BERUFSBILDUNG: Gewerbler bekämpfen Sparplan

Nicht nur mit Emil hat die Fachklasse Grafik einen zugkräftigen Fürsprecher bekommen. Auch der Gewerbeverband gibt in der Spardiskussion den Tarif durch.

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Sie weibeln für den Erhalt der Fachklasse Grafik Luzern, hier am Dienstagabend im Schulgebäude (von links): Melk Imboden (Förderverein), Peter Dietschi (Modeschule LU-Couture), Kabarettist Emil Steinberger, Vera Bueller (Förderverein), Gaudenz Zemp (Gewerbeverband) und Urban Sager (Mittelschullehrerverband). (Bild Pius Amrein)

Sie weibeln für den Erhalt der Fachklasse Grafik Luzern, hier am Dienstagabend im Schulgebäude (von links): Melk Imboden (Förderverein), Peter Dietschi (Modeschule LU-Couture), Kabarettist Emil Steinberger, Vera Bueller (Förderverein), Gaudenz Zemp (Gewerbeverband) und Urban Sager (Mittelschullehrerverband). (Bild Pius Amrein)

Interview Jérôme Martinu

Die Offensive der von der Schliessung bedrohten Fachklasse Grafik sorgt weiter für viel Gesprächsstoff. Dies auch darum, weil sich seit der Medienkonferenz vom Dienstagabend auch der einflussreiche Luzerner Gewerbeverband für den Erhalt der Berufsmittelschule starkmacht. Wie Finanzdirektor Marcel Schwerzmann gegenüber unserer Zeitung sagte (Ausgabe vom Mittwoch), sieht die Regierung die Fachklasse Grafik nicht als Pflichtangebot, da es in Luzern bereits ein «breites und qualifiziertes Bildungs- und Ausbildungsangebot im grafischen und im gestalterischen Bereich» gebe. Der Kanton könne sich angesichts der Finanzlage nicht alles leisten.

Wie die Kantonsratsfraktionen von CVP, SVP und FDP gestern auf Anfrage sagten, sind noch keine Positionen pro oder kontra Schliessung bezogen worden. Die SVP hat gestern eine Dringliche Anfrage eingereicht und verlangt Fakten zur Fachklasse. Die GLP ist derzeit tendenziell für den Erhalt. Dezidiert gegen die Schliessung sind SP und Grüne.

Gaudenz Zemp, der Luzerner Gewerbeverband mit seinen rund 11 000 Mitgliedern setzt sich für das Fortbestehen der Fachklasse Grafik ein. Sie betonen hierbei, dass die Praxistauglichkeit «ganz im Interesse des Gewerbes» sei. Aber die Grafik-Fachschüler arbeiten nicht in Betrieben, das ist eine Vollzeitmittelschule. Warum also der dezidierte Support des Gewerbeverbandes?

Gaudenz Zemp*: In dieser Branche gibt es leider praktisch keine Lehrstellen. Ohne Fachklasse müssten Sek-Abgänger erst irgendeine Lehre mit Berufsmatura machen, anschliessend einen einjährigen Vorkurs und dann ein Vollzeitstudium von drei Jahren. Das ist einfach keine Alternative zu einer vierjährigen Ausbildung ab Sekundarstufe. Die Schule bietet einen hohen Praxisteil. Nach dem Abschluss sind die Schüler berufsbefähigt und können sofort in den Betrieben eingesetzt werden.

Gemäss Finanzdirektor Marcel Schwerzmann ist einer der Gründe für die Schliessung, dass sich die grafische Branche weniger stark an der Ausbildung beteiligt als andere Berufsverbände. Ist die Fachklasse Grafik schlicht und einfach zu teuer?

Zemp: Die Schule hat die Kosten innerhalb von wenigen Jahren von 40 000 auf 29 000 Franken pro Schüler gesenkt. Rund 5000 Franken kommen noch vom Bund. Mit netto 24 000 Franken pro Schüler ist ein vernünftiges Kostenniveau erreicht. Es soll aber trotzdem weiter an Kostensenkungen gearbeitet werden.

Hat es die Grafikbranche zu einfach dank der staatlich finanzierten Berufsausbildung?

Zemp: Wir haben viele Einpersonenbetriebe in der Branche. Zudem hat sich hier nie ein starker Verband entwickelt. Seit 140 Jahren ist denn auch die Ausbildung über die Schule der Regelweg. Das alles hat zur aktuellen Situation geführt: Es gibt praktisch keine Lehrstellen.

