BERUFSLEHRE: Fast 500 Lehrstellen bleiben unbesetzt

Knapp 5000 Schulabgänger haben eine Lehrstelle gefunden, ohne Lösung bleiben nur wenige. Das überrascht: Der Bauernberuf ist gefragt.

Guy Studer
Drucken
Teilen
Maurerlehrling Fabian Gassmann (19) aus Uffikon auf einer Baustelle in St. Erhard im vergangenen Juli. (Bild Pius Amrein)

Maurerlehrling Fabian Gassmann (19) aus Uffikon auf einer Baustelle in St. Erhard im vergangenen Juli. (Bild Pius Amrein)

4903 Lehrverträge sind bis Ende August im Kanton Luzern abgeschlossen worden. Zwar sind das 61 weniger als im letzten Jahr. Der leichte Rückgang ist aber auf die gesunkene Schülerzahl zurückzuführen, wie die Dienststelle Berufsbildung gestern vermeldet hat. Erfreulich: Die Zahl der Schulabgänger ohne Anschlusslösung hat abgenommen. Waren es im Mai 2013 noch deren 920, waren es ein Jahr später noch 766. Davon haben 140 noch in letzter Minute eine Lehrstelle gefunden. 455 werden ein Brückenjahr einschalten, und 138 Jugendliche sind in speziellen Programmen, etwa bei der Stiftung Speranza, untergekommen.

Interessenmangel bei Technikern

Bei aller Freude über die gute Beschäftigung der Jugendlichen macht sich auf der anderen Seite eine Lücke immer weiter auf: 497 Lehrstellen konnten dieses Jahr nicht besetzt werden. Das sind 78 mehr als im Vorjahr und so viele wie noch nie in den letzten fünf Jahren (siehe Tabelle). Gemäss Christof Spöring, Leiter der Dienststelle Berufsbildung, liegt das einerseits am fehlenden Interesse für einzelne Berufe. «Besonders betroffen sind technische Berufe, beispielsweise Polymechaniker, aber auch das Baugewerbe mit Berufen wie Maurer oder Zeichner.» Andererseits würden nicht alle Schüler die Anforderungen für den gewünschten Beruf erfüllen.

In den letzten Jahren haben die Betriebe den Jugendlichen immer mehr Lehrstellen angeboten. «Erfreulich ist, dass die Arbeitgeber dieses Jahr mehr Lehrplätze für zweijährige Lehren mit Attest geschaffen haben», erklärt Spöring. Dieses Jahr sei aber aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der Schulabgänger leicht rückläufig.

Sogar Attestlehrstellen bleiben frei

Das bestätigt auch Roland Vonarburg, Präsident des Luzerner Gewerbeverbandes: «Wir haben viele Lehrstellen geschaffen als Reaktion auf die Jugendarbeitslosigkeit.» Bei sinkenden Schülerzahlen würde sich ein Überangebot ergeben. Dass manche Schüler für die gewünschte Lehrstelle nicht das nötige Rüstzeug mitbringen, ist auch für Vonarburg unbestritten. «Im Gespräch mit Vertretern der Gipserbranche wurde mir gesagt, dass aufgrund der mangelnden Fähigkeiten der Kandidaten nicht einmal alle Attestlehrstellen besetzt werden können.» Viele Lehrmeister würden sich auch sagen: «Ich lasse eine Lehrstelle lieber unbesetzt, als dass ich beim Lehrling ein schlechtes Gefühl habe», so Vonarburg.

In den letzten Jahren wurde aus Wirtschafts- und Gewerbekreisen denn auch oft gefordert, dass die Lehrpläne der Schulen entsprechend angepasst werden. Weg von der Fremdsprachenlastigkeit hin zu mehr Mathematik und Deutsch. «Dieses Problem hat man inzwischen erkannt», sagt Vonarburg. Entsprechend werde reagiert, «der Lehrplan 21 beispielsweise geht in die richtige Richtung, wenn auch nicht weit genug aus unserer Sicht».

Gegentrend zur Globalisierung?

Im Grossen und Ganzen sind die bisherigen Topreiter unbestritten. Beliebt sind nach wie vor kaufmännische Berufe sowie Detailhandel und der Gesundheitssektor (siehe Box). Immer beliebter wird auch der Bauernberuf. 126 Landwirt-Lehrlinge sind es – 21 mehr als im Vorjahr –, das reicht für Platz vier unter den beliebtesten Berufen. Christof Spöring dazu: «Das Image des Berufs ist in den letzten Jahren positiver geworden.» Vielleicht sei das auch Resultat eines Gegentrends zur Globalisierung. «Und man darf auch nicht vergessen, dass die Landwirtschaft im Kanton Luzern einen erheblichen Wirtschaftsfaktor darstellt mit einem Anteil von über 10 Prozent der Arbeitsplätze.»

Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bauernverbandes, ist sehr erfreut über diese Entwicklung. Auch für ihn ist das die Folge eines gesellschaftlichen Wandels – sozusagen zurück zu den Wurzeln. «Ich glaube zwar nicht, dass der landwirtschaftliche Beruf je ein schlechtes Image hatte», so Heller. «Der Schwingsport mit Identifikationsfiguren wie Matthias Sempach schadet da aber sicher nicht.» Ebenso wenig, dass etwa der Kilchberg-Schwinget im Fernsehen live übertragen werde. «Man muss aber einfach auch sagen: Es ist ein schöner Beruf, trotz 55-Stunden-Woche.»

Es braucht noch mehr Landwirte

Heller mahnt aber auch: «Entscheidend ist, dass diese Entwicklung nachhaltig und nicht nur ein vorübergehender Trend ist.» Denn der Geburtenrückgang finde auch in der Landwirtschaft statt. «Und wir brauchen diese Leute, gerade im Kanton Luzern, wo der Landwirtschaftszweig wichtig ist.» Heller rechnet vor, dass eigentlich gar 150 Berufseinsteiger pro Jahr nötig wären, um die Hofnachfolge bei 4500 Betrieben zu sichern. Dies, wenn man pro Generation mit 30 Jahren rechnet. «Und nicht dazugezählt sind jene, die in landwirtschaftsnahe Bereiche abwandern oder sich weiterbilden», so Heller.

Das sind die zehn beliebtesten Berufe

Im Kanton Luzern sind gemäss der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung Lehrstellen im kaufmännischen, im gesundheitlich-sozialen Bereich und im Detailhandel am begehrtesten. Das war auch in den Vorjahren bereits so. Eine geringere Nachfrage, auch dies deckt sich mit der bisherigen Entwicklung, ist bei Lehrstellen im gewerblich-industriellen Bereich feststellbar.

Die beliebtesten Berufe der Jugendlichen sind die folgenden (in Klammer die Anzahl Lernende):
Männer
Elektroinstallateur (143)
Kaufmann (143)
Logistiker (126)
Landwirt (126)
Detailhandelsfachmann (98)
Frauen
Kauffrau (382)
Fachfrau Gesundheit (277)
Detailhandelsfachfrau (259)
Fachfrau Betreuung (100)
Detailhandelsassistentin (89)