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Beizentausch in der Luzerner Altstadt Teil 1: Im Doorzögli steigt der Pegel

Dies ist eine Hommage an zwei der letzten traditionellen Beizen in der Luzerner Altstadt: Im «Doorzögli» gönnt sich unsere Autorin ab und zu ein Glas Wein. Unser Autor wiederum verkehrt an Wochenenden gerne bei einem Carajillo in der «Magdi»-Bar. Für einmal haben die beiden das Lager gewechselt.
Stefan Welzel
Der Autor erfreut sich an der Musikauswahl, die die Jukebox im Hintergrund bietet.(Bild: Nadia Schärli, Luzern, 1. Oktober 2019)

Der Autor erfreut sich an der Musikauswahl, die die Jukebox im Hintergrund bietet.
(Bild: Nadia Schärli, Luzern, 1. Oktober 2019)

Ein Samstag im Herbst. Die noch warme Sonne erfreut zahlreiche Gäste in den Restaurants und Bars entlang der Reuss. Luzern pulsiert an diesem Schmelztiegel, der Einheimische und Touristen in schicken Ablegern internationaler Kaffeehausketten oder Konzeptbars zusammenführt.

Rund 100 Meter Luftlinie weiter in Richtung Altstadt dringen die wärmenden Strahlen nur noch spärlich in die engen Gassen. Das gilt auch für die Ecke Gerbergasse/Stiefelplatz. Hier befindet sich das Café La Suisse, oder einfache Doorzögli, wie es im Volksmund genannt wird. Die Gäste, die hier auf ein Bier kommen, geben an jenem späten Nachmittag nicht viel auf Sonnenplätze im Freien.

Lauter als David Bowie

Ich bin erst das zweite Mal in meinem Leben im Doorzögli. Zuletzt vor rund einem Jahrzehnt während der Fasnacht. Die Erinnerung daran ist schwammig. Und normalerweise zieht es mich selten in Lokale mit – so mein Vorurteil – eher bürgerlich gesinnter Klientel. Obwohl: Bald wird sich erweisen, dass derartige Kategorisierungen und Klischees dem Doorzögli nur bedingt gerecht werden. Nun denn – 17 Uhr, ich trete für einige Stunden ein in einen kleinen, mir unvertrauten Kosmos. Als Erstes schwebt mir Zigarettenqualm entgegen. Das Doorzögli ist ein Raucherlokal – und wie. Kurz darauf drehen sich rund ein Dutzend Köpfe nach dem neuen Gast um. Ein Gemurmel aus der Ecke interpretiere ich als eine Art Begrüssung. Vielleicht hat sich der Mann aber auch nur an seinem Bier verschluckt.

An einem Tisch sitzt eine Gruppe von rund sechs Leuten, die energisch diskutieren. Einer davon betont lautstark und stolz, als würde es den Neuankömmling etwas angehen, seine Herkunft: Romoos. Ich setze mich unter eine Schwingerhose und bestelle. Fasnachtsdekoration, wie ich nachher erfahren sollte. Ich bin verabredet und etwas zu früh dran. Sandra Krummenacher, seit acht Jahren Geschäftsführerin im Doorzögli, wird mir gleich von ihrer Beiz erzählen. Davor fällt mir die Jukebox ins Auge. Das Herz schlägt höher. Hunderte von Interpreten sind gelistet. Auf Peter Alexander, das Trio Eugster oder die Flippers habe ich aber wenig Lust, auch wenn es den Geschmack anderer Gäste vielleicht treffen würde. Ich klicke mich durch und bin ein erstes Mal überrascht.

Mit einem Lächeln treffe ich meine Wahl. Die kommenden 30 Minuten werden David Bowie, die Toten Hosen und Tom Petty den musikalischen Rahmen für meinen Einstieg ins Doorzögli liefern. Ich drehe mich um und rechne mit einer Reaktion, als Bowie von Helden an der Berliner Mauer singt – die kommt aber nicht. Stattdessen lächelt mich Sandra Krummenacher an und begrüsst mich herzlich. Der Mann aus Romoos ist derweil deutlich lauter als Bowie. Aber das ist nun auch egal.

Vom Banker bis zum Büezer

Das «Doorzögli» liegt am Stiefelplatz in der Luzerner Altstadt. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 1. Oktober 2019)

Das «Doorzögli» liegt am Stiefelplatz in der Luzerner Altstadt. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 1. Oktober 2019)

Ich setze mich mit der Chefin an einen freien Tisch. Ich mit Bier, sie mit Kaffee. «Ich muss nachher ja noch arbeiten», sagt Krummenacher. Wir zünden uns beide eine Zigarette an. Ich komme schnell auf den Kern meines Anliegens: Den Charme, den Grund für die Einzigartigkeit dieses Kleinods Doorzögli zu erfassen. Krummenacher überlegt kurz und nimmt einen Schluck von ihrem Espresso, bevor sie zu erzählen beginnt.

