Der Traumberuf Bergführer verliert an Glanz

Der Schweizer Bergführerverband klagt über ein Nachwuchsproblem. In der Zentralschweiz ist die Situation nicht ganz so prekär. Trotzdem wären auch die Verbände der Region froh um Zuwachs.

Kilian Küttel
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Bergführer ist ein Knochenjob – einer, den heute nicht mehr so viele Junge erlernen möchten wie auch schon. Bild: PD

Bergführer ist ein Knochenjob – einer, den heute nicht mehr so viele Junge erlernen möchten wie auch schon. Bild: PD

Stefan Flüeler stapft durch das Sustengebiet, als sein Telefon klingelt. Er ist auf gut 2200 Meter, die Sonne strahlt auf sein Gesicht, er ist der Natur so nahe, wie man nur sein kann. «Ich bin schon seit je her extrem gerne in den Bergen unterwegs, sauge die Natur und die Landschaft in mich auf, geniesse es einfach», sagt er während einer Tour durch die Urner Alpen. Deshalb will er seine Leidenschaft zum Beruf machen: Der 32-jährige Nidwaldner ist im zweiten Jahr der dreijährigen Ausbildung zum Bergführer. Besteht er, gehört er zu einem Zirkel, zu dem heute 1249 Personen gehören. So viele brevetierte Bergführer gibt es in der Schweiz. Jährlich kommen etwa 20 bis 30 hinzu. Zu wenig, wenn es nach dem Schweizer Bergführerverband geht. Dieser spricht von einem Nachwuchsproblem. Um den Bestand zu halten, müssten pro Jahr 40 bis 50 Frauen und Männer nachrücken, zudem ist ein Bergführer im Schnitt 48 Jahre alt. «Die Entwicklung macht uns Sorgen», sagte SBV-Präsident Marco Mehli (Artikel vom 3. September).

Der Schweiz gehen also die Bergführer aus. Der Zentralschweiz auch? Jein. «Wir haben aktuell kein Nachwuchsproblem», sagt Martin Planzer, der Präsident des Urner Bergführervereins. Etwa 65 brevetierte Bergführer sind für die Urner unterwegs. Ohne die genauen Zahlen zu nennen, sagt Planzer: «Das sind einige Mitglieder mehr als noch vor zehn Jahren.»

Stefan Flüeler ist auf dem besten Weg, einen besonderen Beruf zu erlernen. (Bild: PD)

Stefan Flüeler ist auf dem besten Weg, einen besonderen Beruf zu erlernen. (Bild: PD)

Nid- und Obwaldner wollen mehr Nachwuchs

Im letzten Jahr konnten die Urner Bergführer zwar keinen Zuwachs feiern, 2016 waren es dafür aber gleich drei Absolventen, welche die Ausbildung abgeschlossen hatten. Und für dieses Jahr erwarten die Urner zwei Neuzugänge. «So lange die Jungen die Abgänge kompensieren, haben wir kein Problem», macht Planzer nochmals klar. Weg von Uri: Der Bergführerverein Unterwalden hat aktuell 78 Mitglieder, welche mehrheitlich aus den Kantonen Ob- und Nidwalden sowie Luzern stammen. Pro Jahr wird in der Regel ein neues Mitglied in den Verband aufgenommen, Stefan Flüeler ist aktuell der einzige Unterwaldner im Lehrgang. Deshalb sagt Verbandspräsident Hanspeter Hug: «Nachwuchs wird langsam Mangelware.» Früher sei dies noch anders gewesen; als er seine Ausbildung vor 20 Jahren gemacht habe, habe die Branche einen regelrechten Schub erlebt: «Damals wuchsen wir in manchen Jahren gar stärker als die grossen Traditionssektionen wie Grindelwald und Zermatt.»

«Mit dem Druck umzugehen, ist nicht einfach.»

