für die eigene soziale Absicherung im Alter. Reduziert eine Frau wegen der Kinder oder den betagten Angehörigen, so muss sie Mindererträge in der sozialen Absicherung im Alter hinnehmen. Dies gelte es zu kompensieren.

Wahlfreiheit wichtig

Machen es andere Staaten denn besser? Staaten unterstützten vor allem eine bestimmte Gruppe von Familie, sagt Meier-Schatz. So verfügten die skandinavischen Länder beispielsweise über ein gut ausgebautes Fremdbetreuungssystem, das berufstätige Eltern anspreche. Meier-Schatz findet, dass Eltern die Wahlfreiheit haben sollten, sich für ein Familienmodell zu entscheiden.