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Beleidigende Sprüche, neugierige Blicke: Was eine Luzerner Studentin als Undercover-Touristin erlebt hat

Wie erleben Touristen Luzern und seine Einwohner? Und wie werden Touristen selbst wahrgenommen? Eine Luzerner Studentin mit chinesischem Hintergrund ging diesen Fragen nach. Dafür begab sie sich inkognito unter Touristen.
Lucien Rahm
Ein bekanntes Bild in Luzern: Touristen auf Sujetjagd in der Altstadt. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Ein bekanntes Bild in Luzern: Touristen auf Sujetjagd in der Altstadt. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Dass Luzerner die zahlreichen Touristen in ihrer Stadt nicht nur positiv aufnehmen, ist bekannt. Wie aber nehmen die Touristen selbst die Einwohner der Topdestination am Vierwaldstättersee wahr? Bekommen sie die teils kritische Haltung der Einheimischen zu spüren?

Unter anderem dieser Frage ging die Luzernerin Isabella Luu in ihrer Masterarbeit nach. Die gebürtige Schweizerin mit chinesischen Eltern widmete sich für ihren Abschluss in Fine Arts an der Hochschule Luzern intensiv der gegenseitigen Wahrnehmung von Reisenden und Residierenden. Nebst Befragungen und Beobachtungen von vorwiegend asiatischen Gästen ist sie dafür auch selber in die Rolle einer Touristin geschlüpft – versehen mit Rucksack, grossem Sonnenhut und Mundschutz.

Ihre Erfahrungen bestätigten einerseits, was man über die meist als Gruppe reisenden Touristen schon zu wissen denkt. Da ihr Programm eher gedrängt ist, bleiben für die Besichtigung bestimmter Sehenswürdigkeiten in der Regel nur wenige Minuten. «Beim Löwendenkmal verbrachten sie vielleicht sechs bis fünfzehn Minuten», sagt Luu. Die Zeit würde vor allem dazu genutzt, Fotos zu machen oder machen zu lassen, idealerweise mit der eigenen Personen und dem Denkmal darauf. Umgehend würden diese Fotos danach an Freunde oder Familie versandt, oftmals begleitet von Sprachnachrichten.

Ähnliches konnte Luu auf der Kapellbrücke beobachten: Nebst der Begehung des Objekts stand das Schiessen von Selfies im Vordergrund. «Mir fiel aber auch auf, dass sich hin und wieder Einheimische auf die Brücke begaben, um dem Treiben der Touristen zuzuschauen», so Luu. Die Touristen werden punktuell also quasi selbst zur Attraktion.

Als «Touristin» wird sie zur Attraktion

Auch Luu selbst fiel auf, dass ihr in der «Verkleidung» der Touristin mehr Blicke zuteilwurden als in ihrer alltäglichen Aufmachung. «Ich hatte das Gefühl, viel mehr aufzufallen.» Dazu beigetragen haben könnte nicht zuletzt auch ihr Mundschutz, der von Einheimischen nie in der Öffentlichkeit getragen werde, vermutet Luu.

Um ihr Outfit als «Touristin» zu bestimmen, nahm sie im Vorfeld ihrer Aktionen die Kleidungsvorlieben der asiatischen Touristen genauer unter die Lupe. Die Garderobe scheint dabei von sportlich über alltäglich bis elegant zu reichen. «Teilweise dominieren auch Markenkleider recht stark.» Etwas, worauf sie selbst keinen Wert legen würde, während sie in einem anderen Land unterwegs ist.

Luu entschied sich bei ihren Selbstversuchen für eine sportliche Variante mit Leggins und violett-hellblauer Trainerjacke. In dieser Aufmachung wurde sie von ihrer Umwelt konsequent für eine asiatische Touristin gehalten, was sie auch bei ihren Besuchen von bei Touristen beliebten Geschäften feststellen konnte. In einer Confiserie am Schwanenplatz sei sie von der Bedienung auch dann noch auf Englisch angesprochen worden, als sie sich bereits als Deutsch sprechend zu erkennen gegeben hatte.