Entsprechend schlägt die Regierung gemäss einem internen Papier der Bildungsdirektion vor, die wegfallenden Ausbildungsplätze der Fachklasse mit einer Erhöhung des Lehrstellenangebots zu kompensieren.

Zemp: Mehr Lehrstellen wären zwingend nötig. Nur kann der Kanton diese nicht schaffen, das können nur die Betriebe. Da ist die Branche wirklich in der Pflicht. Das braucht aber einen Kulturwandel und sehr viel Zeit. Fällt die Fachklasse weg, so müssten rund 100 Lehrstellen geschaffen werden.

Mit dem Wegfall der Fachklasse Grafik würden jährlich auch 30 junge Frauen und Männer weniger die Berufsmatura machen. Bildungsdirektor Reto Wyss hat in jüngerer Vergangenheit wiederholt betont, dass der Kanton bei der Berufsmatura Nachholbedarf habe.

Zemp: Damit nicht alle guten Schüler ans Gymnasium gehen, braucht die Lehre für diese Gruppe eine attraktive Perspektive. Da ist die Berufsmatura ein wichtiges Element. Die Quote liegt zurzeit bei zirka 12 Prozent, man hätte sie gerne auf 14 Prozent. Hier sind alle gefordert. Ein Argument für das Weiterführen der Fachklasse ist die Berufsmaturaquote aber nicht.

Die 48-köpfige Gewerbegruppe im Kantonsrat hat ein Argumentarium gegen die Schliessung der Fachklasse für die Budgetdebatte zusammengestellt. Wie geschlossen sind die Gewerbler für die Beibehaltung der grafischen Berufsmittelschule?

Zemp: Das Argumentarium hält einfach Fakten und die Sicht der KMU-Wirtschaft fest. Alle Mitglieder der Gewerbegruppe sind frei in ihrer Entscheidungsfindung.

48 Kantonsräte aus CVP, FDP und SVP sind in der Gewerbegruppe, plus die 23 Kantonsräte von SP und Grünen: Damit wäre ein Antrag zur Streichung der Schliessungspläne aus Budget und Aufgaben- und Finanzplan mehrheitsfähig im 120-köpfigen Parlament.

Zemp: Das Geschäft kommt nun zuerst in die Kommissionen. Daraus werden Anträge an den Kantonsrat folgen. Der Ausgang ist offen.

Es sind noch weitere Sparmassnahmen im Bereich Berufsbildung geplant, bis 2019 schlägt das mit über 20 Millionen Franken durch (siehe Box). Wird der Gewerbeverband alle Massnahmen bekämpfen?

Zemp: Wir stellen fest: 21 Prozent des Budgets im Bildungs- und Kulturdepartement fallen auf die Berufs- und Weiterbildung. Bei den Sparmassnahmen fallen jedoch rund 40 Prozent auf den Berufsbildungsbereich – das ist klar überproportional. Mehr kann ich derzeit dazu nicht sagen. Auch wir sind jetzt aufgrund der knappen Zeit bis zur Budgetdebatte Anfang Dezember daran, die Zahlen im Detail zu prüfen und zu beraten.

Wie beurteilt der Gewerbeverband die geplanten Sparmassnahmen im Bildungsbereich insgesamt?

Zemp: Die Bildung ist neben Gesundheit/Soziales der grösste Ausgabenbereich. Selbstverständlich müssen auch hier die Strukturen und Leistungen überprüft werden. Ich glaube, wir alle machen immer wieder die Erfahrung, dass auch in der Bildung Sparpotenzial vorhanden ist.

Und wie stehen die Luzerner Gewerbler zur regierungsrätlichen Finanzplanung bis 2019? Ist die Einnahmensteigerung mittels höherer Steuern für Firmen und/oder Private für Ihren Verband eine Option?

Zemp: Im Moment gibt es eine allgemeine Verunsicherung. Die Löcher in den Finanzen sind ja praktisch über Nacht aufgetaucht. Wir erwarten, dass man jetzt sehr schnell Transparenz und Verlässlichkeit herstellt. Erste Priorität hat für uns ein verbindlicher Aufgaben- und Finanzplan.

* Der Horwer Gaudenz Zemp (52) ist seit August 2014 Direktor des Luzerner Gewerbeverbands, des grössten Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbands im Kanton. Zuvor war er Mitglied der Geschäftsleitung der Hochschule Luzern (HSLU), verantwortlich für Marketing/Kommunikation. Zemp ist seit März 2015 Kantonsrat für die FDP.