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Beromünster: «Der Täter hat im Affekt gehandelt»

Ein 30-jähriger Mann wird verdächtigt, seinen Vater (64) mit einem Messer erstochen zu haben. Er stellte sich der Luzerner Polizei und ist in Haft.
Interview: Christian Hodel
In diesem Haus in Beromünster ist es am Dienstag zum Familiendrama gekommen. (Bild: Dominik Wunderli)

In diesem Haus in Beromünster ist es am Dienstag zum Familiendrama gekommen. (Bild: Dominik Wunderli)

Unfassbar, unerklärlich, unverständlich sind sie: Dennoch passieren immer wieder Familiendramen, so wie mutmasslich am Dienstag in Beromünster. Die Luzerner Polizei fand am Nachmittag einen 64-jährigen Landwirt tot mit Schnitt- und Stichverletzungen. Die Polizei nahm noch vor Ort den 30-jährigen Sohn des Opfers fest. Er wird beschuldigt, seinen Vater getötet zu haben (siehe Kasten).

Wie kann ein Kind seinen Vater erstechen? Was braucht es, dass ein Familienleben derart gestört wird, bis es zu einem solchen Drama kommt? Josef Sachs (65), Gerichtspsychiater und Experte für forensische Psychiatrie, gibt Antwort.

Josef Sachs, von aussen betrachtet sind Familiendramen unerklärlich – und für Sie?

Unerklärlich sind solche Taten, weil man die genauen Umstände nicht kennt, die dazu geführt haben. Es gibt nicht den Familienmord oder den Totschlag. Viele Faktoren spielen mit. Der Einzelfall muss angeschaut werden. Allerdings ist es so, dass ein Grossteil aller Tötungsdelikte in der Schweiz Beziehungstaten sind.

Was heisst das für den aktuellen Fall aus Beromünster?

Beziehungsdelikte sind immer sehr emotional. Je enger eine Beziehung ist – und jene eines Sohnes zu seinem Vater ist eng –, desto grösser kann der Hass werden, wenn es zu einer Enttäuschung kommt.

Sie gehen also davon aus, dass der mutmassliche Täter – der Sohn – vom Vater enttäuscht wurde?

Ich gehe davon aus, dass die Tat eine lange Vorgeschichte hat, die wir im Moment noch nicht kennen. Grundsätzlich gibt es drei denkbare Muster. Der Täter leidet an einer psychischen Erkrankung. Oder es war eine rational durchdachte Tat, um sich einen Vorteil zu beschaffen. Vielfach geht es dabei um Erbschaftsstreitereien. Die dritte Möglichkeit: Der Sohn wurde in irgendeiner Weise derart vom Vater enttäuscht, dass er die Tat aus Wut und Verzweiflung verübte.

Welches Muster trifft wohl am ehesten zu?

Letzteres. Dies ergibt sich aus den derzeit verfügbaren Fakten. Denn der Täter versuchte nicht seine Tat zu vertuschen. Ebenso griff er zu einem einfachen Messer – eine schnell verfügbare Waffe. Die Art und Weise, wie sich die Tat zugetragen hat, spricht dafür, dass der Täter im Affekt gehandelt hat und seine Tat nicht von langer Hand geplant hat. Abklärungen müssen nun alles Weitere ergeben, etwa ob der mutmassliche Täter psychisch krank war.

Erste Mutmassungen gehen dahin, dass es sich um einen Erbschaftsstreit handeln könnte. Angeblich soll der väterliche Hof vor kurzem an einen Neffen übergeben worden sein – und nicht an den Sohn. Wäre dies ein Motiv?

Bestätigt sich diese Vermutung, ist das durchaus ein starkes Motiv. Denn das Verteilen des Erbes ist immer auch ein emotionaler Akt. Dabei geht es nicht nur um Geld. Wird jemand beispielsweise enterbt, kann das für die betroffene Person sehr kränkend sein und einen Vertrauensbruch bedeuten. Auf einem Bauernhof, auf dem die Familienmitglieder oft eng zusammenleben, ist dieses Vertrauen noch wichtiger als anderswo. Und: Je tiefer die Beziehung der beteiligten Personen ist, umso tiefer geht letztlich der Hass, der daraus entstehen kann. Dass eine solche Situation aber mit einem Tötungsdelikt endet, kommt zum Glück selten vor.

Wie oft?

Fälle, in denen der Sohn seinen Vater tötet oder zu töten versucht, habe ich lediglich alle vier oder fünf Jahre zu beurteilen. Die meisten Familiendramen spielen sich zwischen Mann und Frau ab, wobei meist der Mann der Täter ist. Dabei geht es oft um enttäuschte Beziehungen. Ebenso kommen leider immer wieder Taten vor, in denen ein Elternteil die Kinder tötet.