«Unser Publikum ist kunterbunt gemischt. Vom Bankkaufmann über den Büezer, vom Pensionierten bis zu demjenigen, der durch alle sozialen Maschen gefallen ist: Bei uns kommen sie alle zusammen.» Was sofort auffällt: Der begrenzte Platz begünstigt die familiäre Atmosphäre. «In vielen anderen Wirtshäusern setzt man sich kaum mal zu anderen Gästen. Hier bei uns ist das normal. Man muss sich dazusetzen. Und man redet sich sofort nur noch mit Vornamen an. Diese Momente finde ich wundervoll», sagt Krummenacher. Wir einigen uns schnell darauf, es gleich zu halten.

Der Lärmpegel steigt langsam aber stetig. Die Stimmung ist ausgelassen, man neckt sich, klopft sich zu Possen auf die Schultern, reisst Witze. «Bist du manchmal auch der Kummerkasten deiner Gäste?», will ich von Sandra wissen. «Weniger oft, als man denken könnte. Zuweilen ist es auch schön und interessant, den Leuten zuzuhören. Das gehört zu diesem Job.» Und Sandra schiebt nach: «Was auf unserer Insel passiert, bleibt aber auf der Insel.» Will wohl heissen: Hier kann man auch mal etwas über die Stränge schlagen, ohne dass es später die halbe Stadt erfährt.

«Es fehlt den jungen Wirten an Leidenschaft»

Warum sind Kneipen wie diese so rar geworden in Luzern? Offensichtlich liegt es nicht an mangelnder Kundschaft. «Das hat unterschiedliche Gründe. Mal sind es bauliche Mängel, die zu einem nicht mehr finanzierbaren Umbau zwingen. Oder es ist die Stadtplanung, die dafür sorgt, dass eine Kneipe wie die Schmitte am Pilatusplatz verschwindet», meint Sandra. Ein Stammgast daneben pflichtet bei und ergänzt: «Und eventuell ist das auch ein Generationenproblem. Es fehlt den jungen Wirten an Leidenschaft.» Am Tischende sitzt Stephan, ebenfalls regelmässig Gast im Doorzögli. Er kommt hierher, weil die Beiz eine der letzten ist, die so «authentisch und kernig ist». Inzwischen sind meine Lieblingssongs durch. Ich bestelle ein zweites Bier und lausche Liedern von Peter Alexander. Die Kneipe ist nun fast voll. Nun ist sie da, die authentische Atmosphäre, kernig in der Tat. Sandra verabschiedet sich hinter den Tresen – die Arbeit ruft.

Das Essen im «Doorzögli» ist währschaft und günstig. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 1. Oktober 2019)

Das Essen im «Doorzögli» ist währschaft und günstig. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 1. Oktober 2019)

Gleich neben dem Eingang haben es sich zwei Gruppen gemütlich gemacht. Die Essenszeit beginnt. An einem Tisch sitzt Hansruedi aus Zürich. Mit Bekannten aus Luzern gönnt er sich das legendäre Doorzögli-Cordon-bleu. Er sagt:

«Das hier ist ein echtes Reservat, wie es nicht mehr viele gibt in der Schweiz. Jeder ist willkommen und die Atmosphäre ist einfach toll.»

Sein Luzerner Freund Kurt wirft ein: «Und er fährt komplett auf das Cordon-bleu ab. Er ist mehr hier als wir.» Nebenan freut sich rund ein Dutzend Töff-Freunde ebenfalls über die bevorstehende Cordon-bleu-Schlemmerei. Guido und Kusi sind die ersten, die eingetroffen sind. Guido geniesst den Charme dieser «Kult-Beiz mit seinen speziellen Gästen». Dafür nehmen die beiden Nichtraucher sogar den steigenden Qualm-Pegel in Kauf. «Da muss man tolerant sein. Wenn das jemanden stört, muss er halt woanders sein Cordon-bleu essen gehen», meint Guido.

Bis auf den letzten Platz gefüllt

Nun, da ich zwei Stunden hier sitze, erkenne ich auch die Gesichter auf den Bildern wieder, die die Wände zieren. Darauf zu sehen ist das Personal, hineinkopiert in Schwingerfest-Motive. Sandra liess die Fasnachtsdekoration einfach bis zum Eidgenössischen Schwingfest und etwas darüber hinaus hängen. «Das war ganz praktisch, nun muss das aber mal wieder weg.» Weg gehen will nun zum gefühlten siebten Mal auch der Romooser. Wie viele Einheiten alkoholischer Getränke er nun schon zu sich genommen hat, ist schwer einzuschätzen. Seinen Namen bringe ich nicht in Erfahrung – er spricht von sich selber nur in dritter Person. Ich gehe noch einmal zur Jukebox und wähle – beim Blick in die Runde quasi als vorauseilender Kompromiss – Frank Sinatra und danach Polo Hofer. «Strangers In The Night». Dazu bestelle ich ein Kaffee Träsch. Somit bin ich endgültig angekommen im Doorzögli. Die Sonne ist übrigens schon untergegangen. An der Reuss haben sich die Reihen gelichtet. Das Doorzögli ist bis auf den letzten Platz gefüllt.

Hier geht es zum zweiten Teil des Beizentauschs:

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