Weitere Besuche stattete sie einem Juweliergeschäft, einem Souvenirshop und einem Detailhändler ab. Bei Ersterem erlebte sie eine freundliche, zuvorkommende Behandlung. «Wobei ich mich auch stets etwas beobachtet fühlte.» Weniger Aufmerksamkeit erfuhr sie im Souvenirgeschäft, wo man sich ihr erst nach mehrmaliger Nachfrage annahm. Beim Detailhändler, wo sie sich das Getränkeregal zeigen lassen wollte, habe das Englisch die Angestellte etwas überfordert. «Sie reagierte etwas gestresst.» Durch die passenden Gesten konnte Luu der Angestellten schliesslich dennoch klarmachen, wonach sie suchte.

Auch mit «richtigen» Touristen aus China trat Luu ins Gespräch, um sie nach ihren Erfahrungen in Luzern zu fragen. Das konnte sie mit jenen tun, die wie sie den kantonesischen Dialekt sprachen. Die wenigen, die sich während ihres knapp bemessenen Aufenthaltes kurz Zeit nahmen für ihre Fragen, berichteten ihr von fast ausnahmslos guten Erfahrungen mit der Luzerner Bevölkerung, welche sie als «freundlich und hilfsbereit» wahrnahmen. Lediglich einer der Befragten habe angegeben, die Einheimischen als eher distanziert wahrzunehmen. In einem Modegeschäft sei er «sehr sachlich» beraten worden.

Positive Erfahrungen hat auch Luu in ihrer Rolle als Touristin gemacht, indem ihr Einheimische beispielsweise geduldig den Weg zu einem Hotel erklärten. Gänzlich anschliessen kann sie sich den befragten Touristen jedoch nicht. Denn nebst guten hat sie auch schlechte Erfahrungen mit der lokalen Bevölkerung gemacht.

Als sie beispielsweise auf der Seebrücke einige Selfies machte, sah sich ein vorbeigehender Jugendlicher dazu veranlasst, die Situation seinen Kollegen gegenüber zu kommentieren. Bezug nehmend auf ihre Aufmachung sagte er: «Was bringt es, Fotos von sich zu machen, wenn man so dumm aussieht?»

Dass Touristen solche Bemerkungen nicht wahrnehmen, ist verständlich: Sie verstehen sie nicht. Luu als Deutschsprechende nehme jedoch immer wieder solche Sprüche wahr, auch, wenn sie sich in ihrer Alltagskleidung durch Luzern bewege. Luu sagt:

«Viele Leute gehen aufgrund meines Aussehens davon aus, dass ich Touristin bin und sie nicht verstehen würde.»

Ihre Versuche hätten ihr bestätigt, dass es in Luzern in dieser Hinsicht offenbar ein Problem gebe: «Das Problem, dass man anderen Menschen gegenüber nicht neutral gegenübertreten kann, wenn diese ausländisch aussehen.»

Kunstperformance dreht den Spiess um

Ihre Erfahrungen hat Luu anschliessend im Praxisteil ihrer Masterarbeit in Form einer Kunstperformance wiedergegeben. Dabei wurden Einheimische zu «Fremden», indem sie sie mittels Befragungen und Beobachtungen zum Objekt der Aufmerksamkeit machte. Sie platzierte Gäste der Ausstellung, in welche ihre Aktion eingebettet war, auf einem Stuhl in einem Raum, den sie videoüberwachen liess, stellte ihnen intime Fragen, liess sie persönliche Daten in ein Formular eintragen oder nahm ihre Fingerabdrücke. «Auf diese Weise mussten die Besucher eine ähnliche Erfahrung machen wie ich», erklärt Luu das Ziel ihrer Arbeit.

Das sagt Luzern Tourismus

Angesprochen auf beleidigende Äusserungen von Einheimischen gegenüber Touristen sagt Sibylle Gerardi von Luzern Tourismus: «Feedbacks zu Beleidigungen sind uns nicht bekannt. Solche sollten auch vermieden werden, da die Bevölkerung und deren Gastfreundschaft ein wichtiger Teil des touristischen Erfolgs ist.» Die Bevölkerung in Luzern stehe grundsätzlich hinter dem Tourismus, und wisse, dass dieser ein wichtiger Wirtschaftsbereich sei, so Gerardi weiter. «Vereinzelte kritische Stimmen zum Tourismus nehmen wir sehr ernst.» Diese würden meist den Verkehr – insbesondere die Reisecars – sowie die Gruppentouristen betreffen, die sich im Stadtzentrum wahrnehmen lassen und in der Hochsaison am stärksten ausgeprägt seien. (lur)

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