Stefan Flüeler, angehender Bergführer

Die Faszination Berg packt heute weniger Junge als in der Vergangenheit. Weshalb? Hug glaubt, das ist eine Zeiterscheinung: «Früher hatten wir nicht solche Möglichkeiten wie die Jungen heute. Sie können aus einer Vielzahl von Sportarten auswählen.» Er habe das Gefühl, dass bei dem grossen Angebot häufiger hier und da mal ein wenig reingeschnuppert werde. «Die Leidensbereitschaft, für einen Sport alles zu geben und sich aufzuopfern, ist aber nicht mehr so verbreitet.» Doch genau das sei essenziell, um am Berg bestehen zu können. Bergführer ist ein Knochenjob. Die körperlichen Anforderungen, die Verantwortung, der mentale Druck. All dem ist auch Aspirant Flüeler ausgesetzt, wenn er mit Gästen unterwegs ist. Und er war es besonders im ersten Jahr der Ausbildung: «Man musste immer damit rechnen, ein Modul nicht zu bestehen. Mit diesem Druck umzugehen, war schon nicht einfach.»

Der Beruf hat an Attraktivität eingebüsst

Der Urner Martin Planzer glaubt seinerseits, der Beruf sei schlicht nicht mehr so attraktiv wie früher. So gäbe es mehr Alternativen – auch für jene, die abgelegen lebten. «Ein Beispiel: Früher war
es für jemanden aus Zermatt schwierig, aus dem Wallis zu kommen. Heute sind die Leute so mobil, dass man in kurzer Zeit weit kommt. Man kann pendeln.» Was zur Folge habe, dass sich viele anderweitig orientieren, sich einen anderen Beruf suchen als sie es vielleicht noch vor 30 Jahren getan haben.

Auch für Hanspeter Hug spielen die wirtschaftlichen Aspekte eine wichtige Rolle. Denn im Sommer und Winter ist das Interesse zwar gross. «In der Sommersaison haben wir regelmässig zu wenige Bergführer.» In der Zwischensaison jedoch fehlt die Arbeit. So sei es schwierig, ein geregeltes Einkommen zu verdienen. «Besonders, wenn man eine Familie zu ernähren hat», gibt Hug zu bedenken. Dies sei mit ein Grund, weshalb viele nach kurzer Zeit den Beruf als Bergführer aufgeben oder nur noch in einem Teilzeitpensum arbeiten. Nur sieben oder acht der 78 Mitglieder des Unterwaldner Verbands gingen ihrem Traumberuf in Vollzeit nach, so Hug. Auch Stefan Flüeler will nicht nur auf die Karte Bergführer setzen. Momentan arbeitet er 70 Prozent in einem Sportgeschäft. «Dieses zweite Standbein möchte ich auch nach dem Ende der Ausbildung beibehalten. Ein regelmässiges Einkommen in der Zwischensaison ist mir schon wichtig.» Doch im Sommer und im Winter will er seine Leidenschaft leben, Gäste aus allen Herrenländer durch die Berge der Region führen. «Dann habe ich es geschafft, dann habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht.»

Die Nachfrage ist ungebrochen

Die Bergführer klagen über zu wenig Nachwuchs, das Angebot ist also zu klein. Diese Aussage untermauert auch die Tatsache, dass die Nachfrage weiterhin sehr stark ist. «Unsere Mitgliederzahlen steigen kontinuierlich an, auch wenn nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahren», sagt auch Bruno Hasler, verantwortlich für den Fachbereich Ausbildung Winter beim Schweizerischen Alpen-Club (SAC). Auch dem SAC ist der Bergführermangel bekannt, obwohl er nicht akut davon betroffen sei, da die einzelnen Sektionen ihre Touren mehrere Monate im Voraus buchen würden. Spurlos geht das Manko aber auch am Alpen-Club nicht vorbei. Oder wie Hasler sagt: «Probleme gibt es dann, wenn kurzfristig ein Bergführer gesucht wird. Dies betrifft in erster Linie die Bergsteigerschulen und der SAC Zentralverband mit seinem Ausbildungsprogramm.» (kük)

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