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Bekanntschaften aus Sri Lanka, die im Gedächtnis bleiben: Eine 82-Jährige teilt ihre schönsten Ferienerinnerungen

In der Sommer-Serie «Der schönste Sommer meines Lebens» gehen wir von Altersheim zu Altersheim und besuchen Seniorinnen und Senioren. Statt sie mit Fragen zu löchern, lassen wir sie einfach mal in Ruhe erzählen. Wir hören zu und schreiben auf.

Livia Fischer
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Ruth Studhalter lächelt besonnen. Sie strahlt Ruhe und Wärme aus. In einem Rollstuhl sitzend, hält sie in ihren Händen ein kleines weisses Couvert. Darin befinden sich einige Fotos – alle zeigen sie selbst. Am Strand, im Hotelgarten, am Zmorgentisch. Die Bilder sind Erinnerungen an Studhalters erste Reise nach Sri Lanka.

Ungefähr 25 Jahre sei es her, schätzt Studhalter. Damals stand ihr Sohn für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Sri Lanka im Einsatz. Getrieben von der Sehnsucht, besuchten Studhalter und ihr Mann ihn für drei Wochen, nachdem sie einander ein Jahr lang nicht gesehen hatten. Nur schon deshalb ist es bis heute ihre Lieblingsreise. Während des Gesprächs kommen der 82-Jährigen zu ihrer eigenen Überraschung immer wieder neue Anekdoten in den Sinn.

Die Fotos zeigen Ruth Studhalter vor rund 25 Jahren. Da war sie zum ersten Mal in Sri Lanka in den Ferien.
5 Bilder
Bis auf eine Ausnahme übernachteten Studhalter und ihr Mann auf jeder Sri -Lanka-Reise (insgesamt waren sie sechsmal da) im gleichen Hotel.
Durch den Garten des Hotels verlief eine Lokomotivenschiene, erinnert sich Studhalter.
Einen Teil des Essens gab Studhalter jeweils an den Nachtwächter des Hotels ab.
Studhalter erinnert sich gerne an die Zeit in Sri Lanka zurück.

Die Fotos zeigen Ruth Studhalter vor rund 25 Jahren. Da war sie zum ersten Mal in Sri Lanka in den Ferien.

Bild: Pius Amrein (Eschenbach, 17. Juli 2020)

Unser Flug landete am Abend, es war Vollmond. Da fragte uns der Taxifahrer, der uns vom Flughafen abholte, ob wir zu Hause den gleichen Mond hätten wie sie hier. Er hatte keine Ahnung, wo die Schweiz ist. Was er aber gehört habe, sei, dass man «bei uns» alte Menschen in ein Heim stecke. Das fand er einen ganz furchtbaren Gedanken, bei ihnen ist Betreuung Familiensache. Ich versicherte ihm aber, dass in einem solchen Heim auch sehr viel Gutes passiere. Man werde gut gepflegt und die Leute seien alle sehr lieb zu einem – und wenn man Glück habe, kämen auch die Kinder oft zu Besuch.

Grosses Verständnis und ein weites Herz

Die gebürtige Ruswilerin, die nun im Betagtenzentrum Dösselen in Eschenbach wohnt, scheint die Menschen in Sri Lanka ins Herz geschlossen zu haben. «Sie sind ein ganz netter Volksschlag», bestätigt sie. Die Einheimischen hätten eine vornehme Zurückhaltung und seien sehr hilfsbereit. So sind es denn auch die Begegnungen, die ihr – trotz all der schönen Strände und Teeplantagen, die sie gesehen hat – in besonderer Erinnerung geblieben sind.

Mit dem Gärtner des Hotels stand ich noch jahrelang in Kontakt, er war sehr nett. Wir schrieben Briefe, ich schickte mal einen Umschlag mit etwas Geld hin und er ein Päckli mit Kaffee zurück. Die Kellner unseres Hotels trugen einen gelben Jupe, dazu ein weisses Hömmli. Sie waren sehr an Geografie interessiert, also nahm ich jeweils einen Flugplan zu ihnen mit und brachte ihnen etwas bei. Manchmal sah ich, wie die jungen Burschen hinter der Küche statt aus Tellern, aus Zeitungen gegessen haben. Und der Nachtwächter etwa, der schlief in einer Besenkammer. Beim Abendessen habe ich ihm immer heimlich ein bisschen Znacht zugeschmuggelt.

Ruth Studhalter vor dem Betagtenheim Dösselen in Eschenbach.

Ruth Studhalter vor dem Betagtenheim Dösselen in Eschenbach.

Bild: Pius Amrein (Eschenbach, 17. Juli 2020)

Sie redet bedacht; hält immer wieder einen Moment lang inne, damit es nicht zu schnell geht. Studhalter spricht die Armut an. Dabei denkt sie auch an Frauen, welche die Wäsche in kalten Bächen gewaschen haben, und an Männer, die gerne arbeiten wollten, aber keine Arbeit fanden.

Das hat die Ferienfreude fast ein bisschen gedämpft. Aber das ist gut so. Diese Erfahrung muss man machen. Danach verspürte ich noch eine grössere Zufriedenheit und Dankbarkeit. Ich finde es wichtig, immer wieder mit einer neuen Kultur und anderen Menschen konfrontiert zu werden. Das steigert das Verständnis und weitet das Herz. Insgesamt kehrten wir noch sechsmal für jeweils einen Monat zurück. Um zu helfen, füllte ich jedes Mal die Hälfte meines Koffers mit Kleidern für die Einheimischen. Ich dachte immer, wegen der Hitze kann ich den Männern nur kurzärmlige Hemden mitbringen, aber sie fragten dann nach langen – so sähen sie aus wie Banker.

Ein bisschen Wehmut und tiefe Dankbarkeit

Studhalter schmunzelt. Auch der Gedanke ans nächste Erlebnis bringt sie ein bisschen zum Lachen: So seien sie bei verschiedenen Familien jeweils zum Abendessen eingeladen gewesen. Und in Sri Lanka sei es anscheinend Tradition, dass die Gäste alleine essen – die Gastgeber bedienen sie und schauen ihnen zu. Für die Luzernerin ein eigenartiges Gefühl. Eigenartig ist auch, dass ihr diverse Arztbesuche während der Ferien positiv in Erinnerung geblieben sind. Rasch erklärt sie wieso.

Im Süden Sri Lankas habe ich einen Arzt aufgesucht. Insgesamt 16-mal fuhr ich mit dem Taxi jeweils 45 Minuten hin und zurück, um mich von ihm behandeln zu lassen. Ich weiss nicht mehr, was genau er alles gemacht hat – aber er hat mich von Kopf bis Fuss mit einem speziellen Öl eingerieben. Danach war ich endlich wieder gesund. Und die Krankenkasse zahlte die Behandlung sogar.

An was für einer Krankheit sie damals gelitten hatte, ist Studhalter entfallen. Sie überlegt noch eine Weile, dann findet sie, dass es auch gar keine Rolle mehr spiele. Wichtig ist ihr nur, dass sie noch viele Bilder vor sich sieht, wenn sie an die Zeit, in der sie gereist ist, zurückdenkt. Fast wird sie ein bisschen wehmütig.

Am liebsten würde ich noch mehr reisen – wenn ich nur jünger und gesünder wäre. Es gibt noch so viel, das mich reizen würde. Etwa Tibet oder die Philippinen. Und früher, da hatte man einfach noch nicht die gleichen Chancen. Trotzdem bereue ich nichts. Ich bin einfach dankbar für alles, was ich erleben durfte.

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