BERUFSBILDUNG: «Der Berufsstolz ging verloren»

Jeder fünfte Lehrling bricht die Lehre ab. Für Ausbildner Benno Brunner hat dies mit den gestiegenen Anforderungen zu tun. Aber nicht nur.

Interview Roseline Troxler
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Mechatroniker-Lehrling Markus Häfliger (links) und Automechaniker Marcel Isenschmid kontrollieren in einer Werkstatt in Oberkirch einen Autoauspuff. (Bild: Dominik Wunderli/Neue LZ)

Mechatroniker-Lehrling Markus Häfliger (links) und Automechaniker Marcel Isenschmid kontrollieren in einer Werkstatt in Oberkirch einen Autoauspuff. (Bild: Dominik Wunderli/Neue LZ)

Benno Brunner, was läuft falsch in der Berufsbildung?

Benno Brunner*: Die Berufsbildung hat massiv an Stellenwert verloren. Die handwerklichen Berufe sind die Basis aller kleinen und mittleren Unternehmen. Doch sie liegen nicht mehr im Trend und erhalten weniger Akzeptanz. Immer weniger Schulabgänger wollen sich die Hände schmutzig machen. Der früher vorhandene Berufsstolz ist verloren gegangen. Deswegen erleben wir in der Automobilbranche und bei anderen handwerklichen Berufen einen enormen Mangel an Fachkräften. Bereits im dritten Lehrjahr überlegt sich ein Grossteil der Lehrlinge, nach Abschluss der Lehre eine Weiterbildung zu absolvieren.

Im vergangenen Jahr hat jeder fünfte Lehrling seine Lehre abgebrochen. Was sind mögliche Gründe für die Zunahme der Lehrabbrüche?

Brunner: Die Lehren, insbesondere auch die des Automechanikers, wurden in den vergangenen Jahren komplexer. Automechaniker sind heute praktisch Elektroniker oder Informatiker. Sie müssen über ein sehr breites Wissen verfügen. Lehrlinge werden glücklicherweise seltener als billige Arbeitskräfte benutzt, müssen jedoch mehr leisten. Die Schonfrist hat abgenommen. Nebst höheren Anforderungen wurde das Schulsystem vor drei Jahren umgestellt. Es gibt neue Berufe wie den Automechatroniker. Die Umstellung war für die Betriebe in Bezug auf die Selektion der Schulabgänger eine Herausforderung.

Was braucht es, damit ein Lehrling seine Lehre erfolgreich abschliesst?

Brunner: Der Lehrling braucht mehrere starke Partner – den Betrieb, die Eltern und die Schule. Diese müssen den Lehrling unterstützen und sich austauschen. Läuft es einmal nicht rund, muss der Lehrbetrieb Anstrengungen unternehmen. Denn auf den ersten Blick scheint es manchmal einfacher, den Lernenden aufzugeben.

Hat die Bereitschaft der Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen, abgenommen?

Brunner: Die Lehrlinge wollen viel erreichen und strengen sich enorm an. So lernen sie beispielsweise in Lerngruppen für die Berufsschule. Dies war zu meiner Ausbildungszeit noch undenkbar. Vielleicht aber ist die Bereitschaft, sich durchzubeissen, wenn es nicht läuft, zurückgegangen. Denn nach einem Lehrabbruch gibt es heute viel mehr Anschlussmöglichkeiten.

Müssen die Jugendlichen für den Lehrabschluss heute mehr leisten?

Brunner: Ja, das ist sicher der Fall. Die Anforderungen der Schule sind gestiegen. Der Zeitdruck hat in der Automobilbranche zugenommen. Die Kunden verlangen mehr. Dies wälzt sich ebenfalls auf die Lehrlinge ab.

Was tun Sie, wenn bei einem Jugendlichen die Motivation an der Berufslehre abnimmt?

Brunner: Wir suchen sehr schnell das Gespräch. Anhand der Noten, auf die wir online einen Zugriff haben, oder an den Leistungen im Betrieb merken wir sofort, wenn etwas nicht stimmt. Wir präsentieren unsere Erwartungen und versuchen herauszufinden, wo das Problem liegt. Meist kann es im privaten Umfeld geortet werden. Dann treffen wir mit dem Lehrling eine schriftliche Vereinbarung, welche Punkte wir gemeinsam verbessern möchten.

Sind die Schulabgänger genug informiert über die Berufswahl?

Brunner: Es wird viel unternommen. Man kann schon fast von einer Informationsüberflutung sprechen. Ist ein Schulabgänger nicht informiert, liegt dies wohl an der eigenen Faulheit. Toll wäre es aber, wenn Lehrer besser mit den Betrieben zusammenarbeiten würden.

Welche Verbesserungsmassnahmen braucht es in der Berufsbildung?

Brunner: Der schulische Part wird zunehmend zu einer Belastung, vor allem für kleine Betriebe, wo die Lehrlinge meist eine sehr wichtige Funktion innehaben. Die häufige Abwesenheit sollte überdacht werden.

Hinweis

* Benno Brunner (45) ist Geschäftsführer der Amag Retail Sursee in Oberkirch, welche sechs Lehrlinge ausbildet. Brunner, der seit acht Jahren als Lehrlingsausbildner tätig ist, lebt in Beromünster und ist Vater von drei Kindern. Er arbeitet seit elf Jahren im Automobilgewerbe.