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BEROMÜNSTER: Die menschliche Bibliothek ist 70

Pirmin Meier, einer der unkonventionellsten Schweizer Geschichtsschreiber, feiert Geburtstag. Den Metzgerssohn aus ländlichen Gefilden liessen zwei Offenbarungen den Weg zum Akademiker einschlagen.
Sasa Rasic
Pirmin Meier (70) in der Stiftsbibliothek Beromünster. Bild: Nadia Schärli (Beromünster, 22. Februar 2017)

Pirmin Meier (70) in der Stiftsbibliothek Beromünster. Bild: Nadia Schärli (Beromünster, 22. Februar 2017)

Sasa Rasic

sasa.rasic@luzernerzeitung.ch

Der Kaffee dampft noch einladend vor sich hin. Den Stuhl hat man sich gerade erst zurechtgerückt, und Pirmin Meier hat schon mehr historische Fakten angesprochen, als herkömmliche Zeitgenossen wohl an einem Abend zusammenbringen würden.

Bevor das eigentliche Gespräch begonnen hat, erfährt man etwa, dass das erste Lehrmittel der Schweiz 1470 in Beromünster gedruckt wurde, Meier selbst der erste Doktorand des grossen Zentralschweizer Literaturwissenschaftlers Peter von Matt war und der Beromünsterer Chorherr Johannes von Baldegg im 15. Jahrhundert im hohen Alter eine wundersame Verjüngung erfahren hat – inklusive Wachstum dritter Zähne und dunklen Haupthaars.

Kompromisslosigkeit bringt Konsequenzen

Ob die letzte Anekdote mit Meiers 70. Geburtstag, den er am 21. Februar begangen hat, zu tun hat, bleibt offen. Klar jedoch ist, dass Meier mit seinem jahrzehntelang angesammelten Fachwissen eine wahrhafte menschliche Bibliothek darstellt. Dies zeigt sich in seinem Auftreten in der historischen Bibliothek des Stifts Beromünster. Beim Erzählen geschichtlicher Fakten ist er in der Lage, mit schlafwandlerischer Sicherheit auf den genauen Ort zu zeigen, wo jene Bücher liegen, die seine Aussagen untermauern.

Der fast schon legendäre Altlehrer an der Kantonsschule Beromünster, über die er auch eine Schulgeschichte veröffentlicht hat, wurde auch schon als «unkonventionellster Geschichtsschreiber der Schweiz» bezeichnet. Seine bekanntesten Werke über Paracelsus und Niklaus von Flüe erfreuen sich zwar immer noch grosser Beachtung, doch in seiner erzählerischen Geschichtsschreibung kennt Meier keine Kompromisse bezüglich Faktentreue und nimmt keine Rücksicht auf politische Befindlichkeiten.

Diese undiplomatische, manchmal gar polemische Eigenheit hat Konsequenzen. So fehlt seine zwar viel gerühmte, aber offenbar zu wenig ehrerbietige Bruder-Klaus-Biografie in neueren Ranft-Führern. Doch auch bei linken Kreisen stiess der hartgesottene Wertkonservative und ehemalige eidgenössische CVP-Delegierte manchmal auf Befremden. Zeitweise galt Meier als Anwalt kitschiger Heimatschriftsteller. Erst der Bodensee-­Literaturpreis 1993 machte ihn in der Literaturszene salonfähig. Schliesslich folgten der Aargauer und Innerschweizer Literaturpreis (Meier ist der einzige Träger beider Preise, wie er stolz betont).

Seinen Konservatismus bezeichnet er als «Verwurzelung aus Kenntnis der Wurzeln» – dies im Gegensatz zu herkömmlichen Konservativen, die sich seiner Ansicht nach nur mit der «Verwurzelung» zufriedengeben. Seine Laufbahn als Akademiker sieht er auch als eine Art Abweg von seiner Herkunft (Metzgerssohn, katholisch-konservativ, ländlich). Dafür verantwortlich macht Meier «zwei Offenbarungen» in jungen Jahren. Während der langen Erholung von einem Oberschenkelbruch wurde er zum Leser: «Seitdem ist bei mir kein ­einziger Tag ohne ein Buch vorbeigegangen.» Die zweite Begebenheit geht aufs Frühjahr 1960 zurück, als Meier einen Raubwürger – eine Vogelart, die mittlerweile aus der Schweiz verschwunden ist – beobachtete. Seitdem hat sich seine Faszination für die Vogelwelt nie gelegt. Auch seine Bücher sind jeweils mit einem «Leitvogel» versehen (bei Paracelsus ist es etwa der Eisvogel).

Radikal unbürgerliche Existenz in der Mansarde

Die Begeisterung für Vögel zeigte sich zudem in seinem politischen Schaffen: Als Aargauer Verfassungsrat versuchte er im Jahr 1976 als schweizweit Erster, die Würde der Kreatur zum Schutz der Tiere auf Verfassungsebene zu verankern. Sein Antrag wurde abgewiesen – den Rechtsfreisinnigen war der Vorschlag wohl zu progressiv, und «die Linken waren dagegen, weil ‹der Falsche› den Antrag gestellt hat», wie Meier sagt.

Späte Genugtuung erhielt er 1999, als das Tier auch auf Bundesstufe gesetzlich nicht mehr als Sache angeschaut wurde. Für dieses Engagement wurde er 2016 mit dem Preis «Stiller Macher» ausgezeichnet.

Die 70 Lebensjahre scheinen Meiers Schaffenskraft nichts anhaben zu können. Seine Mansarde in Rickenbach, wo er seit 25 Jahren eine radikal unbür­gerliche Existenz führt, wurde bekannt durch das Stapeln von Recherchematerial sowie das Markenzeichen «Bücher im Kühlschrank».

Derzeit treibt ihn sein grösstes Buchprojekt an. Meier: «Ein wichtiger Grund, weshalb ich noch leben will, ist mein geplantes Buch über Schweizer Mystiker.» Bruder Klaus sei in dieser Hinsicht eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Zu wenig beachtet werden seiner Meinung nach die weiblichen Figuren der Mystik, wie etwa die selige Marguerite Bays, auf die er in seinem neuesten, mit alt Nationalrat Josef Lang verfassten Buch «Kulturkampf 1841–2016» zu sprechen kommt. «Das Grösste ist verborgen, das habe ich von Bruder Klaus gelernt», sagt Meier.

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