Inwiefern können solche Familiendramen verhindert werden?

Das ist schwierig. Oftmals bekommt nicht mal das engste Umfeld mit, was im Innern eines späteren Täters vor sich geht. Präventive Massnahmen nutzen dann, wenn die Gewaltbereitschaft eines späteren Täters schon bekannt ist – es also bereits zu handgreiflichen Auseinandersetzungen oder Todesdrohungen gekommen ist. Solche Fälle sind immer ernst zu nehmen, und die Betroffenen sollten fachliche Unterstützung erhalten.

Hinweis: Josef Sachs (65) ist Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie. Er arbeitet als Chefarzt für Forensische Psychiatrie an der Klinik Psychiatrische Dienste Aargau.

Kam es zum Erbschaftsstreit zwischen Vater und Sohn?

In Beromünster ist am Dienstagnachmittag ein Landwirt Opfer eines tragischen Tötungsdeliktes geworden. Kurz nach 15.30 Uhr wurde der Einsatzleitzentrale der Luzerner Polizei gemeldet, dass eine Person schwer verletzt worden sei, informierte gestern Urs Wigger, Mediensprecher der Luzerner Polizei. Mehrere Patrouillen der Polizei sowie eine Ambulanz seien sofort vor Ort gefahren. Das 64-jährige Opfer wies Schnitt- und Stichverletzungen auf. Die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes konnten nur noch den Tod des Mannes feststellen.

Sohn alarmierte die Polizei

Aufgrund der Umstände gehen die Untersuchungsbehörden von einem Tötungsdelikt aus. «Der 30-jährige Sohn des Opfers hat die Polizei alarmiert. Er ist Tatverdächtiger und wurde vor Ort festgenommen», sagt Urs Wigger. Die mutmassliche Tatwaffe – ein Messer – konnte auf dem Anwesen sichergestellt werden. Der genaue Tatablauf sowie das Motiv sind Gegenstand der Ermittlungen.

Gemeinde ist sehr betroffen

Der Landwirt und seine Familie sind im 6000-Seelen-Dorf bekannt und laut Gemeindepräsident Charly Freitag sehr verankert. Dieses Bild zeigt sich auch vor Ort. Im Dorfladen reagieren die Verkäuferinnen bestürzt auf die Frage, ob sie die Familie kennen; zur Tragödie will sich niemand äussern. Ebenso andere Einwohner: Man kennt die Familie offenbar, aber Erklärungen für das Familiendrama gibt es keine.

Der Schock sitzt vielerorts anscheinend noch tief. Somit spricht Gemeindepräsident Charly Freitag stellvertretend für die Einwohner von Beromünster: «Wir sind sehr betroffen. Die Tragödie ist noch nicht fassbar für uns. Es kommt erst so langsam das Bewusstsein», sagt er. «Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei den Angehörigen des Opfers. Wir versuchen sie so gut wie möglich zu unterstützen», sagt Gemeindepräsident Freitag.

Die Gemeinde hat laut Charly Freitag keine Kenntnisse von Streitigkeiten in der Familie. Wie ein befreundeter Landwirt gestern aber gegenüber blick.ch erzählte, sei dem Tötungsdelikt ein Streit zwischen Vater und Sohn voraus- gegangen. Der Kollege des Opfers will wissen, dass sich Vater und Sohn am Tag des Geschehens gestritten haben. Das Opfer hätte kurz vor seiner Pensionierung gestanden. Es sei noch nicht lange her, dass er den Hof seinem Neffen, dem Sohn seiner Schwester, überschrieben habe, sagt der befreundete Landwirt weiter. Das sei sicher eine schwierige Situation gewesen, auch wenn der Sohn kein Landwirt sei, sondern als Automechaniker arbeite.

Das 64-jährige Opfer wohnte zusammen mit seiner Frau in einer Wohnung auf dem Tannhof in Beromünster, wie ein befreundeter Landwirt weiter erzählt. Auch der 30-jährige Sohn sowie dessen Cousin, der den Hof übernehmen sollte – sobald der 64-jährige Landwirt in Pension gegangen wäre – würden in dem Haus wohnen. Das Opfer war zudem Vater eines weiteren Sohns sowie dreier Töchter.

