BERUFSBILDUNG: «Finanzierung wird zum Knackpunkt»

Lehrlingsmangel, schwache Schüler und knappe finanzielle Mittel: Christof Spöring, der neue Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung, antwortet auf brennende Fragen.

Florian Weingartner
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Christof Spöring (54) leitet neu die Dienststelle Berufs- und Weiterbildung an der Obergrundstrasse 51. Blick vom Dach des Gebäudes auf Neustadt und Rigi. (Bild Pius Amrein)

Christof Spöring (54) leitet neu die Dienststelle Berufs- und Weiterbildung an der Obergrundstrasse 51. Blick vom Dach des Gebäudes auf Neustadt und Rigi. (Bild Pius Amrein)

Christof Spöring, Sie sind seit einem Monat im Amt. Mit Lehrabschlussprüfungen und Feiern sowie der laufenden Lehrstellensuche ist in Ihrem Bereich viel los. Konnten Sie sich schon einen Überblick verschaffen?

Christof Spöring: Es ist sicher eine intensive Zeit. Vorerst mache ich vor allem drei Dinge: zuhören, schauen, reden – mit Mitarbeitenden, mit Partnern. Ich kenne das Berufsbildungssystem von Seiten der Lehrbetriebe und Verbände sehr gut aus meiner früheren Tätigkeit. Nun darf ich die kantonale Seite kennen lernen.

Nach Jahren des Lehrstellenmangels war jüngst viel von Lehrlingsmangel die Rede. Plötzlich können attraktive und vor allem auch anspruchsvolle Lehrstellen nicht mehr so einfach besetzt werden. Wo sehen Sie hier die Aufgabe Ihrer Dienststelle?

Spöring: Es ist ein Fakt, dass die Schülerzahlen rückläufig sind. Die Frage lautet: Wie kann man leistungsstarke Schüler noch mehr für die Berufsbildung begeistern? Der Weg über die Berufsmatura ist noch immer zu wenig bekannt und anerkannt. Hier wollen wir verstärkt die Vorteile der Berufsbildung kommunizieren. Weiter wollen wir ab diesem Jahr an allen Berufsfachschulen den Unterricht in gewissen Fächern bilingual in Englisch anbieten. So sollen die in der Sekundarstufe erworbenen Sprachkenntnisse erhalten bleiben und die Lernenden für die Arbeit in einem immer internationaleren Umfeld fit gemacht werden.

Kommt es aufgrund der rückläufigen Schülerzahlen zu einem verstärkten Konkurrenzkampf zwischen Berufsbildung und Gymnasien?

Spöring: Der Kanton vertritt die Haltung, dass eine Maturitätsquote von 19 Prozent beibehalten werden soll. Es kann sein, dass sich einzelne Schulen profilieren wollen. Aber die Gymnasien wollen ihr Niveau sicher auch nicht senken.

Auf der anderen Seite, bei den schwächeren Schülern, braucht es mehr Lehrstellen, wie Sie unserer Zeitung vor drei Wochen sagten. Weshalb?

Spöring:Mit den zweijährigen Berufslehren mit eidgenössischem Attest (EBA) haben wir grundsätzlich ein sehr gutes Instrument für die Integration von weniger starken Schülern. Viele schwächere Schüler öffnen später den Knopf und werden treue und gute Fachkräfte. Viele der starken Schüler machen zudem nach der Berufslehre ein Fachhochschulstudium. Dadurch fehlen den Betrieben dann oftmals wieder Fachkräfte. Die Attestlehren haben aber noch nicht das Renommee, welches sie verdienen.

Was tun Sie, um das zu ändern?

Spöring:In den vergangenen Jahren konnte die Anzahl EBA-Lehrstellen auf über 500 gesteigert werden. Das Team Berufsintegration und Marketing macht aktives Lehrstellenmarketing und begleitet Schüler individuell in die Lehre. Sie akquirieren Lehrstellen, damit möglichst viele den Einstieg in die Berufswelt schaffen. Das ist eine unserer Hauptaufgaben. Dabei arbeiten wir eng mit der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit zusammen. Zurzeit betreut das Team rund 50 Dossiers von Schülern, die per Sommer bereit wären für den Einstieg in eine Lehre, bisher aber die passende Lehrstelle nicht gefunden haben.

Es gibt Stimmen aus dem Gewerbe, die die Attestausbildungen am liebsten wieder abschaffen würden.

Spöring: Das wäre völlig falsch und kann auch nicht im Interesse der Betriebe sein. Die Attestausbildung ist anschlussfähig an das übrige Berufsbildungssystem und gibt den Betrieben Sicherheit über die während der Ausbildung erworbenen Kompetenzen.

Warum sind viele Betriebe so zurückhaltend, wenn es um das Anbieten von Attestlehrstellen geht?

Spöring:Solange die Betriebe gute Lernende für die drei- und vierjährigen Ausbildungen bekommen, nehmen sie lieber diese. Viele stellen sich wohl auch die Frage, ob sie den höheren Betreuungsaufwand für Attestlernende leisten wollen.

Haben die Firmen nicht auch Bedenken bezüglich der Qualität der Abgänger von zweijährigen Lehren?

Spöring:Die Attestausbildungen sind keinesfalls Lehren zweiter Klasse. Die Migros etwa macht damit sehr gute Erfahrungen. Solche Erfolgsgeschichten müssen wir vermehrt erzählen.

Ein Grossbetrieb wie die Migros kann den höheren Betreuungsaufwand eher stemmen als ein Kleinbetrieb.

Spöring: Das kann man so nicht sagen.Es gibt Ausbildner, die ein Flair haben für schulisch Schwächere oder ein geeignetes Umfeld bieten können.

Wenn die guten Schüler knapper werden, versuchen Firmen, sich diese früher zu sichern. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Spöring: Der zu frühe Abschluss von Lehrverträgen ist pädagogisch nicht sinnvoll. Die Berufswahl ist ein einschneidender Prozess, für den die Jugendlichen genug Zeit bekommen sollten. Wir genehmigen Lehrverträge frühestens am 1. September und sensibilisieren für die Thematik. Wenn Lehrverträge schon im Juni zu uns kommen, suchen wir mit den betroffenen Firmen oder Branchenverbänden das Gespräch. Doch eine gesetzliche Handhabe haben wir nicht.

Sie haben gesagt, die berufliche Integration möglichst aller Jugendlicher sei Ihre Hauptaufgabe. Wie steht der Kanton Luzern diesbezüglich da?

Spöring: In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Jugendlichen, die Brückenangebote in Anspruch genommen haben, stetig leicht an. Auch in diesem Jahr werden wir wohl kaum den erhofften Rückgang verzeichnen. Wir erwarten aber, dass die Zahlen aufgrund der intensivierten Anstrengungen der Berufsintegration künftig zurückgehen werden.

Wie können Sie sich verbessern? Die Sparpakete haben auch vor Ihrer Dienststelle nicht Halt gemacht.

Spöring: Die Finanzierung der Bildungsangebote wird in Zukunft wohl tatsächlich zum Knackpunkt werden. Die Berufsbildung des Kantons Luzern steht bezüglich Wirtschaftlichkeit im schweizweiten Vergleich sehr gut da. Und auch qualitativ geniessen wir einen guten Ruf. Wenn wir aber viel einsparen müssen, wird es eng.

Hinweis

Christof Spöring (54) ist seit Juni Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung. Zuvor war er Geschäftsführer von «login Berufsbildung», dem Ausbildungsverbund von über 60 Schweizer Firmen der Verkehrswelt. Spöring ist verheiratet, Vater von vier Kindern und lebt in Luzern.