Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Bernard Haitink im KKL – auf Wiedersehen, grosser Meister!

Ein letztes Mal Standing Ovations. Der Stardirigent Bernard Haitink geht im Luzerner KKL mit Pauken und Trompeten.
Roman Kühne
Ein triumphaler Abgang: Bernard Haitink gestern Abend bei seinem Abschiedskonzert im KKL. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Ein triumphaler Abgang: Bernard Haitink gestern Abend bei seinem Abschiedskonzert im KKL. (Bild: LF/Priska Ketterer)

«Mein Gott, was für ein Baby.» So äusserte sich eine Konzertbesucherin, als Bernard Haitink über die berühmten Treppen zu seinem ersten Konzert mit dem Königlichen Concertgebouw schritt. Es war noch nicht die Zeit, als das Dirigat in den Händen hochgejubelter Jungspunds landete. Erfahrung, Ansehen und Alter zählten. Der junge Haitink mit seinen 27 Jahren hatte von alldem genau nichts. Dies ist eine der vielen Erinnerungen, die im gestern erschienenen Buch «Bernard Haitink, Dirigieren ist ein Rätsel» ihren Platz fanden. Tempi passati.

Bis auf den letzten Sitz ist am Freitagabend im Konzertsaal im KKL in Luzern gefüllt. Die Warteliste ist lang. Vor dem Gebäude halten verzweifelte Fans ihre Kartons auf der Suche nach Tickets hoch. Die Feststimmung ist mit den Händen greifbar. ­Sicher, Bernard Haitink würde auch sonst die Säle füllen. Aber heute ist es noch ein Tick spezieller, dirigiert der 90-jährige doch sein letztes Konzert. Und der Schlusspunkt, den er sich ausgesucht hat, ist nicht Salzburg oder London, wo er in den letzten Wochen dirigierte. Nein, es musste Luzern sein. Dies zeigt, wie stark er der Region, wo er in Kastanienbaum ein Haus besitzt, verbunden ist.

Meister der Räume

Und das Konzert ist ein Ereignis. Der Pianist Emanuel Ax spielt gepflegt und behutsam die Schattierungen des Klavierkonzertes Nr. 4 von Beethoven. Klang, Fluss und Leichtigkeit wechseln wie kleine Bälle zwischen den Wiener Philharmonikern und dem Solisten. Auch hier sind Haitink und die Wiener der aufmerksame Dialogpartner. Ein Spiel mit Herzen und Kopf. Ein Wechselspiel der Kraft und Güte. Nach der Pause das grosse Abschiedsstück. Könnte Bernard Haitink sein Lebenswerk besser denn mit Anton Bruckners 7. Sinfonie beschliessen? Eine jener Kompositionen, die zu Bernard Haitink gehört, wie nur wenig andere. Noch im Frühjahr brachte Decca eine Sammlung seiner besten Aufnahmen Bruckners frisch heraus. Auch war die «Siebte» die erste von Bruckners Sin­fonien, die Haitink mit dem ­königlichen Concertgebouw ­spielte, dem Ensemble, seine «Heimat», welches er 27 Jahre geleitet hat. Und zum letzten Mal erweist sich Haitink als der Meister der grossen Räume.

Er schafft eine Musik mit ­tiefem Atem, frisch und frei. Nichts ist da von der Hektik zu spüren, mit der teils andere Dirigenten der Musik nachjagen. Alles geschieht wie selbstverständlich. Aus dem Nichts steigt der erste gewaltige Satz. Sein melancholisches Ziehen und Stossen finden unter einem ­Bogen statt. Mystisch und erhaben, aber mit einem vorwärtsziehenden Fluss. Das grossartige Adagio, strahlende Sonnen, welche die Nacht durchbrechen. Dicht und intensiv, als quasi religiöser Akt gespielt. Dann die mächtige Steigerung, eindringlich und endgültig. Trotz all der Kraft bleibt das Spiel der Wiener Philharmoniker klar, sind die Nuancen ein wichtiger Teil des Meisters Spiel. Kleinste Klangfiguren und lebendige Schatten treten aus dem Orchester hervor, nur um sich gleich wieder in den unendlichen Sog zu weben. Das kurze Finale, die grossen Risse in der Komposition lässt Haitink schroff und abrupt. ­Kolossal und grandios steigt das Finale zur Decke hoch. Es ist ein Abschied mit Pauken und Wagner-Tuben. Ein triumphaler ­Abgang durch das Hauptportal. Das Publikum dankt es mit langen Standing Ovations.

Ein Abend mit Licht und Schatten

Doch auch die Wiener Philharmoniker, ihrer ganzen Exzellenz zu Trotz, spielen nicht immer auf dem gleichen Niveau. So zogen sie am Donnerstagabend unter dem Lucerne Festival Debutanten Andrés Orozco-Estrada nur teilweise mit. «Die Mittagshexe» von Antonín Dvořák gerät zum eher harmlosen Aufwärmstück. Der diabolische Unterton und die exzessiven Ausbrüche sind gar etwas brav. Das Violinkonzert in D-Dur von Erich Wolfgang Korngold mit dem «artiste étoile» Leonidas Kavakos am Soloinstrument hinterlässt – wie auch schon das Beethoven-Violinkonzert vor zwei Wochen – einen gemischten Eindruck. Schön ist sein reicher, klagender, mit viel Vibrato gezogener Ton. Doch neben Anfangspro­blemen in der Höhe wirkt auch das übermässige Pathos, der ständige Intensitätsfuror ermüdend. Erst im dritten Satz sind plötzlich Energie und Interpretation da. Sowohl der Solist als auch das Orchester spielen lebendig, kantig und spritzig.

Qualitäten, die Kavakos ebenfalls in seiner Zugabe «Recuerdo de la Alhambra» von Francisco Tárrega zum Tragen bringt. Das Orchester kommt wie ausgewechselt in die zweite Halbzeit. Andrés Orozco-Estrada bringt eine überzeugende Version der viel aufgeführten und oft zerspielten «Sinfonie aus der neuen Welt» von Antonín Dvořák. Die federnd zupfenden Bässe, der Boden der Celli, die Nuancen und die Exzellenz der Holz- und Blechbläser geben dem Werk Beweglichkeit und Farbe. Präzise, kammermusikalisch und sinnlich. Als Zugabe erklingt noch ein Wiener Schmankerl, «Ohne Sorgen» von Josef Strauss.

Hinweis: «Bernhard Haitink, Dirigieren ist eine Rätsel», Gespräche und Essays von Peter Hagmann und Erich Singer. Bärenreiter-Verlag.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.