Generationen müssen sich finden

Wenn es sich bei der Tragödie in Beromünster wirklich um einen Erbschaftsstreit handelte, stellt sich die Frage, ob Hofübergaben ein generelles Problem oder Konfliktpotenzial darstellen. Das sei nicht der Fall, sagt Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes (LBV). Eine Hofübergabe sei immer etwas zwischen zwei Generationen, die sich finden müssen – und finde im Privaten statt. «In der Ausbildung von Landwirten und Bäuerinnen wird dieser Bereich thematisiert. Ebenso sind bei einer Hofübergabe meist auch der Treuhänder involviert», weiss Stefan Heller.

Individuelle Lösungen

Grundsätzlich sei die Übergabe eines landwirtschaftlichen Betriebs vergleichbar mit der Übergabe eines KMU. «Es ist sicher wichtig, dass alle Beteiligten an einem Tisch gemeinsam darüber sprechen», sagt Stefan Heller. Aber wie die Übergabe konkret von sich geht und welche möglichen Probleme sich dabei ergeben können, sei von Fall zu Fall unterschiedlich, erklärt er.

Sarah Weissmann

Familiendramen in den letzten Jahren

In Beromünster ist am Dienstagnachmittag ein Landwirt Opfer eines tragischen Tötungsdeliktes geworden. Kurz nach 15.30 Uhr wurde der Einsatzleitzentrale der Luzerner Polizei gemeldet, dass eine Person schwer verletzt worden sei, informierte gestern Urs Wigger, Mediensprecher der Luzerner Polizei. Mehrere Patrouillen der Polizei sowie eine Ambulanz seien sofort vor Ort gefahren. Das 64-jährige Opfer wies Schnitt- und Stichverletzungen auf. Die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes konnten nur noch den Tod des Mannes feststellen.

Sohn alarmierte die Polizei

Aufgrund der Umstände gehen die Untersuchungsbehörden von einem Tötungsdelikt aus. «Der 30-jährige Sohn des Opfers hat die Polizei alarmiert. Er ist Tatverdächtiger und wurde vor Ort festgenommen», sagt Urs Wigger. Die mutmassliche Tatwaffe – ein Messer – konnte auf dem Anwesen sichergestellt werden. Der genaue Tatablauf sowie das Motiv sind Gegenstand der Ermittlungen.

Gemeinde ist sehr betroffen

chh. Familiendramen, bei denen ein Sohn einen Elternteil tötet, ereignen sich in der Schweiz laut Josef Sachs, Experte für forensische Psychiatrie, alle vier oder fünf Jahre (siehe Interview). In Erinnerung geblieben sei ihm ein Doppelmord vor über 20 Jahren in Wohlen, sagt er. Damals, Mitte Februar 1991, liess ein junger Artist seine Adoptiveltern umbringen. Ein Bekannter des Adoptivsohnes verübte in dessen Auftrag die Tat.

Häufiger als Elternmorde sind Familiendramen mit mehreren Opfern. Täter sind meist Männer. Eine Auswahl der Fälle, die in der Schweiz in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen sorgten:

Mai 2015: Ein 36-jähriger Mann aus dem Kanton Schwyz erschiesst in Würenlingen AG seine Schwiegereltern und seinen Schwager. Anschliessend tötet er einen Nachbarn und sich selbst.

April 2015:In Pfäffikon ZH tötet ein 19-jähriger Schweizer seinen Vater (67).

Januar 2015:In Flaach ZH wird eine 27-jährige Schweizerin verhaftet. Sie hat ihre zwei Kinder (2 und 5 Jahre alt) getötet.

November 2014: In Wilderswil im Berner Oberland fordert ein Beziehungsdelikt drei Todesopfer. Oktober 2013: Ein 60-jähriger Landwirt aus Luthern erschiesst auf einem Bauernhof eine 44-jährige Frau und seinen 46-jährigen Bruder. Es handelt sich um eine Beziehungstat.

Oktober 2012: Ein 51-jähriger Türke erschiesst in einem Coiffeurgeschäft in Wettingen AG seine 40-jährige Ehefrau und bringt sich mit der gleichen Waffe um.

August 2011: Ein 43-jähriger Mann erschiesst in Baden AG mit einer Pistole seine 47-jährige Ex-Freundin und bringt sich danach um. In der Wohnung, in der sich das Tötungsdelikt ereignete, schliefen die drei Töchter.

Februar 2011:Vermutlich ein Beziehungsdelikt fordert in Niederbipp BE drei Todesopfer. Bei den Opfern handelte es sich um zwei Männer im Alter von rund 70 Jahren und eine etwa 90-jährige Frau.

April 2008: In Muotathal ersticht ein 15-Jähriger seine Stiefmutter und seinen Stiefbruder.

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